ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2010E-Health-Report: Telematik gewinnt an Bedeutung für die Ärzte

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E-Health-Report: Telematik gewinnt an Bedeutung für die Ärzte

Dtsch Arztebl 2010; 107(36): A-1686 / B-1486 / C-1466

Krüger-Brand, Heike E.

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Die große Mehrheit der Ärzte befürwortet den Einsatz von Gesundheitstelematik und Telemedizin. Niedergelassene Ärzte sind jedoch grundsätzlich skeptischer, was den Nutzen und die Datensicherheit angeht.

Erstmals gibt eine im Auftrag der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) erstellte repräsentative Studie detailliert Auskunft über die Einstellung der Ärzte zu Telematik und Telemedizin. Hintergrund war ein Beschluss des 111. Deutschen Ärztetags 2008 in Ulm, der im Zusammenhang mit den ausufernden Diskussionen um die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) die Bundes­ärzte­kammer damit beauftragt hatte, einen E-Health-Report der Ärzteschaft zu erstellen. Die Studie solle hinsichtlich der Ausgangssituation und der Anforderungen der Ärzte an eine Tele­ma­tik­infra­struk­tur endlich „vom Zustand des Glaubens in den Zustand des Wissens“ führen, meinte BÄK-Vizepräsident Dr. med. Frank Ulrich Montgomery bei der Präsentation der Ergebnisse Ende August in Berlin. „Wir Ärztinnen und Ärzte haben keine Angst vor Telematik und IT, wenn diese Technik sicher ist und das Arzt-Patienten-Verhältnis in keiner Weise beeinträchtigt“, lautete sein Fazit. Die Studie zeige eindrucksvoll, dass die Ärzte mit Telematik und Telemedizin große Hoffnungen für eine bessere Patientenversorgung verbinden.

Grundlage der Erhebung sind knapp 600 Interviews mit niedergelassenen und Krankenhausärzten, die das Institut für Demoskopie Allensbach im April 2010 durchgeführt hat. Nach dem E-Health-Report geht die große Mehrheit der Ärzte davon aus, dass sowohl die Telematik (86 Prozent) als auch die Telemedizin (87 Prozent) im Gesundheitswesen generell an Bedeutung gewinnen werden. Jeweils rund die Hälfte der Ärzte rechnet sogar mit einem starken Bedeutungszuwachs. Die überwiegende Mehrheit (73 Prozent) ist zudem von den Vorteilen der Telematik überzeugt, nur etwa ein Viertel der Befragten sieht vor allem Nachteile.

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Telematik im Krankenhaus bereits gelebte Praxis

Die künftige Bedeutung für den eigenen Arbeitsbereich beurteilen niedergelassene und Krankenhausärzte jedoch recht unterschiedlich. Zwar erwartet auch die Mehrheit der niedergelassenen Ärzte, dass der Einsatz der Telematik in ihrer Praxis eine immer wichtigere Rolle spielen wird, mit 60 Prozent ist dieser Anteil aber wesentlich geringer als bei den Krankenhausärzten (90 Prozent). Ein ähnliches Gefälle zeigt sich bei der Einschätzung der Telemedizin (Grafik 1).

Jüngere Ärzte sind zwar deutlich häufiger von den Vorteilen der neuen Technologien überzeugt als ältere. Dennoch ist die Einstellung zur Telematik nur bedingt eine Generationenfrage. „Die Einschätzungen unterscheiden sich deutlich, nämlich nach dem Ort der ärztlichen Tätigkeit – also ob jemand in der niedergelassenen Praxis oder im Krankenhaus arbeitet“, erläuterte Dr. med. Franz-Josef Bartmann, Vorsitzender des Ausschusses Telematik der BÄK. Während im Krankenhaus der Einsatz von Telematik schon täglich gelebte Praxis sei, glaubten immer noch ein Viertel der Niedergelassenen, dass man sich darauf nicht einstellen müsse, sagte Bartmann. So sind dem Report zufolge die Einschätzungen auch davon beeinflusst, ob bereits Erfahrungen mit externen Netzwerkanbindungen bestehen und in der Praxis damit gearbeitet wird. Wer schon vernetzt ist, geht deutlich häufiger von einer zunehmenden Bedeutung der Telematik in seinem Arbeitsbereich aus und betont die Vorteile der IT, wohingegen Ärzte, die über keine entsprechende Erfahrung verfügen, eher auf die Nachteile hinweisen.

Ähnlich ist die Bewertung telemedizinischer Anwendungen: „Telemedizin geht vom Krankenhaus aus und spielt dort auch eine größere Rolle“, erklärte Bartmann. „Kein Krankenhaus ist auf Dauer überlebensfähig, wenn es sich nicht der Telemedizin öffnet.“ So sehen 80 Prozent der Ärzte einen großen oder sehr großen Nutzen der Teleradiologie, und auch Telekonsultation und Telemonitoring werden überwiegend positiv beurteilt – mit deutlichen Unterschieden zwischen den niedergelassenen und den Krankenhausärzten (eGrafik 1).

Ebenso differenziert ist das Bild bei der Bewertung des Nutzens verschiedener Anwendungsfelder, die im Zusammenhang mit der Einführung der eGK und der Tele­ma­tik­infra­struk­tur diskutiert werden. Nach der Studie sehen die Befragten einen großen bis sehr großen Nutzen in der Speicherung notfallrelevanter Patientendaten (76 Prozent). Von den Vorteilen des elektronischen Arztbriefes und der elektronischen Arznei­mittel­therapie­sicherheitsprüfung (AMTS) sind zwei Drittel überzeugt (eGrafik 2).

Datenverfügbarkeit in den Sektoren unterschiedlich

Auch hier sind die Krankenhausärzte wesentlich positiver eingestellt als die niedergelassenen Ärzte. So erwarten 73 Prozent der Krankenhausärzte von der „elektronische Patientenakte“ (ePA) eine große Verbesserung, wohingegen lediglich 36 Prozent der niedergelassenen Ärzte dieser Ansicht sind (Grafik 2). Ähnlich driftet die Bewertung bei den Notfalldaten auseinander: 79 Prozent der Krankenhausärzte sind von dem großen Nutzen überzeugt gegenüber 57 Prozent der niedergelassenen Ärzte. Dies ist nach Bartmann darauf zurückführen, dass sich die Verfügbarkeit von Informationen im ambulanten und im stationären Sektor stark unterscheidet: „Die Verfügbarkeit der Patientendaten im Krankenhaus ist nach wie vor Glückssache, denn dort sind die eingewiesenen Patienten in der Regel unbekannt“, so Bartmann. Bei einer stationären Aufnahme wäre es für die Ärzte daher von hohem Nutzen, auf einen Not­fall­daten­satz oder gar eine ePA des Patienten zugreifen zu können. Hingegen profitierten vor allem die Hausärzte immer noch von einer sehr großen Patiententreue über Jahre hinweg. Anreize, ihre Informationen elektronisch aufzuarbeiten und den Fachkollegen gegebenenfalls zur Verfügung zu stellen, fehlen derzeit. Ihre Einschätzung der Anwendungen richtet sich naturgemäß vor allem am Nutzen für die eigene Patientenbehandlung aus.

Wenig Verbesserungspotenzial messen die Ärzte hingegen dem elektronischen Rezept (eRezept) bei. Dies verdeutliche, dass die Ärztinnen und Ärzte die medizinischen Anwendungen der Karte in den Mittelpunkt gerückt sehen wollen, betonte Bartmann. Zwar sei das eRezept die logische Bedingung für die AMTS, die Erfahrungen in den eGK-Testregionen hätten jedoch gezeigt, dass der damalige Ansatz nicht praktikabel gewesen sei. „Wenn man jedoch AMTS als Ziel sieht, muss man akzeptieren, dass das eRezept die Vorbedingung dafür ist“, merkte Bartmann an. Auffällig ist noch eine weitere große Diskrepanz zwischen ambulant und stationär tätigen Ärzten: „Jeder fünfte niedergelassene Arzt sieht überhaupt keinen Nutzen in irgendeiner Telematikanwendung“, so Bartmann. Bei den Krankenhausärzten äußere dies praktisch niemand.

Erhebliche Bedenken bei Kosten und Datenschutz

Auch wenn für die Mehrheit der Ärzte grundsätzlich die Vorteile der Telematik und der Telemedizin überwiegen, bestehen bei vielen Ärzten dennoch Bedenken. So sind die meisten Ärzte zwar in hohem Maße davon überzeugt, dass der Telematikeinsatz zu einer Erleichterung der integrierten und fachübergreifenden Versorgung führen wird, prinzipiell verbesserte Behandlungsmöglichkeiten erwartet aber nur knapp jeder zweite Arzt (eGrafik 3). Zugleich befürchtet die Mehrheit, dass der Einsatz der Telematik mit hohen Kosten für die Ärzte verbunden ist und der Schutz von Patientendaten nicht ausreichend gewährleistet ist. Auch in diesen Punkten zeigen die niedergelassenen Ärzte deutlich mehr Vorbehalte als die Krankenhausärzte: Nur 37 Prozent der niedergelassenen Ärzte erwarten etwa eine wesentliche Erleichterung der integrierten Versorgung, dagegen 73 Prozent der Krankenhausärzte. Umgekehrt sind die niedergelassenen Ärzte weit überdurchschnittlich von hohen Kostenbelastungen, einem unzureichenden Datenschutz und einer möglichen Beeinträchtigung des Arzt-Patienten-Verhältnisses überzeugt.

„Wir müssen diese Sorgen sehr ernst nehmen“, betonte Montgomery. Dies zeigten auch die jüngsten Ärztetagsbeschlüsse in Dresden, in denen klar formuliert sei, worauf es beim Telematikeinsatz im Gesundheitswesen ankomme. Danach müsse darauf geachtet werden, dass Daten gezielt versandt werden können, „ohne dass sie in falsche Hände gelangen“. Elektronische Patientenakten gehörten in die Hand des Hausarztes, des Patienten und gegebenenfalls des behandelnden Arztes in Klinik und Praxis, mit Sicherheit aber nicht in die Hände von Krankenkassen. Die Ärzteschaft werde diese Vorgaben in die Arbeit der eGK-Betreibergesellschaft Gematik einbringen. „Wir werden peinlichst genau darauf achten, dass diese Beschlüsse adäquat umgesetzt werden“, betonte der BÄK-Vize.

Erste Schritte dazu seien bereits erfolgt, erklärte Bartmann. Nach der Neuregelung der Zuständigkeiten innerhalb der Gematik kümmert sich die Bundes­ärzte­kammer um den Not­fall­daten­satz, der auf der eGK gespeichert werden soll. „Damit sind wir genau für die Anwendung zuständig, der die Ärzte nach dem E-Health-Report die größte Bedeutung beimessen.“

Heike E. Krüger-Brand

@Der E-Health-Report in Kurz- und Langfassung und eGrafiken im
Internet: www.aerzteblatt.de/101686

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