ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/201050. Todestag von Melanie Klein: Pionierin der Kinderanalyse

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50. Todestag von Melanie Klein: Pionierin der Kinderanalyse

PP 9, Ausgabe September 2010, Seite 401

Goddemeier, Christof

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Foto: Melanie Klein Trust
Foto: Melanie Klein Trust

Die Psychoanalyse bei Kindern galt lange Zeit als nicht durchführbar. Melanie Klein stellte als eine der ersten hierzu genau Beobachtungen an und löste mit ihren Erkenntnissen eine Debatte über das psychoanalytisch Machbare aus.

Nach Sigmund Freuds Analyse des „kleinen Hans“ („Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben“, 1909) gab es zehn Jahre lang kaum Versuche, Kinder mit der psychoanalytischen Methode zu behandeln. Freud selbst hatte darauf aufmerksam gemacht, dass die Behandlung eines Kindes nur unter besonderen Umständen erfolgreich sein könne. Im Fall des kleinen Hans hatte der Vater des Jungen die eigentliche Analyse durchgeführt. Nur einer engen Bezugsperson gegenüber, so Freud, werde ein Kind das nötige Vertrauen aufbringen und seine Wünsche, Träume und Fantasien schildern. Zudem befürchtete er, die Deutung unbewusster Wünsche beim Kind werde diese Wünsche in unkontrollierbarer Weise zum Vorschein bringen. Zwar wurden diese Annahmen weder belegt noch widerlegt; für die Entwicklung der Kinderanalyse stellten sie jedoch ein Hindernis dar.

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In Freuds Verständnis schafft die Seele aus Fantasie und äußerer Realität etwas Neues – die psychische Realität. Melanie Klein baut auf dieser Dialektik des Seelenlebens auf und geht den psychischen Erscheinungen, die Freud beschrieben hat, auf den Grund. Wann vollzieht ein Kind den Übergang vom „Lustprinzip“ zum „Realitätsprinzip“ und damit die psychische Trennung von seinen Eltern? Mit der Lösung des sogenannten Ödipuskomplexes und der Etablierung des Über-Ich im Alter von etwa fünf Jahren, sagt Freud. Sándor Ferenczi, Melanie Kleins Analytiker in Budapest und ihr erster Mentor, möchte sich weder auf ein Alter noch auf eine sexuelle Erklärung festlegen. Als einer der ersten Analytiker fasst er die Tiefenpsychologie als Grundlage einer modernen Pädagogik ins Auge und fordert, die Erkenntnisse der Neurosenlehre für die Erziehung fruchtbar zu machen. Mit seiner Abhandlung „Die Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes“ (1913) wird Ferenczi zum Pionier der „Ich-Psychologie“. Ihm zufolge erlangt das Kind seinen Wirklichkeitssinn durch Versagung seiner Allmachtswünsche. Das Stadium der Omnipotenz nennt er „Introjektionsphase“, das Realitätsstadium „Projektionsphase“. Mit diesen Konzepten und Begriffen arbeitet Melanie Klein weiter. In ihrer Autobiografie erklärt sie den Ursprung ihres Lebenswerkes: „(. . .) lenkte er [Ferenczi] meine Aufmerksamkeit auf meine große Begabung, Kinder zu verstehen und (. . .) ermutigte mich sehr in meinem Vorhaben, mich der Analyse, insbesondere der Kinderanalyse, zu widmen. (. . .) Ich hatte nicht gefunden, (. . .) dass Erziehung (. . .) das ganze Verstehen der Persönlichkeit umfassen und so den Einfluss haben konnte, den man ihr gewünscht hätte. Ich hatte immer das Gefühl, dass etwas dahinter sei, an das ich nicht herankommen konnte.“

1882 wird Melanie Klein in Wien geboren. Ihr Vater ist Arzt und entstammt einer jüdisch-orthodoxen Familie aus Galizien, die Mutter stammt aus einer gelehrten und toleranten Rabbinerfamilie aus der Slowakei. Mit 17 Jahren lernt sie Arthur Klein kennen, den sie später heiratet. 1914 liest sie Freuds Abhandlung „Über den Traum“. Vier Jahre später nimmt sie am fünften Psychoanalytischen Kongress in Budapest teil, wo Freud über „Wege der psychoanalytischen Therapie“ spricht.

Gedenktafel in Berlin – Melanie Klein verbrachte mehrere Jahre in Deutschland, bevor sie nach London ins „Zentrum der Kinderanalyse“ übersiedelte. Foto: Axel Mauruszat
Gedenktafel in Berlin – Melanie Klein verbrachte mehrere Jahre in Deutschland, bevor sie nach London ins „Zentrum der Kinderanalyse“ übersiedelte. Foto: Axel Mauruszat

Neben Melanie Klein ermutigt Ferenczi Eugénie Sokolnicka, Ada Schott und Anna Freud, sich auf die Kinderanalyse zu konzentrieren. Ab 1917 untersucht Hermine von Hug-Hellmuth, ob das spontane Spiel geeignet sei, Einsichten über das kindliche Unbewusste zu gewinnen. Klein nimmt Freuds Äußerung wörtlich, dass man eigentlich zu einem Kind spreche, wenn man mit dem Unbewussten eines Erwachsenen Kontakt aufnehme, und sieht in der Kinderpsychoanalyse die zwangsläufige Erweiterung seiner Arbeit. Technische Fortschritte übernimmt sie von Hug-Hellmuth. Doch mit ihrer Methode, das Unbewusste des Kindes direkt zu beobachten, folgt sie Freud. Der hatte aus der Behandlung des kleinen Hans gelernt, dass das spontane Spiel des Kindes unbewusste Mitteilungen enthält, die der freien Assoziation des Erwachsenen entsprechen. Klein ist weder Ärztin, noch verfügt sie über ein anderes Diplom. Doch 1919 präsentiert sie der Ungarischen Gesellschaft für Psychoanalyse die erste Kinderanalyse – es handelt sich um ihren jüngsten Sohn Erich („Fritz“), den sie seit seinem dritten Lebensjahr beobachtet. Dabei kommt sie zum Schluss, dass „Analyse und pädagogische Beeinflussung (. . .) unvereinbar sind“. Das unterscheidet sie grundsätzlich von Hug-Hellmuth, die Suggestion und Führung für notwendig hält, um die Wirkungen der Analyse zu mildern. Klein ist dagegen davon überzeugt, dass die Deutung unbewusster Regungen und Fantasien das kindliche Ich stärkt. Das Spiel des Kindes soll frei von jeglicher Suggestion erfolgen und nur durch Überlegungen zur Sicherheit eingeschränkt sein. Sind Kinder unfähig zur Übertragung, weil sie noch zu stark an ihre Eltern gebunden sind? Laut Klein folgen die „Personifizierungen in den Spielen der Kinder“ (Klein) denselben Regeln wie die Übertragungen Erwachsener. Sie beobachtet, dass in der Übertragung nicht eine vergangene Beziehung wieder auflebt, sondern ein Teil der aktuellen, unbewussten Innenwelt nach außen projiziert wird.

„Psychisches Atmen“ prägt die Objektbeziehungen

1924 trennt Klein sich von ihrem Mann, 1925 hält sie mehrere Vorträge in London. Einwänden Freuds begegnet Ernest Jones, Gründer der Britischen Psychoanalytischen Vereinigung, kurz und bestimmt. „Die prophylaktische Kinderanalyse erscheint mir als logische Folge der Psychoanalyse“, schreibt er am 31. Juli an Freud. Jones fasst London als Zentrum der Kinderanalyse ins Auge. Im September 1926 zieht Melanie Klein in die Stadt an der Themse, wo sie fortan leben wird. Noch im gleichen Jahr beginnt sie, Jones’ Kinder zu analysieren.

Klein hält das Kind weder für unschuldig im Sinne Rousseaus noch für „polymorph pervers“ im Sinne Freuds. In ihrem Vortrag „Eine Kinderentwicklung“ (1921) beschreibt sie eine „mitgebrachte Verdrängungsneigung“, welche grundlegender sei als die durch moralisierende Erziehung auferlegte Verdrängung. Damit öffnet sich der Blick auf ein primäres Unbewusstes mit der Möglichkeit der Urverdrängung und, damit eingehend, der Fähigkeit oder Unfähigkeit zu Sprache und Denken. Entscheidend ist für Klein die „Form der Deutung“. Sie versucht, den Inhalt der unbewussten Fantasien möglichst klar auszudrücken. Dabei lehnt sie sich „an die gegenständliche Art an, in der Kinder denken und sprechen“. Ihre Deutungen, die zuweilen grob erscheinen können, erfolgen also unter sorgfältiger Beachtung der kindlichen Sprache.

Von zentraler Bedeutung in Kleins Werk sind die Begriffe „projektive Identifizierung“, „paranoid-schizoide Position“, „depressive Position“ und der „frühe Ödipuskomplex“. Ihr zufolge bezieht ein Säugling sich mit Beginn seines Lebens auf Objekte. Erstes Objekt ist die Mutterbrust, die er in eine befriedigende (gute) und eine versagende (böse) spaltet. Diese Spaltung bedingt die Trennung zwischen Liebes- und Hassgefühlen. Besteht die innere Welt des Kindes also zunächst aus Identifizierungen, die auf Introjektion beruhen, stattet das Kind in einem gegenteiligen Akt die Außenwelt mit seinen Liebes- und Hassimpulsen aus, indem es diese nach außen projiziert. Dabei werden Liebesimpulse vom Kind als lebenserhaltend, Hassgefühle als bedrohlich erlebt. Klein zufolge formt diese Wechselwirkung zwischen Introjektion und Projektion – Florence Guignard spricht von „psychischem Atmen“ – die Objektbeziehungen des Kindes. Objekte der kindlichen Projektionen sind vor allem die Eltern. Werden die mit kindlichen Projektionen ausgestatteten Eltern wiederum verinnerlicht, bilden sie das primitive Über-Ich des Säuglings. Im Unterschied zu Freud entstehen nach Klein Über-Ich und Ödipuskomplex bereits in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres. Die Spaltung der kindlichen Welt in ganz gute und ganz böse Objekte ruft Angst vor dem bösen Objekt hervor. Diesen Seelenzustand nennt Klein „paranoid-schizoide Position“. Später erkennt das Kind, dass geliebte und gehasste Objekte identisch sind und entwickelt nun eine neue Angst um seine geliebten Objekte. Diesen Zustand nennt Klein „depressive Position“. Nicht Depression als Krankheit ist damit gemeint, sondern die Fähigkeit des Kindes zu Liebe und Anteilnahme, Trauer und Sorge.

Eine grundsätzliche Kontroverse mit Anna Freud

1927 veröffentlicht Anna Freud ihre „Einführung in die Technik der Kinderanalyse“. Darin berücksichtigt sie die Warnungen ihres Vaters und vertritt im Wesentlichen die Haltung von Hug-Hellmuth. In den folgenden Jahren entspannt sich eine ausführliche und teilweise polemische Kontroverse zwischen Anna Freud und Melanie Klein. 1932 erscheint Kleins Buch „Die Psychoanalyse des Kindes“. In der Debatte stehen sich zwei Positionen gegenüber: Klein, die darlegt, was sie getan hat und wie sie es getan hat, und Anna Freud mit ihrer Behauptung, es könne nicht getan werden. Beide stützen sich auf Interpretationen der Texte Freuds. Im Laufe der Zeit macht Anna Freud mehr Erfahrungen mit der Kinderanalyse. Kleins „depressive Position“ übernimmt sie zwar nicht; doch sie spricht vom „Leid der Babys“ und nähert sich, wie es scheint, der Klein’schen Theorie an.

Seelenleben als dynamischer Prozess

„Sie ist ein bisschen übergeschnappt, das ist alles. Es gibt aber keinen Zweifel daran, dass ihr Geist übersprudelt von sehr, sehr interessanten Dingen“, sagt Alix Strachey, Übersetzerin der „Psychoanalyse des Kindes“, über Melanie Klein. Kritiker Kleins vergleichen ihren eher „intuitiven“ Stil mit der „wissenschaftlichen“ Klarheit der Freud’ schen Schriften. Doch der Stil spiegelt die unterschiedlichen Denkweisen: Hier Freud mit seinem Seelenmodell, das auf klar unterschiedenen Entwicklungsstufen beruht, dort Klein, die das Seelenleben als dynamischen Prozess ansieht, in dem Liebe und Hass, Projektion und Introjektion, Spaltung und Fantasie, jeweils in Wechselwirkung mit der äußeren Realität, gleichzeitig wirksam sind. Die Divergenzen mit Sigmund Freud führen nie zum Bruch. Wenn Melanie Klein die Möglichkeiten der Kinderanalyse untersuchte, tat sie das trotz seiner Vorbehalte in Übereinstimmung mit Freud. Der war nach der Untersuchung des „kleinen Hans“ nämlich zum Schluss gekommen, wir sollten uns „durch die Vorurteile unserer Unwissenheit nicht für gebunden“ halten.

Am 22. September 1960 ist Melanie Klein im Londoner University College Hospital gestorben.

Christof Goddemeier

1.
Caper, R.: Seelische Wirklichkeit. Von Freud zu Melanie Klein. Stuttgart 2000.
2.
Grosskurth, Ph.: Melanie Klein. Ihre Welt und ihr Werk. Stuttgart 1993.
3.
Kristeva, J.: Das weibliche Genie – Melanie Klein. Gießen 2008.
1. Caper, R.: Seelische Wirklichkeit. Von Freud zu Melanie Klein. Stuttgart 2000.
2. Grosskurth, Ph.: Melanie Klein. Ihre Welt und ihr Werk. Stuttgart 1993.
3. Kristeva, J.: Das weibliche Genie – Melanie Klein. Gießen 2008.

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