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Als jemand, der selbst über funktionelle Neurochirurgie gearbeitet hat, habe ich die Übersichtsarbeit von Kuhn et al. über die THS bei psychiatrischen Krankheitsbildern mit Interesse gelesen. Die läsionellen stereotaktisch vorgenommenen Eingriffe, wie sie in den 1970er Jahren unter anderem bei sexuell Devianten, aber auch damals schon bei Zwangskranken oder Suchtpatienten vorgenommen wurden, sind als Vorläufer der THS sicher nicht allein aus medizinhistorischer Sicht erhellend. Sie zeigen auch, dass Eingriffe an den phylogenetisch älteren Teilen des Gehirns, um die es hier geht, hinsichtlich unerwünschter Wirkungen generell gering, hinsichtlich Veränderungen der Persönlichkeitsstruktur offenbar nicht belastet sind.

Umfangreiche katamnestische Untersuchungen an allen in Hamburg aus sexualpsychiatrischer Indikation stereotaktisch hypothalamotomierten Patienten (1, 2) konnten zeigen, dass selbst die irreversible Ausschaltung einzelner Nuclei im Zwischenhirn für die Betroffenen keine langfristigen und/oder erheblichen Einschränkungen der Lebensqualität zur Folge hat (bei 75 Prozent jedoch zu einer dauerhaften Remission des Zielsymptoms führte).

Der Verweis auf das „schwere Nebenwirkungsprofil“ läsioneller Eingriffe am Gehirn zur Behandlung psychiatrischer Erkrankungen bezieht sich mithin (und das mit Recht) allenfalls auf die offenen Verfahren der Leukotomie/Lobotomie, wie sie in den 1940er und 1950er Jahren durchgeführt wurden.

Erfreulich ist, dass die Arbeiten zur THS bei psychiatrischen Erkrankungen aus psychiatrischer Indikation heute auch von psychiatrischer/psychotherapeutischer Seite mit getragen werden. Seinerzeit galt die chirurgische/neurochirurgische Behandlung seelischer Erkrankungen gerade diesen Kollegen als ein Tabubruch, deren bloße Erwähnung zu Abwehr und Verleugnung führte – und es letztlich unmöglich machte, Chancen und Risiken der Methode offen zu diskutieren.

DOI: 10.3238/arztebl.2010.0645a

Mag. theol. Dr. med. Hanns-Dieter Timmann

Volksdorfer Weg 28, 22391 Hamburg

E-Mail: hd.timmann@freenet.de

1.
Hebestreit J: Testpsychologische Befunde vor und nach stereotaktischer Hypothalamotomie bei Sexualstraftätern, (unveröffentlichte) Dissertation, Hamburg 1989.
2.
Timmann HD, Müller D: Stereotaktische Hirnoperationen bei sexuell Devianten, Hamburg 2003.
3.
Kuhn J, Gründler TOJ, Lenartz D, Sturm V, Klosterkötter J, Huff W: Deep brain stimulation for psychiatric disorders [Tiefe Hirnstimulation bei psychiatrischen Erkrankungen]. Dtsch Arztebl Int 2010; 107(7): 105–13. VOLLTEXT
1.Hebestreit J: Testpsychologische Befunde vor und nach stereotaktischer Hypothalamotomie bei Sexualstraftätern, (unveröffentlichte) Dissertation, Hamburg 1989.
2.Timmann HD, Müller D: Stereotaktische Hirnoperationen bei sexuell Devianten, Hamburg 2003.
3.Kuhn J, Gründler TOJ, Lenartz D, Sturm V, Klosterkötter J, Huff W: Deep brain stimulation for psychiatric disorders [Tiefe Hirnstimulation bei psychiatrischen Erkrankungen]. Dtsch Arztebl Int 2010; 107(7): 105–13. VOLLTEXT

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