ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2010Medizinische Rehabilitation: Kontinuität statt Krise

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Medizinische Rehabilitation: Kontinuität statt Krise

PP 9, Ausgabe September 2010, Seite 394

Hibbeler, Birgit

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Die Wirtschaftskrise hat sich auf die Rehabilitation nicht ausgewirkt. Die Trends der letzten Jahre setzen sich fort: Der Anteil von AHB und ambulanter Reha wächst. Psychische Erkrankungen nehmen zu.

Der Bedarf an medizinischer Rehabilitation wächst. Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Rehaleistungen zulasten der gesetzlichen Rentenversicherung – dem größten Kostenträger in diesem Bereich – erneut gestiegen. Circa 1,6 Millionen Anträge wurden 2009 gestellt und 1,1 Millionen bewilligt (Grafik 1). Etwa 4,2 Milliarden Euro gaben die Rentenversicherungsträger für medizinische Rehabilitation aus. Im Vorjahr waren es 3,98 Milliarden Euro. Trotz der Wirtschaftskrise hat sich also der Aufwärtstrend fortgesetzt. Viele Rehabilitationseinrichtungen hatten eigentlich mit einem Einbruch oder zumindest einer Stagnation gerechnet. Denn die Erfahrung aus früheren Jahren zeigt: Die Konjunktur wirkt sich auf die Inanspruchnahme von Rehabilitation aus. Wenn Arbeitnehmer Angst um ihren Job haben, verzichten sie eher auf einen Rehaantrag. Dieses Phänomen hatte aber offenbar im vergangenen Jahr keinen spürbaren Einfluss.

Aus Sicht von Dr. med. Christiane Korsukéwitz gibt es eine Vielzahl von Faktoren, die die Zahlen erklären. „Die wachsende Inanspruchnahme ist zunächst einmal ein Beleg für die steigende Akzeptanz der Rehabilitation“, sagt die Leiterin des Geschäftsbereichs Sozialmedizin und Rehabilitation der Deutschen Rentenversicherung (DRV) Bund. Denkbar sei aber auch, dass geburtenstarke Jahrgänge eine Rolle spielten. Wenn der individuelle Bedarf steige, sei dies ebenfalls auf veränderte Lebens- und Arbeitsbedingungen zurückzuführen, also zum Beispiel die Tendenz zur längeren Lebensarbeitszeit.

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„Der Faktor Arbeitsplatzunsicherheit hat sich nicht in der Form ausgewirkt wie befürchtet“, stellt Korsukéwitz fest. Das liege möglicherweise auch daran, dass er bei den Anschlussrehabilitationen (AHB) weniger ins Gewicht falle. Hier sei der Zeitpunkt für eine Rehamaßnahme nicht flexibel. Der AHB-Anteil liegt mittlerweile bei 30 Prozent (Grafik 2). Eine abschließende, einfache Erklärung für die steigenden Zahlen trotz schwächelnder Konjunktur im vergangenen Jahr hat Korsukéwitz allerdings nicht.

Kontinuität statt Krise – so lässt sich die Statistik von 2009 am besten zusammenfassen. Die Entwicklungen der Vorjahre haben sich fortgesetzt: Ebenso wie die Zahl der AHB stieg der Anteil ambulanter Rehaleistungen. Er beträgt jetzt 11,3 Prozent. Dabei gibt es Unterschiede zwischen den Indikationen. Bei den orthopädischen Erkrankungen liegt er bei etwa 30 Prozent.

In der Diagnoseverteilung sind seit Jahren Trends erkennbar, wie auch aus dem erstmals vorgelegten „Rehabericht“ der DRV hervorgeht. Die Orthopädie war 2009 mit 33 Prozent weiterhin die größte Indikationsgruppe. Allerdings ist der Anteil rückläufig (2000: 42 Prozent). Erneut gestiegen ist unterdessen die Zahl der Rehabilitationsbehandlungen aufgrund psychischer Erkrankungen – und zwar bis auf 19 Prozent (2000: 15 Prozent).

Aber ist die zunehmende Inanspruchnahme ein Indiz für die steigende Prävalenz psychischer Erkrankungen? Da ist Korsukéwitz zurückhaltend. „Die Wahrnehmung psychischer Erkrankungen hat sich verändert“, meint sie. Die Bereitschaft zur Therapie sei viel höher als noch vor einigen Jahren. Die Störungen würden zudem häufiger festgestellt. Dabei ist für sie auch ein „Diagnosen-Shift“ denkbar. So gebe es sicherlich Patienten mit chronischen Rückenschmerzen, die früher in einer orthopädischen Rehaabteilung behandelt worden wären. Heute hätten sie möglicherweise eher die Diagnose einer somatoformen Schmerzstörung.

Für die kommenden Jahre rechnet die DRV weiterhin mit einer Inanspruchnahme auf hohem Niveau – nicht zuletzt aufgrund des sich sukzessive erhöhenden Renteneintrittsalters. „Die Rehabilitanden sind Spiegel der Gesellschaft“, sagt Korsukéwitz.

Dr. med. Birgit Hibbeler

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