ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2010Körperbilder: Martin Kippenberger (1953–1997) – Der Bad Boy der Kunstszene

SCHLUSSPUNKT

Körperbilder: Martin Kippenberger (1953–1997) – Der Bad Boy der Kunstszene

Dtsch Arztebl 2010; 107(36): [136]

Schuchart, Sabine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Auf einen bösen Zeitungsartikel 1989 im Zeitgeistmagazin „Wiener“, der ihn als Sexisten und Rassisten denunzierte, reagierte Martin Kippenberger auf eine für ihn typische Weise: Er entwarf die Skulpturenserie „Martin, ab in die Ecke und schäm dich“. Die wurde so erfolgreich, dass er von seinem Objekt- und Multiplebauer Uli Strothjohann sechs statt der anfangs geplanten drei Figuren fertigen ließ – jeweils in gleicher Körperhaltung, den Anzug individuell, den Kopf in Holz, Bronze oder wie hier in Kunstharz mit Zigaretten gefüllt. Die Skulptur ist eines der zentralen Exponate einer Ausstellung über das künstlerische Selbstporträt, die jetzt in Baden-Baden beginnt.

Martin Kippenberger: „Martin, ab in die Ecke und schäm dich“, 1989, Kunstharz und Zigaretten (Kopf und Hände), Metall, Styropor, Schaumgummi und Kleidung (175 ✕ 80 ✕ 40 cm): So schillernd wie seine Person war auch seine Kunst, in der er sich immer wieder selbst in Szene setzte – und das am liebsten in Serie. Wie ein unartiger Schuljunge der 1950er Jahre steht er in der Ecke, in der Körperhaltung des Büßers – allerdings in Erwachsenengröße, im Kippenberger- Anzug und mit „Kippen“ im Hohlkopf. Die sechs Versionen der Skulptur sind heute im Besitz großer Sammlungen, unter anderem des Museum of Modern Art in New York. Foto: Roger Casas Barcelona/Estate Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne
Martin Kippenberger: „Martin, ab in die Ecke und schäm dich“, 1989, Kunstharz und Zigaretten (Kopf und Hände), Metall, Styropor, Schaumgummi und Kleidung (175 ✕ 80 ✕ 40 cm): So schillernd wie seine Person war auch seine Kunst, in der er sich immer wieder selbst in Szene setzte – und das am liebsten in Serie. Wie ein unartiger Schuljunge der 1950er Jahre steht er in der Ecke, in der Körperhaltung des Büßers – allerdings in Erwachsenengröße, im Kippenberger- Anzug und mit „Kippen“ im Hohlkopf. Die sechs Versionen der Skulptur sind heute im Besitz großer Sammlungen, unter anderem des Museum of Modern Art in New York. Foto: Roger Casas Barcelona/Estate Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne

Kippenberger offenbarte damit, wofür er, das Enfant terrible der Kunstszene, stand: „Ihr haltet mich für einen Bad Boy. Dann zeige ich euch mal, was richtig böse ist.“ Politisch korrekt war er nicht, dafür ein Meister der exzentrischen Selbstinszenierung, der Attacken spielerisch-ironisch parierte. Dass er den Zeigefinger nicht auf seinen Angreifer richtete, sondern auf sich selbst, entsprach seiner künstlerischen Herangehensweise: immer wieder auch mit der eigenen Person für Provokationen und Übertreibungen zu posieren. Dabei ging es ihm weniger um das Persönliche als darum, exemplarisch auf absurde Zustände und doppelte Moral hinzuweisen. Wie vor ihm schon Beuys und Warhol wollte Kippenberger die Grenzen der Kunst erweitern und bediente sich dazu jedes denkbaren Stilmittels und Tabubruchs. Seine ans Kreuz genagelten Frösche polarisierten ebenso wie sein saloppes Bild von 1984 „Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken“.

Anzeige

So eckte er an und wurde in die Ecke gestellt. Weltruhm und Millionenpreise erlangte er erst nach seinem frühen Tod an Leberkrebs mit 44 Jahren: Posthum widmeten ihm Museen wie die Londoner Tate Modern und das New Yorker Museum of Modern Art große Retrospektiven. Erst da wurde einer breiteren Öffentlichkeit bewusst, dass außer Konzept- und Objektkunst, Büchern und Katalogen auch Gemälde und Zeichnungen zu Kippenbergers umfangreichem und vielseitigem Œuvre gehören. „Jeder Künstler ist ein Mensch“, formulierte er in Umkehr des berühmten Beuys-Satzes – die Baden-Badener Ausstellungsmacher wählten das Motto als Titel ihrer Schau. Sabine Schuchart

Ausstellung

„Jeder Künstler ist ein Mensch! Positionen des Selbstportraits“, Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, Di.–So. 11–18 Uhr, 11. 9. bis 21. 11., www.kunsthalle-baden-baden.de

Susanne Kippenberger: „Kippenberger. Der Künstler und seine Familien“, Taschenbuch, Berlin Verlag 2010, 576 S., 11,95 Euro.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema