ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2010Fachkräftemangel: Merkels Mottenkiste

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Fachkräftemangel: Merkels Mottenkiste

Dtsch Arztebl 2010; 107(37): A-1719 / B-1519 / C-1499

Hibbeler, Birgit

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Eigentlich ist es eine Diskussion aus der Mottenkiste. Trotzdem haben die Medien das Thema bereitwillig aufgegriffen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) will Hartz-IV-Empfänger verstärkt in der Pflege einsetzen. „Ich sehe nicht ein, dass Pflegekräfte künftig nur noch aus Osteuropa kommen“, sagte Merkel der „Bild am Sonntag“. Erwartungsgemäß scharf fiel der Protest aus. Der Deutsche Pflegerat zeigte sich entsetzt über die „verbale Entgleisung“ der Kanzlerin. Aus Sicht der Pflegeverbände erwecken die Äußerungen wieder einmal den Eindruck „Pflegen kann jeder“. So werde das Berufsfeld weiter abgewertet.

Damit haben die Verbände recht. Zumal auch Merkel klar sein dürfte, dass man den Mangel an examinierten Fachkräften nicht allein mit Langzeitarbeitslosen ausgleichen kann. So lenkt sie lediglich davon ab, dass die Bundesregierung zurzeit kein Konzept hat, um das Problem in den Griff zu bekommen. Allerdings schwingt in der Empörung auch ein ziemlich merkwürdiges Bild von Hartz-IV-Empfängern mit. Wieso sollen diese schließlich nicht in der Pflege arbeiten, wenn man sie zu Fach- oder Hilfskräften umschult? Mit welchem Recht spricht man ihnen von vornherein Fähigkeiten ab, die man jedem Zivildienstleistenden zutraut?

Für Altenheime und ambulante Dienste wird es immer schwieriger, qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Anders als für Merkel ist deshalb für die Arbeitgeber das Thema Zuwanderung sehr wohl relevant. Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) fordert sogar eine „Greencard“ für Pflegekräfte und will damit auch Mitarbeiter aus Nicht-EU-Ländern gewinnen. Allein mit Fachkräften aus der Europäischen Union sei der Personalmangel nicht zu beheben, meint der bpa. Tatsächlich könnte eine Greencard kurzfristig helfen, Löcher in Deutschland zu stopfen. Doch an anderer Stelle provoziert sie Engpässe. Deutsche Fachkräfte wandern in die Schweiz oder nach Skandinavien aus, Osteuropäer kommen nach Deutschland. An diesen „Dominoeffekt“ hat man sich im Gesundheitswesen schon gewöhnt. Ethisch vertretbar ist er trotzdem nicht. Reiche Länder, die zu wenige Fachkräfte ausbilden, werben munter Arbeitnehmer aus anderen Staaten ab. Dabei nehmen sie in Kauf, dass dort die Patientenversorgung leidet. In einer globalisierten Arbeitswelt stehen am Ende der Kette die Länder, deren Gesundheitssysteme am wenigsten zu bieten haben. In Großbritannien soll es bereits mehr malawische Ärzte geben als in Malawi.

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Der Fachkräftemangel im Gesundheitswesen verursacht noch einen zweiten, lokalen Dominoeffekt. Wegen des Ärztemangels soll das Pflegepersonal im Krankenhaus ärztliche Aufgaben übernehmen oder tut dies bereits. Weil es aber auch zu wenige Pfleger gibt, müssen andere Hilfskräfte her (dazu „Pflegekräfte sollen entlastet werden“ in diesem Heft). Hat man eine Lücke gestopft, klafft schon wieder die nächste.

Dr. med. Birgit Hibbeler, Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik
Dr. med. Birgit Hibbeler, Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik

Die Debatte um die Hartz-IV-Empfänger und die Greencard kommt vielen gelegen. Vom eigentlichen Kernproblem – den Arbeitsbedingungen – redet so schließlich niemand. Das Gesundheitswesen als attraktives Arbeitsfeld für Ärzte, Pflegefachkräfte und weniger qualifiziertes Hilfspersonal: Das wäre doch einmal ein würdiges Projekt für eine Bundesregierung, die von sich behaupten will, erfolgreich zu arbeiten. Bei dieser Gelegenheit könnte Merkel sich dann auch von ihrer Mottenkiste trennen und sie in den Keller des Kanzleramts bringen.

Dr. med. Birgit Hibbeler
Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik

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