ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2010Ad-hoc-dienste in Grossbritannien: Andere Länder, andere Sitten

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Ad-hoc-dienste in Grossbritannien: Andere Länder, andere Sitten

Dtsch Arztebl 2010; 107(36): A-1717 / B-1517 / C-1497

Bretschneider, Herwig

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Unkenntnisse über die Anforderungen an einen Notdiensteinsatz in der Primärarztversorgung im Vereinigten Königreich können die berufliche Existenz gefährden.

Ein Kurzeinsatz mit Folgen – Zwischenfälle bei der Verordnung von Diamorphin durch deutsche Ärzte in England häufen sich. Fotos: iStockphoto
Ein Kurzeinsatz mit Folgen – Zwischenfälle bei der Verordnung von Diamorphin durch deutsche Ärzte in England häufen sich. Fotos: iStockphoto

Seit etwa sechs Jahren organisieren lokale Primary Healthcare Trusts (PCTs) die Notdienstversorgung („out of hours“, OOH) im Primärarztbereich in Großbritannien. PCTs sind eine Art Mischung aus Kassenärztlicher Vereinigung und gesetzlicher Krankenkasse. Das Personal für die OOH-Versorgung rekrutieren die PCTs häufig mit Hilfe von Agenturen. In ländlichen Regionen und vor allem zu Festtagen wie Weihnachten ist es jedoch manchmal schwierig, ausreichend inländische Ärztinnen und Ärzte zu finden. Die Agenturen greifen dann häufig auf Ärzte aus dem europäischen Ausland zurück, unter anderem aus Deutschland.

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Da sich Behandlungsrichtlinien, Verordnungsgewohnheiten und das ärztliche Berufsrecht im Vereinigten Königreich (UK) mitunter deutlich von den deutschen Vorgaben unterscheiden, empfiehlt es sich, sich gut auf einen Aufenthalt in Großbritannien vorzubereiten.

Denn Unkenntnis über die Anforderungen an einen Notdienst-einsatz in der Primärarztversorgung im UK kann sowohl für den Arzt als auch für die Patienten gravierende Folgen haben. Das zeigen die jüngsten Zwischenfälle mit der Verordnung von Diamorphin durch deutsche Allgemeinärzte. Die betroffenen Kollegen waren jeweils nur für Kurzaufenthalte in Großbritannien.

Diamorphin ist in Deutschland als „Heroin“ bekannt. Sein Besitz oder Gebrauch sind hierzulande illegal. Im Vereinigten Königreich ist Diamorphin jedoch nach wie vor legal verordnungsfähig und beliebt, weil es weniger emetische Nebenwirkungen hat als Morphin.

Als Faustregel gilt: 5 mg Diamorphin entsprechen etwa 10 mg Morphin. Das Mittel ist als gefriergetrocknetes Pulver in 5-, 10-, 30- und 100-mg-Ampullen erhältlich. Vor der Verabreichung ist es mit 2–5 ml Glukose, Natriumchlorid oder Aqua aufzulösen. Als Indikation für die 100-mg-Dosierung gilt in der Regel lediglich die Behandlung von Patienten mit terminalen Tumorschmerzen. Für nicht Drogenabhängige oder anderweitig chronisch mit Opiaten behandelte Patienten kann diese Dosis wegen der damit verbundenen Atemdepression tödlich sein.

Bei den bekanntgewordenen Zwischenfällen wurde offenbar Diamorphin 100 mg intravenös verabreicht. In mindestens einem Fall war diese Dosis tödlich. Dem Kollegen, dessen Patient nach Diamorphingabe gestorben ist, wurde vom General Medical Council (GMC) ein Berufsverbot erteilt. Dass er in Deutschland weiterhin praktizieren darf und nur wegen fahrlässiger Tötung verurteilt wurde, hat die Gemüter sehr erregt und zu Aktionen der Angehörigen des Verstorbenen gegen den Arzt geführt. Sie verlangen unter anderem den Entzug der deutschen Approbation.

Eine gute Vorbereitung und entsprechende Vorkenntnisse über die Verhältnisse in Großbritannien bei Ad-hoc-Einsätzen über ein Wochenende sind daher unerlässlich. Hilfreich sind hierbei die „British National Formulary“ (BNF) und die „British National Formulary for Children“ (BNF-C), das englische Äquivalent zur Roten Liste. Beide Bücher haben DIN-A-5-Taschenbuchformat und informieren über Verordnungsgewohnheiten und zu Fragen bezüglich Dosierungen.

Ebenfalls verbindlich sind und als bekannt vorausgesetzt werden die Behandlungsrichtlinien des „National Institute for Clinical Excellence“ (NICE), die im Internet als „NICE Guidelines“ ebenso zugänglich sind wie das BNF. Empfehlenswert ist ferner das „Oxford Handbook of General Practice“, das im Vereinigten Königreich sowohl als Nachschlagewerk als auch als Standard für Ärzte in der Ausbildung zum General Practitioner (GP) dient.

Voraussetzung für jegliche ärztliche Tätigkeit ist eine Registrierung beim GMC und seit Oktober 2009 außerdem die Erteilung einer Lizenz durch das GMC. Die Kosten hierfür betragen jährlich 410 Britische Pfund. Nähere Informationen gibt es im Internet unter www.gmc-uk.org.

Für GPs ist es weiterhin erforderlich, auf der „performers list“ einer PCT zu stehen. Nähere Auskünfte hierzu sind erhältlich unter www.nasgp.org.uk/lists/performers_lists_faq_doh.pdf.

In Europa ausgebildete Allgemeinärzte benötigen auch eine Bescheinigung vom GMC, dass sie vom Nachweis einer GP-Ausbildung im UK ausgenommen sind. Darüber hinaus werden in der Regel zwei Referenzen verlangt, das heißt Name und Kontaktdetails von Kollegen, die bereit sind, Anfragen zur beruflichen Qualifikation zu beantworten.

Anders als Krankenhausärzte müssen GPs sich selbst um eine Haftpflichtversicherung kümmern, deren Beiträge sich nach den durchschnittlichen wöchentlichen Arbeitsstunden richten. Die bekanntesten sind die Medical Defense Union, die Medical Protection Society und die Medical and Dental Defense Union of Scotland, an die man sich direkt wenden kann.

GPs, die am OOH-Service teilnehmen, wird die Ausrüstung gestellt. Es ist ratsam, sich vor Antritt einer Hausbesuchs-Dienstbereitschaft mit ihr vertraut zu manchen, am besten vor dem ersten Einsatz. Zur Ausrüstung gehören neben einem Medikamentenkoffer in der Regel ein Defibrillator und ein Beatmungsgerät. Wie in Deutschland wird man von einem Fahrer zum Einsatzort gebracht, so dass Ortskenntnisse in der Regel nicht notwendig sind.

Dr. med. Herwig Bretschneider
Arzt für Anästhesie
Consultant Anaesthetist

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