ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2010Interessenkonflikte: Konsequent offenlegen

POLITIK

Interessenkonflikte: Konsequent offenlegen

Dtsch Arztebl 2010; 107(36): A-1674 / B-1481 / C-1461

Osterloh, Falk

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Interessenkonflikte bestehen in allen Bereichen des Gesundheitswesens. Um einem Vertrauensverlust entgegenzuwirken, empfiehlt die AWMF ihren Mitgliedern nun: aufdecken und ausschließen.

Geht es um das Thema Interessenkonflikte im Gesundheitswesen, denken zunächst viele an niedergelassene Ärzte und Beeinflussungsversuche von Pharmareferenten. Doch das Feld sei noch weit größer, sagt Prof. Dr. med. Claudia Spies, Leiterin der Kommission „Interessenkonflikte“ bei der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): „Neben der Interaktion zwischen Industrie und ärztlicher Profession existieren deutlich mehr Interessenkonflikte, zum Beispiel bei nichtärztlichem medizinischem Personal, bei manchen Patientenvertretungen, aber auch bei den an der Finanzierung des Gesundheitswesens beteiligten Organisationen.“

Die Auswirkungen von Interessenkonflikten sind schwer fassbar. Valide Daten dazu gibt es nicht. Und die kann es auch nicht geben, sagt Spies: „Ein Interessenkonflikt ist nicht das Ergebnis einer Handlung, nicht ein verzerrtes Urteil oder eine verzerrte Bewertung, sondern es ist ein Zustand. Und deshalb kann er auch nicht gezählt werden.“ Ein Interessenkonflikt könne sowohl materieller als auch psychologischer oder sozialer Natur sein. Und er habe nichts damit zu tun, ob sich eine Person beeinflusst fühle oder nicht.

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Auch Fachgesellschaften und Berufsverbände sind nicht davor gefeit. Deshalb hat die AWMF nun Empfehlungen zum Umgang mit Interessenkonflikten bei Fachgesellschaften herausgegeben, die sich in Teilen an den Empfehlungen des US-amerikanischen Institute of Medicin orientieren. Die Strategie der AWMF heißt dabei: Konsequent offenlegen. Und zwar nach vier Prinzipien:

  • Jede entgeltliche oder unentgeltliche Zuwendung muss offengelegt werden (Transparenzprinzip).
  • Jede entgeltliche oder unentgeltliche Zuwendung muss unabhängig von Entscheidungen beziehungsweise Geschäften sein (Trennungsprinzip).
  • Leistung und Gegenleistung müssen in einem angemessenen Verhältnis stehen (Äquivalenzprinzip).
  • Alle Leistungen müssen schriftlich festgehalten werden (Dokumentationsprinzip).

„Nicht sanktionieren, sondern motivieren“

„Die Offenlegung von Interessenkonflikten sollte in allen Zeitschriften der Fachgesellschaften und ihren Berufsverbänden bindend sein“, heißt es in den Empfehlungen. Wenn Fachgesellschaften bei der Organisation von Kongressen mit der Industrie zusammenarbeiteten, müsse eine gleichwertige Gegenleistung des Veranstalters an den Sponsor erfolgen, fordert die AWMF, beispielsweise eine Anzeigenschaltung im Kongressprogramm. Die Förderung einer Veranstaltung müsse sich zudem auf einen objektiven und sachlichen Grund stützen, zum Beispiel auf den wissenschaftlichen Inhalt des Programms. Darüber hinaus müsse die Fachgesellschaft von jedem einzelnen Referenten einfordern, vor Beginn der Veranstaltung seine Interessenkonflikte offenzulegen. Die AWMF fordert die Fachgesellschaften auf, ihre Kongresse einschließlich des Finanzierungssystems so zu gestalten, dass sie von der Industrie weitgehend unbeeinflusst sind. Falls dennoch eine Finanzierung über die Industrie erfolge, solle diese detailliert und standardisiert offengelegt werden, beispielsweise durch Angabe des Sponsorings im Kongressprogramm.

Auch alle an der Entwicklung von Leitlinien beteiligten Experten müssen mit Hilfe eines Formblatts schriftlich ihre Interessenkonflikte aufzeigen. Die AWMF will dazu eine Befangenheitsskala entwickeln, „um eine Reproduzierbarkeit der Bewertungen zu gewährleisten“, wie es in den Empfehlungen heißt. Wer als befangen eingestuft wird, soll nicht an der Leitlinienentwicklung beteiligt werden. Wenn zudem eine Finanzierung der Leitlinienentwicklung durch Dritte vorliege, werde die Leitlinie von der AWMF abgelehnt, erklärt Spies. Weitere Sanktionsmöglichkeiten stehen der AWMF nicht zur Verfügung. „Wir wollen aber auch nicht sanktionieren, sondern motivieren“, sagt Spies.

Abschließend betont die AWMF, dass die Zusammenarbeit der Fachgesellschaften mit der Industrie eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung innovativer Therapiekonzepte sei. „Moderne Technologie hat es zum Beispiel in meinem Fachgebiet möglich gemacht, dass nicht mehr jeder 3 000ste Patient bei der Narkose verstirbt, wie noch vor fünfzig Jahren, sondern jeder 100 000ste“, sagt Spies. „Das wäre ohne die gemeinsame Entwicklung von Gerätschaften und Therapieverfahren mit der Industrie nicht gelungen. Es muss aber sichergestellt werden, dass dieser Fortschritt nicht durch forsche Marketingstrategien missbraucht wird.“

Falk Osterloh

institut gegründet

Um dem zunehmenden Angebot an Leitlinien zu begegnen, hat die AWMF im Mai das Institut für Medizinisches Wissensmanagement (AWMF-IMWi) gegründet. Aufgaben des Instituts sind insbesondere die Pflege des Leitlinienregisters, die methodische Unterstützung von Leitliniengruppen und der Ausbau der AWMF-Seminare für Leitlinienentwickler. Darüber hinaus wird es die AWMF im Netzwerk nationaler Qualitätsinitiativen und im internationalen Leitliniennetzwerk vertreten. Das Institut wird von Prof. Dr. med. Ina B. Kopp geleitet und ist am Fachbereich Medizin der Philipps-Universität Marburg angesiedelt.

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