ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2010Arztzahlstudie von BÄK und KBV: Die Lücken werden größer

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Arztzahlstudie von BÄK und KBV: Die Lücken werden größer

Dtsch Arztebl 2010; 107(36): A-1670 / B-1478 / C-1458

Richter-Kuhlmann, Eva

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Der Prognose zufolge ist ein Ende des Ärztemangels nicht in Sicht. Die Gründe sind vielfältig: Die demografische Entwicklung, der medizinische Fortschritt und ein hoher Frauenanteil in der Medizin gehören dazu.

Als „Zahlentrickserei“ bezeichnet die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) die neue Arztzahlstudie von Bundes­ärzte­kammer (BÄK) und Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) und ignoriert die Sorge um einen künftigen Ärztemangel. „Wir haben mehr Fachärzte als genug, und es gibt keinen seriösen Hinweis, dass sich dies in absehbarer Zeit ändern würde“, erklärte Johann-Magnus von Stackelberg, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des GKV-Spitzenverbandes, prompt.

Die ärztlichen Standesorganisationen sind sich hingegen sicher, dass der Ärztemangel in Deutschland zunehmend zu einem ernsten Versorgungsproblem wird: Die Zahl der Hausärzte wird der aktuellen Arztzahlstudie zufolge in den nächsten zehn Jahren voraussichtlich um 7 000 sinken. Insgesamt müssen bis zum Jahr 2020 in der ambulanten Versorgung 51 774 Ärzte ersetzt werden. „Die Studie belegt klar, dass Ärztemangel kein irgendwann zu erwartendes Phänomen ist, sondern akut droht“, betonte Dr. med. Andreas Köhler, Vorstandsvorsitzender der KBV. Nicht nur bei den Hausärzten, sondern auch bei Augen-, Frauen-, Haut- und Nervenärzten drohten bereits Engpässe. Ferner werden in der stationären ärztlichen Versorgung Lücken klaffen. „Wir befinden uns auf dem Weg in eine Wartelistenmedizin. Es gibt eine fortschreitende Ausdünnung der ambulanten Versorgung in der Fläche und wachsende Zugangsprobleme zu manchen hochspezialisierten Versorgungsangeboten“, sagte der Vize-Präsident der BÄK, Dr. med. Frank Ulrich Montgomery. Die Zahlen sprechen für sich: Schon jetzt sind in den Kliniken 5 000 Stellen unbesetzt. Hinzu kommt, dass in den nächsten zehn Jahren knapp 20 000 Ober- und Chefärzte altersbedingt ausscheiden werden. Diese Prognose erstellten BÄK und KBV aus dem Durchschnittsalter der Ärzte, das 2009 bei 51,9 Jahren lag.

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Die Kassen verweisen dagegen auf die absoluten Arztzahlen. Und diese steigen bei etwa konstanter Bevölkerungszahl seit einigen Jahren. Seit 1990 erhöht sich die Zahl der ambulant tätigen Mediziner deutlich. Doch die ausschließliche Betrachtung der Absolutzahlen gleicht einer Milchmädchenrechnung. Das „Paradoxon Ärztemangel trotz steigender Arztzahlen“ erklärt sich durch mehrere Faktoren, die jedoch nur teilweise zu beeinflussen sind. Zu ihnen zählen die Entwicklung der Gesamtbevölkerung sowie auch die der Ärzteschaft selbst, der medizinische Fortschritt, der Strukturwandel in der Medizin, der mit einem wachsenden Frauenanteil einhergeht, sowie die Abwanderung des medizinischen Nachwuchses.

Die Ärzteschaft wird älter

„Der Anteil der über 59-Jährigen an der Gesamtbevölkerung ist von 1991 bis 2008 um ein Fünftel – von 20,4 auf 25,6 Prozent – gestiegen“, erläuterte Montgomery. Dabei wisse man, dass sich die durchschnittliche Anzahl von Krankheiten bei den 70- bis 80-Jährigen deutlich gegenüber den 20- bis 30-Jährigen erhöhe. „Infolgedessen hat die Behandlungsintensität erheblich zugenommen.“ Hinzu kommt das höhere Durchschnittsalter der Ärzteschaft selbst (Grafik 1). „Der hohe Anteil an Kolleginnen und Kollegen mit einem Alter über 50 (56 Prozent) beziehungsweise über 60 Lebensjahren (16 Prozent) nimmt stetig zu. Viele von ihnen werden künftig keinen Nachfolger mehr finden, wenn sich an den aktuellen Bedingungen nicht zeitnah etwas ändert“, prognostizierte der BÄK-Vize-Präsident. Bis zum Jahre 2020 werden mindestens 71 600 Ärztinnen und Ärzte ausscheiden (Tabelle), davon knapp 52 000 Vertragsärzte (e-Grafik 1). Ein erheblicher Ersatzbedarf wird vor allem in den neuen Ländern entstehen.

Auch ausländische Ärztinnen und Ärzte können diese Lücken nicht vollständig stopfen. Allein 2009 wanderten zwar 1 927 Ärzte – vor allem aus Österreich und Osteuropa – nach Deutschland ein; knapp 20 000 ausländische Mediziner sind momentan hierzulande ärztlich tätig (e-Grafik 2). Gleichzeitig wanderten jedoch allein im vergangenen Jahr 2 486 deutsche Ärztinnen und Ärzte in die Schweiz, nach Großbritannien, Skandinavien und in andere Länder aus (Grafik 2). Damit sind insgesamt gegenwärtig rund 17 000 deutsche Mediziner im inner- und außereuropäischen Ausland tätig. „Sie fehlen uns hier. Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass die Arbeitsbedingungen für Ärzte in Deutschland attraktiver werden“, erklärte Köhler.

Reagieren wollen die Organisationen auch auf die Tatsache, dass die Medizin weiblich wird. Etwa 60 Prozent der Medizinstudierenden sind mittlerweile Frauen. „Dieser Wandel tut der Medizin gut“, betonte Montgomery. „Wir müssen uns aber darauf einstellen, dass Frauen oftmals andere Lebensperspektiven haben als Männer.“ Sie stellten sich intensiver familiären Aufgaben. Das bedinge, dass sie weniger Arbeit pro Zeiteinheit zur Verfügung stellen könnten. Vor diesem Hintergrund bedeute der Anstieg des Frauenanteils in der Ärzteschaft von 33,6 Prozent im Jahr 1991 auf 42,2 Prozent im Jahr 2009 eine gewaltige Veränderung des zur Verfügung stehenden Arbeitsvolumens (e-Grafik 3). So werden derzeit Teilzeitstellen vor allem von Ärztinnen genutzt. Im Jahr 2008 arbeitete etwa ein Viertel der berufstätigen Ärztinnen weniger als 30 Stunden pro Woche, im Vergleich zu etwa fünf Prozent der männlichen Kollegen. Unter dem Strich führten auf diese Weise zwischen 2000 und 2007 acht Prozent mehr Krankenhausärztinnen und -ärzte zu 0,3 Prozent weniger Arbeitsangebot.

Weitere Probleme sehen BÄK und KBV bereits im Studium. So bringen längst nicht alle der derzeit etwa 76 042 Medizinstudierenden (Stand 2008) ihr Studium zu Ende. In den Jahren 2003 bis 2008 schlossen von 61 500 Studienanfängern 11 000 (17,9 Prozent) ihr Studium nicht ab. „Somit hat in sechs Jahren etwas mehr als ein Anfängerjahrgang das Studienziel Arzt nicht erreicht“, so Köhler. Auch nicht alle Absolventen meldeten sich bei einer deutschen Ärztekammer: Sie arbeiten entweder nicht als Arzt oder sind direkt nach dem Studium ins Ausland gegangen. „Das kann auch an der fehlenden Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Arztberuf liegen. Daran müssen wir arbeiten“, erklärte Köhler.

Der KBV-Vorsitzende will sich ebenfalls für weitere Verbesserungen einsetzen. „Immer weniger junge Ärztinnen und Ärzte lassen sich in unterversorgten Gebieten nieder. Deswegen ist es wichtig, der nachwachsenden Generation Alternativen zu bieten“, betonte Köhler. Daher sollten mehr Flexibilität möglich und wirtschaftliche Risiken bei einer Niederlassung minimiert werden. „Die Zukunft gehört immer weniger der Einzelpraxis, sondern zunehmend Berufsgemeinschaften“, meinte er. Denn hier sei es möglich, als Angestellter oder auf Halbtagsbasis zu arbeiten. Zudem sei der kollegiale Austausch deutlich einfacher.

Bessere Bezahlung

„Wir müssen den Arztberuf wieder attraktiver machen“, erklärte auch Montgomery. „Ärztliche Arbeit muss sich lohnen – privat und finanziell.“ Dazu gehörten mehr Stellen in den Krankenhäusern und eine bessere Bezahlung, der Abbau von Überstunden und Diensten, Entlastung von Bürokratie und Angebote für Kinderbetreuung sowie Anerkennung der Leistung der Selbstverwaltung und schließlich eine bessere Anerkennung und Vergütung der Arbeit niedergelassener Ärztinnen und Ärzte. Um den Ärztemangel abzubauen, wollen BÄK und KBV intensiv mit dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium zusammen-arbeiten. Erforderlich sei es zudem, den zu erwartenden Ärzte- und Behandlungsbedarf genauer zu ermitteln und sektorenübergreifend zu planen.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

@eGrafiken im Internet:
www.aerzteblatt.de/101670

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