ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2010Chronisch obstruktive Lungenerkrankung: Betablocker könnten ein neues Anwendungsgebiet werden

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Chronisch obstruktive Lungenerkrankung: Betablocker könnten ein neues Anwendungsgebiet werden

Dtsch Arztebl 2010; 107(37): A-1752 / B-1545 / C-1525

Heinzl, Susanne

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Betablocker gelten wegen ihrer bronchokonstriktorischen Wirkung bei Patienten mit Lungenerkrankungen als kontraindiziert. Immer wieder gab es jedoch Hinweise darauf, dass eine Therapie mit Betablockern bei Patienten mit chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) das Risiko von Exazerbationen verringert und das Überleben verbessert.

Deshalb wurde dieser Frage nun in einer niederländischen Untersuchung nachgegangen. In der Kohortenstudie wurden die Daten von 2 230 Patienten (Durchschnittsalter 64,8 Jahre) mit COPD untersucht, die zwischen 1996 und 2006 in 23 niederländischen Allgemeinpraxen behandelt worden waren (1). 560 Patienten litten zu Beginn der Untersuchung an COPD, 1 670 entwickelten die Erkrankung während der Studie. 665 Patienten wurden mit einem Betablocker behandelt. Im Beobachtungszeitraum von durchschnittlich 7,2 Jahren starben 686 Patienten (30,8 %); davon hatten 27,2 % einen Betablocker eingenommen und 32,3 % keinen. Die Hazard Ratio bei der Cox-Regressionsanalyse betrug 0,7.

Bei 1 055 Patienten (47,3 %) kam es mindestens zu einer Exazerbation der Lungenerkrankung. Von Patienten mit Betablockertherapie waren 42,7 % von einer COPD-Exazerbation betroffen, unter den Studienteilnehmern ohne Betablockerbehandlung jedoch 49,3 % (HR: 0,73). Die 239 Patienten ohne kardiovaskuläre Erkrankungen, die Betablocker einnahmen, hatten ein um circa ein Drittel geringeres Exazerbationsrisiko.

Fazit: Dies ist die erste Beobachtungsstudie, die ergeben hat, dass eine Langzeitbehandlung mit Betablockern bei Patienten mit COPD das Überleben verlängern und das Risiko für eine Exazerbation der COPD verringern kann. Dieser Effekt war sowohl bei Patienten mit als auch ohne kardiovaskuläre Begleiterkrankungen sichtbar.

Bei der Untersuchung handelte es sich jedoch um eine Beobachtungsstudie, deren Ergebnisse nun in großen randomisierten kontrollierten Studien geprüft werden müssten, heißt es in einem begleitenden Editorial von Dr. Don Sin, Vancouver (Kanada). Bis entsprechende Daten vorlägen, könnten Betablocker mit Vorsicht bei jenen Patienten angewandt werden, die zusätzlich zur COPD an einer kardiovaskulären Erkrankung mit Indikation zur Betablockerbehandlung litten (2). Die Ergebnisse dieser Studie weisen nach Meinung von Sin darauf hin, dass – ähnlich wie bei der Herzinsuffizienz – die bisherige Kontraindikation COPD sich zu einem neuen Anwendungsgebiet der Betablocker entwickeln könnte.

Dr. rer. nat. Susanne Heinzl

  1. Rutten FH et al.: ß-Blockers may reduce mortality and risk of exacerbations in patients with chronic obstructive pulmonary disease. Arch Intern Med. 2010; 170: 880–7.
  2. Sin DD et al.: A curious case of ß-blockers in chronic obstructive pulmonary disease. Arch Intern Med. 2010; 170: 849–50.

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