ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2010Münsterland: Gänzlicher Mangel an Gebirgen

KULTUR

Münsterland: Gänzlicher Mangel an Gebirgen

Dtsch Arztebl 2010; 107(36): A-1709 / B-1509 / C-1489

Lädtke, Manfred

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Stille Ländlichkeit prägt die 100-Schlösser-Route, die Radler an Burgen, Herrensitzen und Höfen über 1 400 „platte“ Kilometer führt.

Diese Landschaft ist so „anmuthig wie der gänzliche Mangel an Gebirgen, Felsen und beliebten Strömen dieses nur immer gestattet“, schrieb die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff vor fast 200 Jahren über ihre Heimat. Mag sein, dass diese der Westfälin, die häufig nach Süddeutschland reiste, zu flach erschien. Für passionierte Radler ist das platte Westfalenland hingegen geradezu ideal. Findige Münsterländer nutzten schon vor 25 Jahren die überschaubare Wald- und Wiesenlandschaft mit den trutzigen Wasserschlössern für Deutschlands erste Themen orientierte Radroute. Allein 1 400 Kilometer misst die 100-Schlösser-Route. Routenvorschläge leiten gemütliche und sportliche Radler über Etappen von täglich 15 bis 70 Kilometern – je nach Lust und Puste.

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Einer der reizvollsten Abschnitte der Schlösserroute führt von Münster über Havixbeck, Nottuln und Lüdinghausen nach Nordkirchen. Burgen, Herrensitze, Gräftenhöfe und Natur pur sind 90 Kilometer lang die Wegbegleiter auf einem Dreitagetrip mit Quartier in landestypischen Hotels. Von Münsters Innenstadt aus über das Rüschhaus zum Schloss Hülshoff sind 15 Kilometer zurückzulegen. „Klein wie ein Mauseloch, aber doch sehr lieb“, fand der münsterische Dichter und Freund von Droste-Hülshoff, Levin Schücking, das grünumhegte Rüschhaus. In einem Brief formulierte er: „Man könnte in dieser stillen Ländlichkeit vergessen, dass es draußen jenseits der Büsche noch eine Welt, noch Lärmen und Aufregung gibt.“ 20 Jahre verbrachte Droste-Hülshoff in dem Landhaus, in dem „Die Judenbuche“ entstand. Das Geburtshaus der Schriftstellerin ist die fünf Kilometer entfernte Burg Hülshoff. Auf dem Turmboden der Wasserburg brachte sie erste Reime zu Papier, schrieb Operntexte und Partituren.

Von links nach rechts: Im Rüschhaus verbrachte Annette von Droste-Hülshoff 20 Jahre ihres Lebens. Die Burg Hülshoff, Geburtshaus der Dichterin, beherbergt das Droste-Museum. Die Wasserburg Vischering in Lüdinghausen ist eine der besterhaltenen mittelalterlichen Ringmantelburgen. Fotos: Manfred Lädtke
Von links nach rechts: Im Rüschhaus verbrachte Annette von Droste-Hülshoff 20 Jahre ihres Lebens. Die Burg Hülshoff, Geburtshaus der Dichterin, beherbergt das Droste-Museum. Die Wasserburg Vischering in Lüdinghausen ist eine der besterhaltenen mittelalterlichen Ringmantelburgen. Fotos: Manfred Lädtke

Bei der hufeisenförmigen Anlage Haus Havixbeck wird die „Leetze“ (Fahrrad) in Südwestposition gedreht. Bis nach Nottuln heißt es kräftig strampeln, auf und ab durch die waldreichen Baumberge. Die Weiterfahrt durch das südliche Münsterland ist ein flottes „Rollen“ durch saftige Wiesen, vorbei an properen Höfen und grasenden Pferden. Schlosspiktogramme halten die Radler auf Kurs. Wo morgens Frühnebel aus dem Boden steigen und sich in Erlen zerfransen, umschmeichelt jetzt die Abendsonne die Burg Vischering bei Lüdinghausen. 755 Jahre Geschichte spiegeln sich im Wassergraben der Rundburg wider. Ein Bischof ließ die Anlage bauen, als die Macht der Herren von Lüdinghausen auf benachbarten Burgen größer wurde. Der Landesherr wollte verhindern, dass der Einfluss der Junker zu groß wurde. Erst nach dem Westfälischen Frieden 1648 wandelte sich der Charakter der Wasserburgen von kriegerischen Festungen zu herrschaftlichen Adelssitzen.

Letzte Ausfahrt ist Nordkirchen. Wer es groß mag und repräsentativ, für den ist Schloss Nordkirchen der Höhepunkt jeder Wasserburgenfahrt. Die Baumeister wollten um 1700 ein „Westfälisches Versailles“ errichten. Johann Conrad Schlauns weitläufige Gartenanlage scheint aus dem Wasser herausgewachsen zu sein.

Sonntags werden Führungen durch das Schloss angeboten. Viele andere bewohnte Wasserburgen in Privatbesitz haben dagegen für Besucher die Zugbrücke hochgeklappt. Was den Herrschaften nachzusehen ist. Welcher Hausherr lässt schon gern seine Kunstschätze fotografieren oder sich von Touristen fragen: „Wo ist denn das Schlafzimmer, darf ich da mal filmen?“

Manfred Lädtke

Information: www.muensterland-tourismus.de, Übernachtung: „Steverburg“ bei Nottuln, „Mutter Siepe“ in Lüdinghausen/Seppenrade, „Jagdschlösschen“ in Ascheberg

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