ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2010Gefängnismedizin: Äquivalenzprinzip hinter Gittern

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Gefängnismedizin: Äquivalenzprinzip hinter Gittern

Dtsch Arztebl 2010; 107(36): A-1705

Jachertz, Norbert

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Handlungsleitend für die medizinische Versorgung von Gefangenen sind die Standards für die Diagnose und Therapie, die auch für Patienten der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung gelten. Dieses Postulat stellen die Herausgeber ihrem Leitfaden für die ärztliche Arbeit unter Haftbedingungen voran. Der Gedanke durchzieht das gesamte Buch, wenn auch durchscheint, dass die Ressourcen gelegentlich Grenzen setzen. Ohnehin hat die ärztliche Versorgung hinter Gittern eine Fülle von Besonderheiten, bedingt durch das enge, erzwungene Zusammenleben, durch gewisse, gehäuft auftretende Krankheitsbilder und durch die Doppelfunktion des Arztes als Teil der staatlichen Macht und zugleich Anwalt des Patienten. Eine Gratwanderung. Ethische Anforderungen und mögliche Konflikte werden deshalb ausführlich behandelt, ausgehend von einem selbstkritischen geschichtlichen Rückblick, endend bei der abwägenden Beurteilung der Mitwirkung an Zwangsmaßnahmen. So wird das Vorgehen bei Hungerstreik und Zwangsernährung ausführlich erörtert. An keiner Stelle lassen die vielen Autoren indes einen Zweifel daran, dass der Arzt in erster Linie dem Patienten verpflichtet ist. Die ethische Latte liegt hoch. Zudem scheint vielfach Sympathie zu der speziellen Klientel durch, mit der es Gefängnisärzte zu tun haben.

HIV, Virushepatitiden, Opiatabhängigkeit, Tuberkulose, sexuell übertragbare Krankheiten, Suizide, Selbstschädigungen und psychische Erkrankungen kommen bei Gefangenen weitaus häufiger vor als in der übrigen Bevölkerung, zum Teil sind sie auch Ausfluss der Haftsituation. Etwa 25 Prozent der Männer und 50 Prozent der Frauen im Vollzug gelten als intravenös-drogenabhängig. Psychiatrische Fälle gehören zum Haft- alltag. Denn bei der Mehrzahl der Gefangenen ist eine psychische Störung diagnostizierbar, und es scheint vom Zufall abzuhängen, ob ein psychisch Kranker im Maßregel- oder im Justizvollzug landet. Auch die Demografie wirkt sich im Vollzug aus: Gefangene werden alt und dement und sterben in der Anstalt, die nicht immer darauf eingestellt ist.

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Das Buch ist ungemein praxisorientiert. Das liegt an den Autoren. Sie arbeiten durchweg im Vollzug und wissen, wovon sie schreiben. Die Kapitel sind angemessen kurz und handfest, wenn es um die Organisation der Krankenbehandlung und das Vorgehen in Standard- wie Extremsituationen geht. Die medizinischen Ausführungen konzentrieren sich auf die Besonderheiten im Vollzug und ersetzen natürlich kein Lehrbuch der Inneren Medizin oder Psychiatrie. Das setzen die Autoren voraus.

Didaktisch ist das Werk geschickt redigiert: Das Wichtigste steht jedem Kapitel voran. Merksätze werden immer wieder, rot unterlegt, hervorgehoben. Ein Lehrbuch für angehende Gefängnismediziner, die hiermit eine Vorahnung bekommen, welche Herausforderungen dieses Tätigkeitsfeld bietet. Ein Leitfaden für die Praxis im Vollzug, der geeignet ist, eine gleichmäßige Qualität der Gefängnismedizin zu fördern. Das scheint nötig zu sein, befürchten die Herausgeber doch, dass es angesichts der Zuständigkeitsverteilung unter 16 Bundesländern zu unvertretbaren Abweichungen kommen könnte. Deshalb sei auch Politikern diese fachkompetente und doch verständliche Einführung ans Herz gelegt. Norbert Jachertz

Karlheinz Keppler, Heino Stöver (Hrsg.): Gefängnismedizin. Medizinische Versorgung unter Haftbedingungen. Thieme, Stuttgart, New York 2009, 355 Seiten, gebunden, 89,95 Euro

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