ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2010Krankheitsbewältigung: Verbindung von Körper, Geist und Seele

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Krankheitsbewältigung: Verbindung von Körper, Geist und Seele

PP 9, Ausgabe September 2010, Seite 424

Rubinstein-Gross, Nicole

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Als langjähriger Psychotherapeut und Psychoanalytiker erkrankte der Autor vor mehr als zehn Jahren an multipler Sklerose (MS). Das Buch entstand vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen im Umgang mit der Erkrankung, es schildert einerseits seine ganz persönliche Ausein- andersetzung, andererseits spiegelt es seine große fachliche Kompetenz als Gewinn aus der eigenen Wahrnehmung im Kontext mit der Erkrankung wider.

Der Aufbau des Buches weist zwar eine gewisse Chronologie auf. So beschreibt Bendkower zunächst die Zeit vor dem Ausbruch der Erkrankung sowie seine beginnende innere und äußere Auseinandersetzung nach der Diagnosestellung. Er stellt Zusammenhänge zwischen der MS und seiner persönlichen Biografie her und setzt sich dann mit Versuchen und Möglichkeiten auseinander, mit beziehungsweise trotz der Erkrankung ein erfülltes Leben führen zu können und sie, wie in einigen von ihm beschriebenen Fallbeispielen, sogar zu überwinden.

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Dabei wird man fast wie in kreisförmigen Bewegungen immer wieder zu Aussagen aus vorangegangenen Kapiteln zurückgeführt. Damit wird eine Atmosphäre erzeugt, die den Leser in eine Aufhebung von Grenzen und Begrenztem hineinnimmt. Ganzheitlichkeit, Verbindung von Körper, Geist und Seele, ist die zentrale Aussage des Buches, die es Bendkower gelingt, auch rhetorisch zu vermitteln.

Er macht deutlich, wo sich Grenzen der Schulmedizin befinden, wie mit Enttäuschungen und Kränkungen umgegangen werden kann und wie trotz der Dimension der MS an einer persönlichen Weiterentwicklung gearbeitet werden kann. Bendkower möchte damit vielen Kranken, nicht nur MS-Kranken, Mut machen, sich nicht ausschließlich mit einer derartigen, gewissermaßen unklaren Diagnose in Ursache und Wirkung zufriedenzugeben.

In diesem Zusammenhang diskutiert er die unterschiedlichsten Fragen. Kann die MS als Folge beziehungsweise Ausdruck einer Aggressionshemmung entstehen? Weist der Körper einen auf etwas hin, was die Psyche nicht erfassen konnte? Führt ein eher strenger, unnachgiebiger Umgang mit sich selbst zu inneren (Ver-)Spannungen? Können Spannungslinien, die die persönliche Biografie durchziehen, Ausdruck finden in Spasmen der MS, also Überspannungen der Muskulatur?

„MS ist heilbar“, postuliert Bendkower, und man ist zunächst geneigt, dies als realitätsverkennend anzuzweifeln. Aber wenn man versteht, was er damit meint, erschließt sich die Sinnhaftigkeit hinter dieser Aussage. So ist für ihn Heilung nicht gleich Genesung. Die Kraft der Gedanken und das Erlangen von psychischer Gesundheit (Heilung) sind für ihn zentral und damit auch genesungsfördernd. Das Denken in Termini der Salutogenese ist somit ein Heilungsfaktor. Dadurch kann das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamt oder sogar gestoppt werden. Mit „Resilienz zweiten Grades“ meint er, den Reifungsprozess auch nach Ausbruch der MS zu fördern. Dies so zu zeigen, ist ein Novum. Verschiedene, von ihm selbst erprobte Therapieformen, insbesondere die jenseits des Fassbaren und wissenschaftlich Erwiesenen, werden von ihm beschrieben. Das Kapitel „Königswege“ beschreibt die wundersame Genesung einiger weniger MS-Kranker. Bendkower scheut es des Weiteren nicht, die MS als Zivilisationskrankheit und damit als kulturspezifisches Phänomen zu diskutieren. So sieht er sie als Spiegel unserer Kultur, durch die das, was an Werten existiert, insbesondere der Drang nach Kontrollierbarkeit, außer Gefecht gesetzt wird. Die MS würde teilweise, entgegen deren eigentlicher Absicht, durch die öffentliche Meinung stabilisiert.

Das Buch imponiert durch die tiefe Dimension der persönlichen Auseinandersetzung des Autors in Form einer Selbstanalyse. Es bestätigt damit wieder einmal Freuds Konzept der „unendlichen Analyse“. Immer wieder muss man sich vergewissern, dass es sich bei dem Autor um einen gezeichneten MS-Kranken handelt. Selten ist ein derartiges Fachbuch für eine allgemeine, wenn auch anspruchsvolle Leserschaft geschrieben worden. Sowohl Erkrankte als auch Fachleute können davon profitieren. Ein ungewöhnliches und bewegendes Buch zugleich. Nicole Rubinstein-Gross

Jaron Bendkower: Mit Multipler Sklerose mitten im Leben. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2010, 274 Seiten, kartoniert, 19,95 Euro

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