ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2010Zunahme psychischer Erkrankungen: Gegensteuern erforderlich

EDITORIAL

Zunahme psychischer Erkrankungen: Gegensteuern erforderlich

Bühring, Petra

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Zurzeit hat fast jede zweite Nachricht zum Thema psychische Erkrankungen mit deren Zunahme zu tun. Keine gesetzliche Krankenkasse, deren Datenanalyse der letzten Jahre im Ergebnis nicht zu einem Anstieg der Zahl der Diagnosen kam. Demnach stiegen die Fehlzeiten bei den berufstätigen Versicherten in den letzten zehn Jahren um 37 Prozent. Bei den Erwerbslosen sind doppelt so viele wie vor zehn Jahren wegen einer psychischen Erkrankung arbeitsunfähig. Die Krankenhausfallhäufigkeit von psychisch Kranken stieg von 2000 bis 2009 um 70 Prozent. Eine letzte alarmierende Zahl: 2008 betrug der Anteil von Frühberentungen wegen einer psychischen Krankheit 57 409 Fälle von insgesamt 161 265 Rentenzugängen.

Diese erschreckenden Fakten scheinen Krankenkassen und Politik indes nur schwer dazu zu bewegen, mehr Therapieplätze zu ermöglichen oder mehr präventive Angebote zu etablieren. Auf einer Veranstaltung der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung im Juni in Berlin wehrte sich der Vorstandsvorsitzende des Verbandes der Ersatzkassen, Thomas Ballast, schlicht dagegen, die „mutmaßliche“ Zunahme als „gravierendes Versorgungsproblem“ anzusehen. Erkennbar sei nur, dass die Zahl der Diagnosen psychischer Erkrankungen zugenommen habe, nicht aber die bevölkerungsbezogene Prävalenz. Seiner Meinung nach induzierten zusätzliche Versorgungsangebote schließlich nur eine zusätzliche Nachfrage.

Auch die Bundesregierung weist in ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen zum Thema Zunahme psychischer Erkrankungen darauf hin, dass aus zunehmender Inanspruchnahme von Psychotherapie keine Rückschlüsse auf steigende Prävalenzen und Inzidenzen zu ziehen seien. Gründe für die Zunahme der Diagnosen könnten auch die verbesserte Entdeckungsrate und eine gelungene Enttabuisierung psychischer Erkrankungen sein – also durchaus gewollte Phänomene. Valide wissenschaftliche Erkenntnisse hierüber fehlten zurzeit, räumt die Bundesregierung ein. Mehr Aufschluss erhofft man sich aus der zweiten Welle des Bundesgesundheitssurveys. Im November 2008 wurde mit einer neuen Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland begonnen, die sich über drei Jahre erstreckt. Psychische Störungen werden dabei mit einem Zusatzmodul erfasst, das erstmals auch Informationen zur störungsspezifischen Inanspruchnahme von Leistungen liefern soll.

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Auf die Frage der Grünen, welche gesundheitspolitischen Ziele die Bundesregierung bei der Versorgung psychisch Kranker verfolgt, antwortet diese abstrakt, oder auch „allgemein und ausschweifend“, wie die Oppositionspartei kritisiert. Sie wirft der Regierung vor, „keine angemessenen Konzepte“ zur Lösung des Problems zu haben. Die Regierung setzt auf eine stärkere Personenzentrierung in der Versorgung, für die auch innovative Versorgungsmodelle sowie neuartige Finanzierungsformen erprobt und implementiert werden sollen. Außerdem soll die Prävention mehr Gewicht bekommen, und die Leistungen sollen sektorenübergreifend flexibilisiert werden. Diese Ziele sind durchaus positiv zu beurteilen, es fehlt die konkrete Ausgestaltung.

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