ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2010Turnier in Bad Neuenahr: Nicht nur ein Brett vorm Kopf

KULTUR

Turnier in Bad Neuenahr: Nicht nur ein Brett vorm Kopf

Dtsch Arztebl 2010; 107(36): A-1710 / B-1510 / C-1490

Pfleger, Helmut

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Fotos: Josef Maus
Fotos: Josef Maus

Zur 18. Schachmeisterschaft für Ärztinnen und Ärzte waren erneut 144 Teilnehmer aus ganz Deutschland nach Bad Neuenahr gekommen. Eindrücke und Einblicke von Dr. med. Helmut Pfleger, Arzt und Internationaler Schachgroßmeister.

Rechtzeitig zum 18. Ärzteschachturnier in Bad Neuenahr war das Wetter zwar nicht schachideal, sprich ununterbrochen nasskalt, aber immerhin versteckte sich die Sonne, die selbst manch hartgesottenen Schachspieler schon mal vom Brett weglocken kann, weitestgehend. Gute Voraussetzungen also für spannende Kämpfe der 144 Kolleginnen und Kollegen aus ganz Deutschland. Als gar jeder Teilnehmer zur Begrüßung diesmal unter anderem eine DVD „Fritztrainer Weltklasseschach“ überreicht bekam, fragte sich mein Schulfreund Dr. med. Norbert Knoblach, wie hoch das spielerische Niveau der Ärztemeisterschaft eigentlich noch werden soll?!

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Nun, etwas Luft nach oben dürfte noch möglich sein, wie die gleichzeitig im fernen Sofia um die Weltmeisterschaft spielenden Viswanathan Anand aus Indien und sein bulgarischer Herausforderer Veselin Topalov zeigten. Deren Partien wurden sogar live auf einem Großbildschirm in den Kursaal übertragen; es entzieht sich meiner Kenntnis, inwieweit auch die Partien der Ärzte live in Sofia zu sehen waren. Wenn Sie jedoch nun meinen sollten, dass jedermann nur ein Brett vor und im Kopf hatte, so irren Sie gewaltig! Auch in Bad Neuenahr konnte man sich herzhaft über das Regelleistungsvolumen und andere „Aufreger“ aus dem ärztlichen Alltag ereifern oder auch tiefgründige Weisheiten aus manchen Kollegengesprächen mit nach Hause tragen.

Internationale Großmeister im Einsatz: Helmut Pfleger (links) und Alexander Naumann, Apotheker und Mitglied der deutschen Nationalmannschaft bei der Schacholympiade 2008 in Dresden, ließen bei ihren Partien gegen insgesamt 27 Ärzten nicht wirklich viel zu. Naumann spielte einmal unentschieden, Pfleger gewann alle Partien.
Internationale Großmeister im Einsatz: Helmut Pfleger (links) und Alexander Naumann, Apotheker und Mitglied der deutschen Nationalmannschaft bei der Schacholympiade 2008 in Dresden, ließen bei ihren Partien gegen insgesamt 27 Ärzten nicht wirklich viel zu. Naumann spielte einmal unentschieden, Pfleger gewann alle Partien.

Doch zum eigentlichen Anlass des traditionellen Turniers, das Jahr für Jahr vom Deutschen Ärzteblatt in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Schachbund und der Deutschen Apotheker- und Ärztebank ausgerichtet wird: zum Schach. Prof. Dr. med. Peter Krauseneck aus Bamberg, der letztjährige Zweite, schien diesmal auf und davon stürmen zu wollen, wobei er auch den späteren Sieger, Dr. med. Hannes Knuth, den mehrfachen Landesmeister von Mecklenburg-Vorpommern, in einer herrlichen Angriffspartie bezwang. Beste Bamberger Schule! Doch in den letzten beiden Partien riss der Faden. Ermüden auch eines Neurologen Neuronen schon einmal? Ist es gar das unerbittliche Alter? Jahr für Jahr tummeln sich Dr. med. Matias Jolowicz und Peter Krauseneck unter den Besten im Kreis der weitgehend Jüngeren und zeigen, dass beim Schach mehr als in jeder anderen Sportart auch Ältere noch Hervorragendes leisten können.

Schach und täglich Haferbrei

George Bernard Shaw, leider kein guter Gewährsmann für uns – „Schach ist ein törichtes Mittel, um Müßiggänger glauben zu machen, sie täten etwas sehr Kluges“ – sagte einmal: „Wir hören nicht auf zu spielen, weil wir alt werden; wir werden alt, weil wir zu spielen aufhören.“ In diesem Sinne möchte man ihnen und vielen anderen Freunden dieses Ärzteturniers noch viele Jahre der Spielfreude wünschen. Vielleicht sogar mit solch durchschlagendem Erfolg wie einem gewissen Alec Holden in England, der sich seinen 100. Geburtstag mit einem Wettgewinn von 25 000 Pfund versüßte. Zehn Jahre zuvor hatte er nämlich mit einem Einsatz von 100 Pfund darauf gewettet, dass er dieses biblische Alter erreichen werde.

Die besten Fünf aus 144 von links nach rechts: Tsvetomir Loukanov (4. Platz), Hans-Joachim Hofstetter (2. Platz), Ärztemeister Hannes Knuth, Thorsten Heedt (5. Platz) und Vorjahresmeister Patrick Stiller (3. Platz)
Die besten Fünf aus 144 von links nach rechts: Tsvetomir Loukanov (4. Platz), Hans-Joachim Hofstetter (2. Platz), Ärztemeister Hannes Knuth, Thorsten Heedt (5. Platz) und Vorjahresmeister Patrick Stiller (3. Platz)

Und was ist das Geheimnis seiner Langlebigkeit? Mister Holden: „Ich esse täglich eine Schüssel Haferbrei und spiele Schach, um das Atmen nicht zu vergessen.“ Ich habe schon manche Begründung fürs Schachspielen im Alter gehört, etwa: „Ich will gegen Alzheimer vorbeugen!“ Aber das Motiv Mister Holdens ist besonders apart. Vermutlich steckt ihm ein gehöriger Schalk im Nacken. Und warum sollte er mit diesem und weiterem Befolgen der Haferbrei-Schach-Regel nicht auch 110 Jahre anpeilen und dann, bei gleicher Gewinnquote, als Multimillionär das Zeitliche segnen und das Schachbrett, das Unterpfand seines Reichtums, mit ins Grab nehmen?

Katastrophenhelfer am Brett

Viele Ärzte kommen gerne immer wieder und genießen neben dem durchaus harten Wettkampf die familiäre Atmosphäre, in der viele Freundschaften entstanden sind. Doch manch einer, so wie beispielsweise Dr. med. Bernd Wigginghaus, ist nach 20-jähriger Schachpause das erste Mal dabei und will seinen Gegner nach seinen eigenen Worten „belügen und betrügen“, doch dieser widerlegt den Lug und Trug. Nichtsdestoweniger: „Das macht Spaß!“ Vermutlich auch dem Gegner.

Ein weiterer „Neuling“ ist Prof. Dr. med. Bernd Domres, der nicht lange zuvor auf Haiti noch Notoperationen mit dem Taschenmesser durchführte – seit Jahrzehnten ist er als Doyen der Katastrophenmedizin vor allem bei Erdbeben als Erster vor Ort – und jetzt, quasi als Antithese, dem filigranen Schachhandwerk nachging. Besonders freute ich mich über die sechsköpfige persische „Kolonie“, die den Schachtag bei Kartenspiel und Bier ausklingen ließ, wobei der Prophet wohl augenzwinkernd zuschaute.

Natürlich waren die Damen das Salz in der Männersuppe. Dr. med. Bergit Brendel und Dr. med. Andrea Huppertz lehrten einmal mehr viele der Herren das Fürchten. Bei Bergit Brendel noch sinnfältig unterstrichen durch ihr T-Shirt „I am a tiger“. Das geht auf die Mainzer „Chesstigers“ und ihren Obertiger Anand, den „Tiger von Madras“, zurück, spiegelt aber auch, selbstredend nur am Schachbrett, die stets einfallsreiche Angriffslust Dr. Bergit Brendels wider. Da wird es weder den Gegnern noch den Kiebitzen langweilig.

Am Ende gab’s für die Besten wieder attraktive Sachpreise, für die Allerbesten, die ersten Fünf, durchaus lukrative Geldpreise – überreicht von Cassie Kübitz-Whiteley, gemeinsam mit Ines Rüberg erstmals Repräsentantin der Deutschen Apotheker- und Ärztebank beim traditionsreichen Schachturnier der Ärzte. Die Bestplatzierten der Meisterschaft freute es sehr, denn wie schon der mehrfache Ärzteschachmeister Professor Peter Krauseneck vor Jahren so treffend bemerkte: „Schach kann – so gesehen – auch als Zukunftssicherung betrachtet werden.“

Manch anderes von diesem Turnier, vor allem auch viele schöne Kombinationen, wird in den monatlichen Schachspalten im Deutschen Ärzteblatt folgen.

Dr. med. Helmut Pfleger

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