ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2010Honorarreform: Zurück in die Regionen

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Honorarreform: Zurück in die Regionen

PP 9, Ausgabe September 2010, Seite 395

Korzilius, Heike

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Nach dem Willen der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Bayerns soll über Höhe und Verteilung der ärztlichen Honorare wieder auf Landesebene verhandelt werden. Außerdem fordert die KV mehr Geld für die bayerischen Vertragsärzte.

Die Honorarreform von 2009 gleicht einer Dauerbaustelle. Kaum ist an einer Stelle ein Loch zugeschüttet, wird an anderer wieder gegraben. Jüngstes Beispiel Bayern: Dort hat der KV-Vorstand Ende Juli in einem Brief an Ministerpräsident Horst Seehofer und Ge­sund­heits­mi­nis­ter Markus Söder sowie in einem Schreiben an den Vorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) gleich mehrere Grundsätze für eine Weiterentwicklung der Honorarreform infrage gestellt.

Ende des Zentralismus

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Zum einen gilt es nach Ansicht des KV-Vorstands zu verhindern, dass die Ärzte in Bayern in geringerem Umfang von künftigen Honorarsteigerungen profitieren als Ärzte in anderen KVen. Zum anderen fordert er ein Ende des Zentralismus. Die KVen müssten wieder eigenständig mit den Krankenkassen über die Höhe der Gesamtvergütung und deren Verteilung verhandeln können. Dr. med. Axel Munte und seine Vorstandskollegen Dr. med. Gabriel Schmidt und Rudi Bittner sprechen sich insbesondere gegen die geplante bundesweite Angleichung des Behandlungsbedarfs je Versicherten aus. Ein solcher Schritt ist nach Ansicht der Architekten der Honorarreform in der KBV aber notwendig, um das langfristige Ziel „gleicher Preis für gleiche Leistung“ zu erreichen. Denn als im Jahr 2009 ein einheitlicher Orientierungswert eingeführt wurde, ohne den Behandlungsbedarf anzugleichen, kam es zu beträchtlichen Verwerfungen zwischen den Regionen.

Der Vorstand der KV Bayerns fürchtet jedoch, dass bei der Orientierung an einem bundesweiten Durchschnittswert vorbildliche bayerische Versorgungsstrukturen, beispielsweise in der ambulanten Onkologie oder der Psychotherapie, nicht mehr ausreichend finanziert werden können. Er fordert die bayerische Landesregierung deshalb zu einem „entschiedenen Vorgehen“ auf, um „die größten Anschläge auf die gewachsene Versorgungslandschaft in Bayern“ abzuwenden.

Auch an den KBV-Vorsitzenden, Dr. med. Andreas Köhler, schreibt der Vorstand der KV Bayerns: „Wir akzeptieren es nicht, dass auf dieser Basis historisch gewachsene Unterschiede in den Versorgungsstrukturen der Länder auf Kosten Bayerns plattgemacht werden sollen.“ Die Verantwortung für die Fortentwicklung der ambulanten Versorgung müsse wieder auf die Landesebene übertragen werden, um eine den sozioökonomischen Gegebenheiten und der Wirtschaftskraft adäquate Entwicklung zu gewährleisten.

Damit verabschieden sich die Bayern allerdings von einem weiteren Grundgedanken der Honorarreform: der Orientierung an der Morbidität. Die neue Honorarsystematik mit ihrer morbiditätsorientierten Ausrichtung sollte dazu führen, dass das Geld in die Regionen mit den meisten Kranken fließt und nicht in die mit der höchsten Wirtschaftsleistung.

Verteilung wieder fraglich

Darüber hinaus stellt die KV Bayerns mit ihrer Forderung nach einer größeren Beteiligung der bayerischen Vertragsärzte an möglichen Honorarsteigerungen einen mühsam errungenen Kompromiss infrage: Erst im Mai hatte sich die KBV-Ver­tre­ter­ver­samm­lung darauf geeinigt, dass Honorarzuwächse im Jahr 2011 vor allem den Ärzten in den Regionen zukommen sollten, die bei der Honorarreform schlechter abgeschnitten haben als andere.

Verwerfungen innerhalb von Arztgruppen, aber auch zwischen Arztgruppen und KV-Regionen kamen dadurch zustande, dass erstmals ein bundeseinheitlicher Orientierungswert auf regional völlig unterschiedliche Regelungen zur Honorarverteilung traf. „Bestraft“ wurden dabei die KVen, die in der Vergangenheit mit Hilfe strenger Mengenbegrenzungen ihre Punktwerte stabil gehalten hatten – deren abgerechnete Leistungsmenge war mithin niedriger als anderswo. Ärzte in diesen KVen kamen auf geringere Fallwerte als die Kollegen in den Regionen, die in der Vergangenheit weniger strenge Mengenbegrenzungen bei niedrigerem Punktwert hatten.

Neben einer Finanzspritze für benachteiligte KVen sieht der Beschluss vom Mai ausdrücklich vor, bei der Honorierung auf einen bundesweit einheitlichen Behandlungsbedarf abzustellen. Die KBV solle dafür sorgen, dass ein Vertragsarzt „für die Diagnostik, Therapie und Behandlung eines Versicherten in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung bundesweit die gleiche leistungsbezogene Vergütung bei gleicher Qualität erhält“, heißt es dort.

Der Vorstand der KV Bayerns rechnet für das nächste Jahr mit einer bundesweiten Honorarsteigerung von rund einer Milliarde Euro. Bei einer asymmetrischen Verteilung würden davon 500 Millionen Euro an die beiden KVen in Nordrhein-Westfalen fließen. Für Bayern blieben „nur“ 30 Millionen.

Jetzt ist die Bundesregierung am Zug. Sie muss die rechtlichen Grundlagen für die Zuwachsbemessung bei der Gesamtvergütung sowie deren Verteilung schaffen. Ein Referentenentwurf soll noch im August vorliegen.

Heike Korzilius

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