POLITIK

Palliativmedizin: Charta will Defizite überwinden

Dtsch Arztebl 2010; 107(37): A-1744 / B-1536 / C-1516

Klinkhammer, Gisela; Richter-Kuhlmann, Eva

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Mehr als 30 Organisationen verpflichteten sich bereits, die Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland zu verbessern. Weitere sollen in den nächsten Monaten folgen.

Eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung mit den Themen Tod und Sterben erhofft sich die Bundesärztekammer durch die Charta. Foto: photothek
Eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung mit den Themen Tod und Sterben erhofft sich die Bundes­ärzte­kammer durch die Charta. Foto: photothek

Wir waren überfordert“, erklärt Josef Hecken (CDU), Staatssekretär im Bundesfamilienministerium, wenn er über seine im Alter von 50 Jahren an Darmkarzinom erkrankte Mutter spricht. Als Student pflegte er sie gemeinsam mit seinem Vater und seinem Bruder ein Jahr lang bis zu ihrem Tod. Es mangelte damals sowohl an Medikamenten als auch an praktischer und psychischer Unterstützung. „Irgendwann sehnte nicht nur meine Mutter ihren Tod herbei“, räumt Hecken ein.

In den letzten 25 Jahren hat die Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen zwar erhebliche Fortschritte gemacht, dennoch bestehen große Defizite: 1 500 ambulante Hospize und 170 Hospizheime gibt es mittlerweile in Deutschland; zudem sechs Lehrstühle für Palliativmedizin. Die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) ist seit drei Jahren Gesetz und befindet sich im Aufbau. Aber auch weiterhin werden viele Menschen nicht von ambulanten und stationären Angeboten erreicht. Sie haben Schmerzen, fühlen sich unverstanden und alleingelassen.

„Das Thema Sterben gehört zum Leben“

Bewusst in den Mittelpunkt stellt deshalb die „Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen“ die Bedürfnisse der Betroffenen. In fünf Leitsätzen benennt sie gesellschaftspolitische Herausforderungen an die Versorgungsstrukturen in Deutschland und an die Aus-, Weiter- und Fortbildung von Ärztinnen und Ärzten, skizziert Entwicklungsperspektiven für die Forschung und misst den Stand der Betreuung schwerstkranker Menschen in Deutschland an europäischen Maßstäben.

Zwei Jahre lang arbeiteten die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP), der Deutsche Hospiz- und Palliativverband (DHPV) und die Bundes­ärzte­kammer (BÄK), gefördert von der Robert-Bosch-Stiftung und der Deutschen Krebshilfe, mit rund 50 weiteren Institutionen an der Charta, die am 8. September in Berlin vorgestellt wurde. „Die Entstehung der Charta war ein Prozess und geht weit über die Palliativmedizin hinaus“, erläutert Prof. Dr. med. Christof Müller-Busch, Präsident der DGP. „Das Thema Sterben gehört zum Leben.“

Eingebettet ist das deutsche Charta-Projekt in eine internationale Initiative. Diese sei als Budapest Commitments auf dem zehnten Kongress der European Association for Palliative Care im Jahr 2007 vereinbart worden, berichtet Prof. Dr. Carl-Johan Fürst, Stockholm. Mit dem Ziel, die Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen zu verbessern, sollten fünf Bereiche gefördert werden: Aus-, Weiter- und Fortbildung, Forschung, Politik, Qualitätsmanagement und allgemeine Zugänglichkeit der Versorgung mit Arzneimitteln. 18 Länder hätten diese Gedanken aufgegriffen. In Deutschland haben mittlerweile 30 Akteure die Charta unterzeichnet, die sich damit selbst verpflichten, dem Sterben und den Sterbenden die gebührende Aufmerksamkeit zu schenken.

Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der BÄK, hofft durch die Charta auf eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung mit den Themen Sterben und Sterbebegleitung. Besonders wichtig ist es ihm, den Forderungen nach ärztlicher Beihilfe zum Suizid eine Absage zu erteilen. „Wir Ärztinnen und Ärzte treten dafür ein, Schwerstkranken und Sterbenden ein Sterben unter würdigen Bedingungen zu ermöglichen und vor allem Bestrebungen nach einer Legalisierung der Tötung auf Verlangen eine Perspektive der Fürsorge und des menschlichen Miteinanders entgegenzusetzen“, betont er.

Einfluss genommen wird durch die Charta aber auch auf die geplante Überarbeitung der Grundsätze zur Sterbebegleitung der Bundes­ärzte­kammer. Hoppe will zudem dem Vorstand der BÄK empfehlen, Palliativmedizin als ein Schwerpunktthema auf einem der nächsten Deutschen Ärztetage auszuwählen, „um dort eine Diskussion über sie auszulösen und auch um auf diese Weise ihre mediale Verbreitung zu unterstützen“.

Ein wichtiges Anliegen der Palliativmedizin ist neben dem Lindern von Leid auch die Einbeziehung der Angehörigen. Foto: Peter Wirtz
Ein wichtiges Anliegen der Palliativmedizin ist neben dem Lindern von Leid auch die Einbeziehung der Angehörigen. Foto: Peter Wirtz

Doch nicht nur Ärztinnen und Ärzte sind in der Palliativmedizin gefordert. Unabdingbar notwendig ist eine intensive Zusammenarbeit mit der Pflege. „Es geht nicht um Technik und Intensivmedizin, sondern um Zeit, Lindern von Leiden und die Einbeziehung der Angehörigen“, erläutert Dr. med. Birgit Weihrauch, Vorstandsvorsitzende des DHPV. „Alle Menschen, die in dieser letzten Lebensphase einer hospizlich-palliativen Versorgung bedürfen, müssen Zugang zu ihr erhalten und auf eine umfassende, menschenwürdige Begleitung und Betreuung vertrauen können“, fordert sie. Dies bedürfe nationaler Strategien: Die Bürger müssten diese Forderung an die Politik stellen, die Träger der Charta müssten dahingehend künftig mehr Öffentlichkeitsarbeit betreiben, und die Politik müsse sich sowohl auf Ebene der Länder als auch der Kommunen engagieren.

Annette Widmann-Mauz (CDU) stellt sich ebenfalls hinter die Ziele der Charta. „Eine gesamtgesellschaftliche Debatte muss dringend angestoßen werden“, ist die parlamentarische Staatssekretärin im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium überzeugt. „Der Staat darf weder die Tötung auf Verlangen noch aktive Sterbehilfe hinnehmen“, erklärt sie. Stattdessen müsse der Nachwuchs für soziale Dienste am Menschen motiviert und qualifiziert werden. „Wir sind schon ein erhebliches Stück vorangekommen“, erklärt Widmann-Mauz und verweist dabei auf den gesetzlich verankerten Anspruch auf SAPV, die Palliativmedizin als neues Pflichtfach im Medizinstudium sowie die Veränderungen des Betäubungsmittelrechts, die ihr Ministerium jetzt vorbereite. Danach sollen stationäre Hospize und Einrichtungen der SAPV künftig Notfallvorräte an betäubungsmittelhaltigen Medikamenten anlegen können. Ferner sollen die Möglichkeiten, nicht benötigte betäubungsmittelhaltige Arzneimittel weiterzuverwenden, ausgeweitet werden.

Mehr Engagement fordert indes Gerd Nettekoven, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krebshilfe, von der Gesundheitspolitik. „Alle Themen der Charta sollten in den Nationalen Krebsplan integriert werden“, meint er. Die Krebshilfe habe der Palliativmedizin in Deutschland den Weg bereitet und bislang mehr als 60 Millionen Euro in den Auf- und Ausbau investiert.

Eine gesamteuropäische Inititiative werde es jedoch nicht geben, sagte der Bonner Palliativmediziner Prof. Dr. med. Lukas Radbruch. In der sogenannten Recommendation 24 des Ministerkomitees des Europarats wird allerdings eine umfassende Strategie zur Palliativversorgung für unverzichtbar gehalten. In Deutschland sei bereits eine Reihe der geforderten Maßnahmen eingeführt worden. Anzustreben sei aber eine „Rahmenpolitik zur Palliativversorgung in Deutschland, die insgesamt sicherstellt, dass jeder Mensch, der eine Palliativversorgung benötigt, unverzüglich und – soweit machbar – entsprechend seiner Bedürfnisse Zugang zu ihr erhält“, heißt es in der Charta. Diese bezieht sich auf den „Wegweiser Hospiz- und Palliativmedizin Deutschland“, der 3 000 Betten in stationären Hospizen und Palliativstationen ausweist. Im ambulanten Bereich würden viele Dienste im Rahmen der SAPV eingerichtet, doch noch seien die weißen Flecken in der Landkarte unübersehbar.

„Die Ärzteschaft ist bereit, sich auf dem Gebiet der Palliativmedizin fortzubilden, aber es mangelt an Verträgen“, beklagt Dr. med. Carl-Heinz Müller vom Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Aufgrund der lückenhaften Struktur hätten bislang lediglich 12 700 Menschen Anträge auf SAPV gestellt, obwohl man von einem Bedarf in 80 000 Fällen ausgehen müsse. „Es war ein politischer Fehler, die SAPV in den Wettbewerbsbereich zu stellen“, konstatiert Müller. Deshalb wolle die KBV in ihrer Vertragswerkstatt jetzt auch eigene Verträge kreieren.

Als Wiege der modernen Hospizbewegung gilt Großbritannien. Die Hospizidee fand im englischsprachigen Raum eine rasche Ausbreitung, berichtete Prof. Dr. John Ellershaw, Liverpool. Inzwischen gebe es in Großbritannien zahlreiche nationale Initiativen zur Verbesserung der Betreuung am Lebensende mit ausreichend qualifizierten Mitarbeitern. Der Charta zufolge haben sich auch in Deutschland „so viele positive Entwicklungen ergeben, dass Deutschland im Vergleich der europäischen Länder direkt nach Großbritannien angesiedelt werden könnte“.

Gisela Klinkhammer
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

@Die Charta im Internet:
www.aerzteblatt.de/101744

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