ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2010Gesellschaft: Analyse überzeugt nicht

BÜCHER

Gesellschaft: Analyse überzeugt nicht

PP 9, Ausgabe September 2010, Seite 423

Goddemeier, Christof

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Der Autor unterzieht in seinem Buch alle Bereiche gesellschaftlichen Lebens einer umfangreichen Kritik und fragt nach Möglichkeiten, diese zu ändern oder zu verbessern. „Quellpunkte des Leids“ sind Hansch zufolge „Primaten-Ego, Guckloch-Problem und Dysemergenz“, die „drei apokalyptischen Reiter des Menschheitsschicksals“. Er unterstellt, dass Rettung nottut. Bekannten Versuchen von „Aufschwung und Wachstum“ über „Gott und Religion“ bis zur „Wissenschaft“ erteilt er eine Absage und fordert eine „kritische, systemkompetente Vernunft (. . .), die allen wesentlichen Facetten des Lebens einen angemessenen Platz zuordnet und komplexe Veränderungen über einen maximalen Krafteinsatz an Hebelpunkten versucht“. Ein wesentlicher „Hebelpunkt der Rettung“ ist für Hansch die Einführung eines Schulfachs „Weltbild der Dritten Kultur und persönliche Meisterschaft“. Die „Dritte Kultur“ sucht die Kluft zwischen Geistes- und Naturwissenschaft zu schließen, „persönliche Meisterschaft“ will „Kulturantriebe“ gegenüber „Erbantrieben“ stärken.

Das Buch überzeugt nicht. Im ersten Teil verbindet Hansch zwar Problemschilderung mit Grundlagenwissen. Da mag man mancher Diagnose zustimmen. Doch vor allem stimmt er hier seine von ihm selbst sogenannten Klagegesänge an. Wiederholte Wendungen wie „immer öfter“, „zunehmend“ und „grassieren“ ermüden den Leser. Einen gewaltsamen Umsturz lehnt Hansch ab. Sein Vertrauen in Evolution und „Emergenz“ ist jedoch gering. Begriffe wie „Neuer Mensch“ und „Neue Kultur“ lassen an totalitäre Gesellschaftsformen denken. In Hanschs „qualifizierter Demokratie“ darf nur wählen, wer politisch gebildet ist und sich ausreichend engagiert – das soll allerdings für mehr als 90 Prozent der Bürger gelten. Aus der Marktwirtschaft mit ihrer „Überdifferenzierung“ soll eine „regulierte Planwirtschaft“ werden. Vollends anachronistisch wird es, wenn Hansch eine „geistig-moralische Wende“ fordert, „die aber auch wirklich vollzogen werden müsste“.

Anzeige

Nicht zuletzt löst er seine eigenen Ansprüche nicht ein. Wer seitenlang und mit teilweise schwer erträglichem Pathos den Niedergang von Bildung und Kultur beklagt, darf Kants kategorischen Imperativ und Thomas Hobbes nicht falsch zitieren. Es steht zu befürchten, dass der Autor in der von ihm erfundenen Gesellschaft selbst nicht wählen dürfte. Christof Goddemeier

Dietmar Hansch: Sprung ins Wir. Die Neuerfindung von Gesellschaft aus systemischer Sicht. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2010, 296 Seiten, kartoniert, 24,90 Euro

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema