ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2010Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte: Der versteckte Hunger

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Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte: Der versteckte Hunger

Dtsch Arztebl 2010; 107(36): A-1693 / B-1491 / C-1471

Zenner, Hans-Peter

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Die Verantwortung der Wissenschaftler beim Kampf gegen Seuchen und Unterernährung steht im Mittelpunkt der Tagung 2010 in Dresden.

Wer an den Hunger in der Welt denkt, hat die Bilder abgemagerter, ausgemergelter Menschen vor Augen. Diese sichtbare Form des Hungers betrifft weltweit 800 Millionen Menschen. Aber das Problem der Unterernährung ist viel größer. Prof. Dr. med. Hans Konrad Biesalski, Direktor des Instituts für Biologische Chemie und Ernährungswissenschaft der Universität Hohenheim, und der Agrarökonom Prof. Dr. Matin Qaim von der Georg-August-Universität Göttingen weisen auf oft übersehene Formen der Unterernährung hin. Von verstecktem Hunger („Hidden Hunger“), dem Mangel an einem oder mehreren lebenswichtigen Mikronährstoffen, seien mehr als drei Milliarden Menschen betroffen, berichtet Biesalski. So viele Menschen litten an Eisenmangel, gut eine Milliarde sei nicht ausreichend mit Jod und Zink versorgt. Und etwa 500 Millionen Menschen, vor allem Kinder, bekämen nicht ausreichend Vitamin A. Die schwerwiegenden Folgen: erhöhte Kindersterblichkeit, gesteigerte Infektanfälligkeit, Missbildungen oder Erblindung.

Gesucht: Wege aus der Krise

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Wie kann in der Zukunft der Hunger der wachsenden Menschheit gestillt werden? Dies ist eine der zentralen Fragen, der die Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte e.V. (GDNÄ) auf ihrer Tagung „Herausforderung Mensch: Energie, Ernährung und Gesundheit“ vom 17. bis 21. September in Dresden nachgehen will. Die Vereinten Nationen haben im Jahr 2000 die Bekämpfung von extremer Armut und des Hungers in der Welt in ihre Millenniumsziele aufgenommen. Allerdings reichen die bisherigen Erfolge nicht aus. Die GDNÄ diskutiert Lösungsansätze. Qaim wirbt für die Züchtung von Getreide und anderen Nahrungspflanzen mit höheren Mikronährstoffgehalten, zum Teil auch unter Nutzung der Gentechnik.

Geben gentechnisch veränderte Pflanzen Landwirten die Chance, höhere Erträge auf einer bestenfalls gleichbleibenden Ackerfläche zu erzielen? Dazu nehmen Wissenschaftler aus Hochschulen, Forschungsinstituten und Unternehmen Stellung. Nach Ansicht von Prof. Dr. Klaus Hahlbrock, Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung in Köln, ist eine weitere Steigerung der Nahrungsmittelproduktion notwendig. In den Entwicklungsländern richte sich die Hoffnung vor allem auf bessere Anbautechniken und neue Wege der Pflanzenzüchtung. Die Industrieländer könnten zur Lösung der Probleme beitragen durch ökologisch rücksichtsvolleren Anbau, fairen Welthandel und den Verzicht auf futterintensive Massentierhaltung. Nicht nur Hunger, sondern auch Seuchen stellen eine globale Bedrohung für die Menschheit dar. Haben Epidemien im 14. Jahrhundert n. Chr. fünf Jahre gebraucht, um vom Mittelmeer bis zum Nordkap zu dringen, hatte sich die Neue Grippe A/H1N1 im Jahr 2009 in nur fünf Tagen um die ganze Welt verbreitet. Prof. Dr. rer. nat. Jörg Hacker, Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, Halle an der Saale, wird darüber berichten, dass nahezu jedes Jahr neue Infektionserreger auftauchen, die sich zu globalen Epidemien des 21. Jahrhunderts ausbreiten könnten. Bei der Kontrolle von Infektionen spielen, wie Prof. Dr. Dr. Thomas Lengauer vom Max-Planck-Institut für Informatik in Saarbrücken erläutert, Computermodelle aus der Bioinformatik eine zunehmende Rolle.

Neue Tumortherapien

Wurden vor 30 Jahren die ersten monoklonalen Antikörper entdeckt, die heute als Arzneimittel insbesondere bei Krebs zur Verfügung stehen, so arbeitet die Medizinchemie heute an funktionellen Nukleinsäuren, die andere Moleküle spezifisch zu erkennen und zu binden in der Lage sind. Prof. Dr. Michael Famulok, LIMES-Institut, Bonn, stellt Möglichkeiten neuartiger Tumortherapien dar. Im Blickpunkt stehen zudem die Perspektiven der Medizintechnik, die eine gezielte und hochselektive Therapie von Karzinomen mit Schwerionen, den Einsatz hochspezialisierter Robotik und Telemedizin sowie die computergestützte Leberchirurgie erlauben. Prof. Dr. med. Claus Claussen, Universitätsklinikum Tübingen, befasst sich mit dem Paradigmenwechsel in der Radiologie, bei dem nicht mehr die Bilder von Organen des Patienten, sondern sein gesamtes individuelles Krankheitsbild im Mittelpunkt steht.

Prof. Dr. med. Hans-Peter Zenner
Gesellschaft Deutscher Naturforscher und
Ärzte e.V., E-Mail: hans-peter.zenner@
med.uni-tuebingen.de

@Das Programm der 126. GDNÄ-Versammlung vom 17. bis 21. September
in Dresden unter: www.gdnae.de

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