ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2010Bruxismus: Kooperation von Zahnärzten und Therapeuten erforderlich

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Bruxismus: Kooperation von Zahnärzten und Therapeuten erforderlich

PP 9, Ausgabe September 2010, Seite 421

Sonnenmoser, Marion

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Gefährliches Zähneknirschen – Bruxismus kann Zähne und Kiefergelenke schädigen. Ursache dafür können sowohl Fehlstellungen des Gebisses als auch psychische Probleme und Stress sein. Foto: Fotolia
Gefährliches Zähneknirschen – Bruxismus kann Zähne und Kiefergelenke schädigen. Ursache dafür können sowohl Fehlstellungen des Gebisses als auch psychische Probleme und Stress sein. Foto: Fotolia

Regelmäßiges und andauerndes Zähneknirschen, vor allem im Schlaf, kann durch eine Reihe physischer Ursachen, wie Kieferfehlstellungen, hervorgerufen werden. Doch auch psychische Probleme und Stress können Bruxismus verursachen.

Zähne werden zum Beißen und Kauen benötigt, nicht aber zum Knirschen. Und doch knirschen fast alle Menschen ab und zu mit den Zähnen, allerdings fällt es ihnen nicht auf, weil es meistens unbewusst, nachts im Schlaf oder nur sehr kurz geschieht. Zähneknirschen ist nicht weiter gefährlich, es sei denn, es geschieht regelmäßig, langandauernd und mit starkem Druck. Dann können Zähne und Kiefergelenke geschädigt werden, und es stellen sich Kopf- und Muskelschmerzen, verspannte Schultern und ein steifer Nacken ein. Darüber hinaus kann Zähneknirschen so laute Geräusche verursachen, dass der Schlaf der Bettnachbarn beeinträchtigt wird.

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Zähneknirschen durch Stress

Etwa zwei Prozent der Bevölkerung leiden unter übermäßigem Zähneknirschen, das zu gesundheitlichen Schäden führt. Betroffen vom „Bruxismus“, so der Fachausdruck, sind hauptsächlich Frauen. Die Störung tritt verstärkt zwischen dem 30. und 45. Lebensjahr auf, wird aber auch schon im Kindes- und Jugendalter beobachtet. Die Ätiologie ist noch nicht eindeutig geklärt, es ist aber anzunehmen, dass viele verschiedene Ursachen und Faktoren beim Bruxismus zusammenwirken. Dazu gehören beispielsweise Zahn- und Kieferfehlstellungen, zu Schiefhaltungen führende Skeletterkrankungen, neurologische Krankheiten, genetische Dispositionen sowie Drogen und Medikamente.

Im psychischen Bereich scheinen Persönlichkeitsmerkmale und psychische Störungen eine Rolle zu spielen. „Ängste, Depressionen und ausgeprägter Neurotizismus gehen mit krankhaftem Zähneknirschen einher“, berichten Persönlichkeitspsychologen um Angelina Sutin vom National Institut on Aging in Baltimore. Andere Studien kommen zum Ergebnis, dass Knirscher zwanghafte Züge mit Übergewissenhaftigkeit und Perfektionismus an den Tag legen. Sie erscheinen nach außen fügsam und angepasst, in Wahrheit sind sie aber kränkbar, unsicher und unflexibel und versuchen, aggressive und feindselige Impulse wie Ärger und Wut zu unterdrücken. Als Hauptursache für Bruxismus gilt jedoch Stress, ausgelöst beispielsweise durch Schwierigkeiten am Arbeitsplatz und in der Familie, häusliche Pflege oder finanzielle Probleme.

Patienten, die unter Bruxismus leiden, bemerken dies oft lange nicht, es sei denn, sie werden von anderen darauf hingewiesen oder es stellen sich unerklärliche Zahn- und Kieferschmerzen ein. In der Regel suchen sie einen Zahnarzt auf, der zunächst versucht, Zahn- und Kieferfehlstellungen zu beheben; eventuell verordnet er auch Krankengymnastik und passt eine Aufbissschiene an. Dabei handelt es sich um einen Zahnaufsatz aus Kunststoff, der nachts auf eine Zahnreihe aufgesetzt wird und der die direkte Reibung der Zähne aneinander verhindern sowie den Druck über den gesamten Kiefer verteilen soll. Dies schützt zwar die Zähne vor weiterer Schädigung, beseitigt jedoch nicht die Ursachen, vor allem nicht diejenigen, die auf psychischer Ebene liegen.

An diesem Punkt sollten Psychologen und Psychotherapeuten hinzugezogen werden, da sie über Methoden verfügen, um psychische Ursachen zu ergründen, Fehlverhalten zu korrigieren und funktionale Verhaltensweisen zu vermitteln. Es liegen mittlerweile Erfahrungsberichte mit verschiedenen Herangehensweisen vor, die teilweise miteinander kombiniert werden. Exemplarisch genannt seien verhaltensmedizinische und kognitiv-verhaltenstherapeutische Verfahren, Biofeedbackverfahren, Hypnotherapie sowie Stressabbau-, Emotionsregulations- und Entspannungsverfahren.

Weil psychotherapeutische Interventionen bei Bruxismus kaum erforscht sind, können keine fundierten Aussagen zur Wirksamkeit einzelner Verfahren gemacht werden. Das bedeutet, dass Patienten verschiedene Verfahren ausprobieren und selbst herausfinden müssen, welches ihnen hilft. Da Patienten mit Zahnproblemen üblicherweise nicht von selbst den Weg in psychotherapeutisch-psychosomatische Praxen oder Kliniken finden, wären psychotherapeutische Fortbildungen für Zahnärzte und mehr Kooperationen zwischen Zahnärzten und Psychotherapeuten hilfreich. Entsprechende Vorschläge wurden unter anderem bei der Podiumsdiskussion der Fortbildungsveranstaltung „Zahn und Psyche“ vorgebracht, die im Frühjahr 2009 in München von der Bayerischen Landeszahnärztekammer (BLZK), der Europäischen Akademie für zahnärztliche Fort- und Weiterbildung der BLZK GmbH und der Psychotherapeutenkammer Bayern veranstaltet wurde. Es wurde unter anderem vorgeschlagen, dass Zahnärzte und Psychotherapeuten aufeinander zugehen und kooperieren sollten, und dass auch die Fachverbände intensiver zusammenarbeiten sollten. Darüber hinaus belegen immer mehr Studien, dass es erstaunlich viele Schnittpunkte zwischen den beiden Disziplinen gibt, die einen verstärkten Austausch, gegenseitige Anregungen und eine interdisziplinäre Behandlung von Patienten mit nicht primär zahnmedizinischen Indikationen erforderlich machen.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

1.
Kato T, Lavigne G: Sleep bruxism: A sleep-related movement disorder. Sleep Medicine Clinices 2010; 5(1): 9–35. MEDLINE
2.
Sutin A, Terracciano A, Ferrucci L, Costa Jr. P: Teeth grinding: Is emotional stability related to bruxism? Journal of Research in Personality 2010; 44(3): 402–5.
1.Kato T, Lavigne G: Sleep bruxism: A sleep-related movement disorder. Sleep Medicine Clinices 2010; 5(1): 9–35. MEDLINE
2.Sutin A, Terracciano A, Ferrucci L, Costa Jr. P: Teeth grinding: Is emotional stability related to bruxism? Journal of Research in Personality 2010; 44(3): 402–5.

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