ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2010Kassenärztliche Bundesvereinigung: Gute Zahlen in schlechten Zeiten

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Kassenärztliche Bundesvereinigung: Gute Zahlen in schlechten Zeiten

PP 9, Ausgabe September 2010, Seite 392

Maus, Josef

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Auch die dritte Versichertenbefragung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung seit 2006 belegt die ungebrochen hohe Wertschätzung der Bevölkerung für die niedergelassenen Ärzte. Vertrauen und Kompetenz sind die Schlüsselbegriffe.

Sich hin und wieder zu vergewissern, wie die „Kundschaft“ die eigenen Leistungen bewertet, kann sehr hilfreich sein. Das gilt auch fürs Gesundheitswesen – und für dessen Gestalter im besonderen Maß. Sind die Patienten zufrieden, oder haben sie Probleme mit der ambulanten Versorgung, wollte die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) wissen. Die Antworten auf diese Frage – ermittelt von der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen – fielen durchaus erfreulich aus. „92 Prozent der Versicherten geben an“, berichtete der KBV-Vorstandsvorsitzende, Dr. med. Andreas Köhler, bei der Vorstellung der Ergebnisse der jüngsten Versichertenbefragung, „dass sie ein gutes bis sehr gutes Vertrauensverhältnis zu ihrem Arzt haben.“ Ebenso viele schätzen die Fachkompetenz ihres Arztes sehr hoch ein.

KBV-Chef Andreas Köhler: „Die Zahlen belegen die Zufriedenheit der Versicherten mit der ambulanten Versorgung.“ Durchgeführt hatte die Befragung die Forschungsgruppe Wahlen (im Hintergrund Geschäftsführer Matthias Jung). Fotos: Svea Pietschmann
KBV-Chef Andreas Köhler: „Die Zahlen belegen die Zufriedenheit der Versicherten mit der ambulanten Versorgung.“ Durchgeführt hatte die Befragung die Forschungsgruppe Wahlen (im Hintergrund Geschäftsführer Matthias Jung). Fotos: Svea Pietschmann
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Die hohe Zustimmung ist eine verblüffende Konstante in den letzten Jahren. Seit 2006 führt die Forschungsgruppe Wahlen im Auftrag der KBV alle zwei Jahre eine repräsentative Befragung bei 6 065 zufällig ausgewählten deutschsprachigen Bürgern zwischen 18 und 79 Jahren durch. Die Fragen sind jeweils identisch, so dass ein direkter Vergleich des Stimmungsbildes möglich ist. Und am Grad der Zufriedenheit mit dem niedergelassenen Arzt hat sich trotz zahlreicher Eingriffe in das Gesundheitssystem und andauernder Sparzwänge nichts geändert. Köhler hob in diesem Zusammenhang auch die Angaben der Versicherten zur Terminvergabe hervor: 80 Prozent haben damit keine Probleme, lediglich 17 Prozent mussten auf einen Termin warten. „Das alles sind sehr gute Zahlen, die zeigen, dass die Patienten insgesamt mit der ambulanten ärztlichen Versorgung zufrieden sind“, bilanzierte der KBV-Vorsitzende. Der angebliche Trend zur Zweiklassenmedizin könne durch die Umfrage nicht bestätigt werden. Im Gegenteil: Die Ergebnisse der letzten drei Befragungen deuteten vielmehr auf eine Angleichung der Versorgung in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) und der privaten Versicherung hin. Köhler räumte allerdings ein, dass diese Entwicklung zu einem guten Teil auf die nachlassende Zufriedenheit der Privatversicherten zurückzuführen sein dürfte.

Als ernüchternd bezeichnete der KBV-Vorsitzende die Erkenntnis, dass alle Bemühungen um eine bessere Steuerung der Versorgung bei den Versicherten offenbar noch keine Verhaltensänderung bewirkt haben. Köhler: „Wer im Hinblick auf den sparsamen Umgang mit begrenzten Ressourcen auf die Eigenverantwortung der Patienten setzt, braucht einen langen Atem.“ Deutlich wird dies am Beispiel der Patientenquittung. Die Auflistung der erbrachten Leistungen und der dafür anfallenden Vergütung in Eurobeträgen könnte mehr Transparenz in das Kostengeschehen der GKV bringen. Nur einem Fünftel der Befragten war die Patientenquittung bekannt, nur acht Prozent davon haben sich eine solche schon einmal ausstellen lassen. Das Interesse der Versicherten über die von ihnen ausgelösten Kosten scheint derzeit wenig ausgeprägt zu sein.

Wenig bekannt ist auch die Kostenerstattung: 72 Prozent haben davon noch nichts gehört, lediglich zwei Prozent haben diesen Tarif der Krankenkassen gewählt. Hier zeige sich erneut die Zufriedenheit der Versicherten mit dem Sachleistungsprinzip in der GKV, folgerte Köhler. Im Umkehrschluss bedeute dies für die politische Durchsetzbarkeit der Kostenerstattung nichts Gutes.

KBV-Vorstand Carl-Heinz Müller: „Selektive Verträge sollten als Suchmodelle für Versorgungsverbesserungen ausgestaltet werden.“
KBV-Vorstand Carl-Heinz Müller: „Selektive Verträge sollten als Suchmodelle für Versorgungsverbesserungen ausgestaltet werden.“

Der KBV-Vorsitzende fasste die Ergebnisse der Befragung in ihrer Bedeutung für die Reformüberlegungen so zusammen: „Verbesserungen ja, aber bitte so, dass die gute Grundlage darüber nicht zerstört wird.“ Das gilt aus Sicht der Kassenärztlichen Bundesvereinigung im besonderen Maß für die hausärztliche Versorgung. Köhlers Vorstandskollege, Dr. med. Carl-Heinz Müller, warnte nachdrücklich vor der Gefahr, dass die Selektivverträge des Hausärzteverbandes das über viele Jahrzehnte gewachsene Kollektivvertragssystem – bei dem die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) die ambulante Regelversorgung für alle Versicherten aus einer Hand organisieren – ernsthaft gefährden. Vor allem deshalb wollte die KBV wissen, wie die Versicherten dazu stehen. Bekannt sind derartige Verträge 59 Prozent der Befragten (zwei Jahre zuvor waren es 62 Prozent). 40 Prozent kennen zwar die Programme, nehmen aber nicht daran teil. Das tun bisher lediglich 19 Prozent.

Der Bekanntheitsgrad der Hausarztverträge ist regional sehr unterschiedlich. In Bayern haben immerhin 79 Prozent schon einmal davon gehört, in Rheinland-Pfalz hingegen nur 45 Prozent. Bayern liegt auch bei der Einschreiberate vorn: 40 Prozent. Schlusslicht hier ist Schleswig-Holstein mit sechs Prozent. Interessant ist die Teilnahmerate in Baden-Württemberg: Obwohl Hausarztverträge von den dortigen Ärzteorganisationen stark beworben werden, haben sich der Befragung zufolge lediglich 17 Prozent der Versicherten eingeschrieben.

Eine gewisse politische Brisanz birgt die Angabe von immerhin 73 Prozent der befragten Versicherten, dass sich mit den Hausarztverträgen die Versorgung nicht verändert habe. 17 Prozent sehen eine Verbesserung, sechs Prozent eine Verschlechterung. Als durchaus pikant empfindet KBV-Vorstand Müller, dass die KV Bayerns hohe Vergütungsrückforderungen an die AOK hat, weil Teilnehmer an Hausarztverträgen auch weiterhin andere Hausärzte ohne Überweisung aufsuchen und damit auch Kosten innerhalb des Kollektivvertragssystems auslösen.

Weil die meisten Versicherten offenbar keine Verbesserungen durch die Hausarztverträge erfahren und diese Verträge außerhalb der KV damit lediglich teurer sind, drängt die KBV darauf, den § 73 b des Sozialgesetzbuchs V zu ändern. Dort ist eine faktische Monopolstellung des Hausärzteverbandes ebenso verankert wie die Pflicht der Krankenkassen, solche Verträge abzuschließen. Carl-Heinz Müller bringt das auf einen kurzen Nenner: „Aufwand und Ertrag stehen in keinem Verhältnis zueinander.“

Die konkrete Forderung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung an die Politik lautet: „Selektive Verträge sollen als ,Suchmodelle‘ für Versorgungsverbesserungen, als sogenannte Add-on-Verträge ausgestaltet werden. Das bedeutet: Die medizinischen Leistungen werden weiterhin ganz normal über die KVen vergütet, für zusätzliche Leistungen in den Verträgen gibt es Zusatzvergütungen, die ebenfalls über die Kassenärztlichen Vereinigungen ausgeschüttet werden.“ Damit, so die KBV, werde der Kollektivvertrag gestärkt – und zugleich modernisiert. Für die Versicherten wäre dies die bessere Lösung, zeigte sich Müller überzeugt.

Josef Maus

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