ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2010Transfusionsmedizin und Immunhämatologie: Ein Engpass an Blut ist absehbar

MEDIZINREPORT

Transfusionsmedizin und Immunhämatologie: Ein Engpass an Blut ist absehbar

Dtsch Arztebl 2010; 107(37): A-1748 / B-1542 / C-1522

Nickolaus, Barbara

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Der 31. Weltkongress für Bluttransfusionen in Berlin befasste sich mit der Bedarfssteigerung an Blut und Blutprodukten infolge der Alterung der Bevölkerung und dementsprechend höheren Raten an transfusionsbedürftigen Erkrankungen.

15 000 Blutkonserven täglich benötigen die deutschen Kliniken. Engpässe gibt es derzeit vor allem bei Null- und Rhesus-negativen Gruppen. Foto: mauritius images
15 000 Blutkonserven täglich benötigen die deutschen Kliniken. Engpässe gibt es derzeit vor allem bei Null- und Rhesus-negativen Gruppen. Foto: mauritius images

Die demografische Entwicklung in Deutschland und ihr Einfluss auf die Verfügbarkeit von Blut und Blutprodukten in der Hochleistungsmedizin werden Transfusionsmediziner in Zukunft vor schwierige Fragen stellen, für die schon heute in der Versorgungsforschung die logistischen Weichen gestellt werden müssen. Heute werden in Deutschland täglich 15 000 Blutspenden benötigt und jährlich insgesamt fünf Millionen.

Mit mehr als 30 Prozent stellen Krebstherapien einen wesentlichen Grund für Transfusionen von Blut und Blutprodukten dar – mit wachsender Tendenz, wie auf dem 31. Weltkongress der Internationalen Gesellschaft für Bluttransfusionen, der gemeinsam mit dem 43. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Transfusionsmedizin und Immunhämatologie in Berlin stattfand, zu hören war. Der steigenden Eingriffshäufigkeit bei älteren Menschen stehe gleichzeitig eine sinkende Zahl an jungen gesunden Blutspendern gegenüber, sagte Prof. Dr. med. Harald Klüter (Mannheim). Er stellte eine Bedarfsstudie des DRK-Blutspendedienstes Baden-Württemberg und des Mannheimer Instituts für Public Health vor. Erfahrungsgemäß sind gerade die 18- bis 19-jährigen Schüler Blutspender. Doch die Zahl spendefähiger Menschen ist rückläufig, denn auch die Generation der Babyboomer zwischen 1961 und 1968 kommt in die Jahre.

Statistisch lässt sich ein Spendenaufkommen ab 2030 erwarten, das um circa 15 Prozent niedriger als im Jahr 2007 liegen wird. Gleichzeitig aber steigt infolge der zunehmend älteren Patienten der Bedarf nach Blutpräparaten bei den über 70-jährigen. Dies wird für den Bereich der Maximalversorgung eine Steigerung um etwa 15 Prozent bedeuten; in der Grund- und Regelversorgung sogar um bis zu 35 Prozent. Dies betrifft nicht nur ältere Patienten, sondern auch Unfallopfer und Patienten der Neonatologie.

Der Blutbedarf ist regional unterschiedlich

Diese Zahlen zeigen auf, dass für die Zukunft mit einer Gefährdung der Blutversorgung in Deutschland zu rechnen ist. Klüter erwähnte, dass diese Bedarfsschätzungen nicht für alle Regionen Deutschlands zutreffen müssten. Anders als zum Beispiel der Südwesten Deutschlands könnte ein Stadtstaat wie Berlin mit einer höheren Zuzugsrate an jungen, also auch spendefähigen Menschen nicht so stark von Problemen der Bedarfsversorgung betroffen sein.

Dr. Cees van der Poel (Utrecht, Niederlande) berichtete über das Positionspapier der Europäischen Blutallianz (European Blood Alliance). Die darin vertretenen Ansichten entsprechen denen der Welt­gesund­heits­organi­sation, der Europäischen Union, des Europarats und der Internationalen Gesellschaft für Bluttransfusionen. Diese Institutionen verfolgen in ihren gesundheitspolitischen Erklärungen, die sie in den Einzelstaaten durchsetzen müssen, das Ziel, die Sicherheit von Blut und Blutprodukten so weit wie möglich voranzutreiben – vor allem im Hinblick auf das menschliche Immunschwächevirus (HIV) und Hepatitiden. Zudem müsse die Spende von Blut und Blutprodukten freiwillig sein und ohne materielle Vergütung erfolgen (Aufwandsentschädigungen wie Fahrgeld oder Getränke sind davon ausgenommen).

Diese Ziele sind in der Melbourne-Deklaration vom Juni 2009 von Vertretern aus 40 Staaten und Institutionen formuliert worden (www.who.int/worldblooddonorday/MelbourneDeclarationWBDD09.pdf), ebenso wie die Forderung nach einem Welttag der Blutspende.

In vitro ausdifferenzierte CD133 Stammzellen mit teilweise endothelialem Charakter. Foto: Peter Mark, RTC Rostock
In vitro ausdifferenzierte CD133 Stammzellen mit teilweise endothelialem Charakter. Foto: Peter Mark, RTC Rostock

Van der Poel wies in Berlin allerdings darauf hin, dass sich diese Empfehlungen in manchen Regionen der Erde nicht durchsetzen ließen. Zum Beispiel, weil es dort Tradition sei, dass Verwandte Blut spendeten oder man sich einen Fremdspender kaufe – unbeachtlich ihrer eventuellen Erkrankungen.

In Europa dagegen sei Blutspenden freiwillig, unbezahlt und sicher. Die rechtlichen Vorschriften zur Testung einer Spende sowie die voll automatisierte Prozessierung im Labor garantierten höchste Qualitätsstandards. Priv.-Doz. Dr. med. Michael Schmidt vom Institut für Transfusionsmedizin und Immunhämatologie in Frankfurt am Main gab Zahlenbeispiele zum Restinfektionsrisiko von Blutpräparaten: Ein Patient habe heute ein um den Faktor 500 größeres Risiko, an den Folgen eines Verkehrsunfall zu sterben, als sich via Blutspende mit HIV zu infizieren. So lag das Restrisiko für HIV-1 vor 17 Jahren bei 1 : 1 Million, heute bei 1 : 4,3 Millionen, für Hepatitis-C-Viren damals bei 1 : 5 000 und heute bei 1 :  10,88 Millionen.

In Anbetracht der massiv gestiegenen Sicherheit von Blut und Blutprodukten kommt der Eigenblutspende nach Angaben von Schmidt heute keine besondere Bedeutung mehr zu; ihr Anteil mache nur noch zwei Prozent aus.

Eine Steigerung der Sicherheit von Blutprodukten verspricht der voll automatisierte direkte Virusnachweis in Einzeltestung. Im Gefolge anderer europäischer Staaten hat der Blutspendedienst München als erste transfusionsmedizinische Einrichtung in Deutschland auf das „Individual Donor Testing“ umgestellt, bei dem jede Blutspende individuell und nicht im Pool auf HIV, HBV und HCV untersucht wird. Auf Basis der Multiplex-NAT-Technik (Nukleinsäure-Amplifikationstechnik) kann das diagnostische Zeitfenster frischer Infektionen verkürzt werden.

Stammzelltherapie nach Herzinfarkt ermutigend

Zu den Schwerpunktthemen des Weltkongresses zählte ebenfalls die Stammzelltherapie. Prof. Dr. med. Torsten Tonn (Dresden) stellt Zweijahresergebnisse der klinischen Stammzellstudie „REPAIR-AMI“ (Reinfusion of Enriched Progenitor Cells And Infarct Remodeling in Acute Myocardial Infarction) vor, die in Zusammenarbeit mit 17 Zentren durchgeführt wurde. Sie behandelt die kontrovers diskutierte Frage nach der Möglichkeit einer Regeneration eines geschädigten Herzgewebes nach Myokardinfarkt durch die intrakoronare Injektion von Knochenmark-Progenitorzellen (adulte Stammzellen) in die Infarktregion.

Von 204 Infarktpatienten hatten 101 adulte Stammzellen und 103 eine Placeboflüssigkeit erhalten (Circulation: Heart Failure 2010; 3: 89–96). Vier Monate später hatte die linksventrikuläre Ejektionsfunktion (LVEF) in der Verumgruppe leicht zugenommen (absolute Verbesserung +2,5 Prozent). Allerdings profitierten die Patienten mit der schlechtesten Ausgangssituation am besten von der Therapie (Subgruppenanalyse große Infarkte: +5 Prozent).

Möglicherweise ist das myokardiale Milieu direkt nach dem Herzinfarkt infolge von Reperfusionsschäden, Inflammation und oxidativem Stress ungünstig für das „Homing“ der Progenitorzellen. Ein therapeutischer Nutzen erscheint Tonn signifikant im Hinblick auf Endpunkte wie Tod, Reinfarkt und Reoperation. So hatte kein Patient der Verumgruppe einen Reinfarkt erlitten, in der Kontrollgruppe aber sieben Patienten. Entscheidend für die biologische Aktivität sei jedoch die Qualität der eingebrachten Stammzellpräparationen.

Im Jahr 2012 werden laut Europäischer Verordnung die Stammzellzubereitungen für die regenerative Therapie als Arzneimittel betrachtet. Sie fallen dann unter die Zulassungspflicht und die Kontrollmechanismen zu Sicherheit und Qualität durch die Europäische Arzneimittelbehörde EMA. Für die Übergangszeit warnt die Internationale Gesellschaft für Bluttransfusionen vor dem unkontrollierten Einsatz von Stammzellpräparationen außerhalb von kontrollierten, durch das Paul-Ehrlich-Institut zugelassenen klinischen Studien. Dadurch würden den Patienten bereits heute nicht haltbare therapeutische Versprechungen gemacht.

Dr. phil. Barbara Nickolaus

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