ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2010Thema der Ethikkommission
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Aus gegebenem Anlass beschäftigte sich die Ethik-kommission der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg bereits 2005 diskursiv mit ethischen Problemen der tiefen Hirnstimulation (THS) zur reversiblen Behandlung von Funktionsstörungen, zum Beispiel Morbus Parkinson, Epilepsie, chronischen Schmerzsyndromen, Zwangsstörungen, Depressionen, Sucht.

Die Intention der klinischen Forscher ist, dass sie schwerstbeeinträchtigte (pharmako)therapieresistente Patienten behandeln können. Dazu benötigen sie jedoch die volle Zustimmungsfähigkeit der Patienten (informed consent). Die Behandlungsindikation wird gestellt durch drei Ärzte (Neurologe/Psychiater, Operateur, unabhängiger Urteiler). Es muss sichergestellt werden, dass die Behandlung jederzeit durch „Abschalten“ (On-Off-Vorgehen) reversibel ist. Bisher sind keine anatomischen Dauerveränderungen bekannt.

Ethische Probleme sind, dass die Schwelle zur Behandlungsindikation im Laufe der Zeit gesenkt werden könnte (übliche Grenzwertproblematik, zum Beispiel Blutdruck, LDL-Cholesterol, HbA1c). Gerade bei schwerstgeschädigten nicht geschäftsfähigen Patienten dürfte die Indikation besonders dringlich sein. Wie in analogen Fällen wird der informed consent nachträglich eingeholt. Bei einer Verweigerung wird die Therapie beendet (Reversibilität). Es besteht jedoch die Gefahr, dass die Indikationen (unkontrolliert) erweitert werden – bis hin zur artifiziellen Generierung eines individuellen „Wohlfühlsyndroms“ auf Knopfdruck, einer Art „Stereotaxie-Abteilung“ in Wellness-Hotels. Ein weiteres ethisches Problem der Stereotaxie ist die nahezu beliebige Manipulation von Individuen.

Aus der wissenschaftspolitischen Perspektive ist zu fordern, dass das neue Verfahren in Regionen entwickelt werden muss, in denen ethische Kontrollmechanismen verfügbar sind. Wir dürfen uns in Deutschland dem medizinischen Fortschritt nicht verschließen. Eine internationale Kooperation ist unverzichtbar.

Es besteht kein Zweifel, dass die THS eine zukunftsträchtige therapeutische Option sein könnte. Wir müssen jedoch berücksichtigen, dass wahrscheinlich mehr – auch schwere – Ereignisse auftreten könnten als in der ersten Euphorie vermutet (1).

DOI: 10.3238/arztebl.2010.0644b

Prof. Dr. med. Frank P. Meyer

Magdeburger Straße 29, 39167 Groß Rodensleben

E-Mail: U_F_Meyer@gmx.de

1.
Weaver FM, Follett K, Stern M, et al.: Bilateral deep brian stimulation vs best medical therapy für patients with advanced Parkinson disease. A randomized controlled trial. JAMA 2009; 301: 63–73. MEDLINE
2.
Kuhn J, Gründler TOJ, Lenartz D, Sturm V, Klosterkötter J, Huff W: Deep brain stimulation for psychiatric disorders [Tiefe Hirnstimulation bei psychiatrischen Erkrankungen]. Dtsch Arztebl Int 2010(7); 107: 105–13. VOLLTEXT
1.Weaver FM, Follett K, Stern M, et al.: Bilateral deep brian stimulation vs best medical therapy für patients with advanced Parkinson disease. A randomized controlled trial. JAMA 2009; 301: 63–73. MEDLINE
2.Kuhn J, Gründler TOJ, Lenartz D, Sturm V, Klosterkötter J, Huff W: Deep brain stimulation for psychiatric disorders [Tiefe Hirnstimulation bei psychiatrischen Erkrankungen]. Dtsch Arztebl Int 2010(7); 107: 105–13. VOLLTEXT

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Anzeige