ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2010Frühes Mammakarzinom: Radiotherapie intraoperativ so gut wie die klassische Methode

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Frühes Mammakarzinom: Radiotherapie intraoperativ so gut wie die klassische Methode

Dtsch Arztebl 2010; 107(36): A-1699 / B-1500 / C-1480

Gulden, Josef

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Frauen mit frühem Mammakarzinom werden heute in der Regel brusterhaltend operiert, gefolgt von einer Bestrahlung und eventuell einer adjuvanten Chemotherapie. Weil 90 % aller Lokalrezidive im selben Quadranten auftreten wie der ursprüngliche Tumor, könnte es reichen, statt einer mehrere Wochen dauernden externen Radiotherapie der ganzen Brust einmalig während der Operation nur das Tumorbett zu bestrahlen (Targeted intraoperative radiotherapy, TARGIT). Dieser Ansatz wurde in der TARGIT-A-Studie (Phase-III-Studie) untersucht.

1 119 Patientinnen (Alter > 44 Jahre) mit Tumoren unter 3,5 cm Größe wurden in neun Ländern auf eine konventionelle Radiotherapie nach Maßgabe des jeweiligen Zentrums randomisiert. Bei 1 113 Patientinnen hingegen wurde nach Entfernung des Tumors die Oberfläche des Tumorbetts intraoperativ mit dem Intrabeam-Applikator über 20 bis 35 Minuten mit 20 Gy bestrahlt, was aus radiobiologischen Gründen einer fraktionierten Dosis von 70 Gy gleichkommt. Patientinnen mit vorab definierten Risikofaktoren wie lobulären Karzinomen konnten zusätzlich extern bestrahlt werden, in dieser Studie 14 %.

Nach vier Jahren waren bei 1,2 % der intraoperativ und bei 0,95 % der extern bestrahlten Frauen ein lokales Rezidiv aufgetreten (Differenz 0,25 %; p = 0,41). Für die Nichtunterlegenheit der neuen Technik war eine Grenze von 2,5 % definiert worden. Komplikationen und Toxizitäten waren in beiden Armen gleich häufig (3,3 versus 3,9 %, p = 0,44); in der intraoperativ bestrahlten Gruppe gab es mehr aspirationspflichtige Wundserome, aber weniger Strahlentoxizitäten vom RTOG-Grad 3–4 (0,5 vs. 2,1 %, p = 0,002).

Fazit: Beim frühen Mammakarzinom, das brusterhaltend operiert werden kann, ist die einmalige intraoperative Bestrahlung des Tumorbetts (gegebenenfalls mit externer Nachbestrahlung) durchaus eine Alternative zur mehrwöchigen externen Radiatio. Damit lassen sich Wartezeiten zwischen Operation und Bestrahlung vermeiden, und auch die Mitbestrahlung intrathorakaler Strukturen wie Herz, Lunge und Ösophagus entfällt weitgehend. Den Autoren zufolge könnte die neue Strategie wegen der einfacheren und zeitsparenden Applikation der Bestrahlung auch Kosten senken.

„Das Konzept der einmaligen intraoperative Bestrahlung ist innovativ und radikal“, kommentiert Prof. Dr. med. Jürgen Dunst (Lübeck). Geändert wurden gegenüber der Standardbehandlung das Zielvolumen (Teilbrust- statt Ganzbrustbestrahlung), die Fraktionierung (bei adjuvanter Bestrahlung ist eine fraktionierte Bestrahlung bislang Pflicht) und die Dosishomogenität (bisher gilt eine Dosisinhomogenität von etwa 15 % als akzeptabel, in der TARGIT-Studie beträgt sie physikalisch 300 %, biologisch über 600 %). Die bisherigen Daten ergäben keinen Nachteil gegenüber der Standardmethode, aber der Effekt der Radiotherapie zeige sich bei Frauen mit Tumoren, bei denen Lokalrezidive spät auftreten, erst nach 5 bis 10 Jahren, so Dunst. Sollten sich die Ergebnisse im weiteren Verlauf der Studie bestätigen, könnte die einmalige intraoperative Bestrahlung des Tumorbetts (gegebenenfalls mit zusätzlicher externer Nachbestrahlung) eine Alternative zum bisherigen Standard sein. Für Deutschland seien Einsparungen unwahrscheinlich, weil die ambulante externe Bestrahlung relativ schlecht vergütet werde. Josef Gulden

Vaidjy JS et al.: Targeted intraoperative radiotherapy versus whole breast radiotherapy for breast cancer (TARGIT-A trial): an international, prospective, randomised, non-inferiority phase 3 trial. Lancet 2010; 376: 91–102.

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