ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2010Lydia Rabinowitsch-Kempner: Erste Professorin in Berlin

KULTUR

Lydia Rabinowitsch-Kempner: Erste Professorin in Berlin

Dtsch Arztebl 2010; 107(37): A-1761 / B-1553 / C-1533

Klinkhammer, Gisela

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Die Ärztin wies nach, dass Tuberkelbazillen durch infizierte Kuhmilch übertragen werden können.

Illustration: Elke Steiner
Illustration: Elke Steiner

Frauen besaßen im Jahr 1912 in Preußen erst seit vier Jahren das Recht, sich immatrikulieren zu lassen. Im selben Jahr bekam Lydia Rabinowitsch-Kempner als erste Frau in Berlin den Professorentitel verliehen. Doch da sie sich als Frau nach wie vor nicht habilitieren durfte, konnte sie kein „ordentlicher deutscher Professor“ werden.

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Rabinowitsch-Kempner wurde am 28. August 1871 als jüngstes Kind in der Familie eines Brauereibesitzers in Kowno in Litauen geboren. Um studieren zu können, gab es für sie als Mädchen, noch dazu aus einer jüdischen Familie, nur die Möglichkeit, in die Schweiz zu gehen. Sie entschied sich für Bern und wurde dort mit einer Arbeit zur „Entwicklungsgeschichte der Fruchtkörper einiger Gastromyzeten“ in Medizin promoviert. Als sie im Jahr 1894 ihr Studium beendet hatte, zog es sie nach Berlin, weil sie bei Robert Koch die Bakteriologie kennenlernen wollte. Doch da die männerdominierte Gesellschaft Frauen nicht viel Freiraum für wissenschaftliche Arbeiten ließ, siedelte sie nach Philadelphia, USA, über, wo sie bereits mit 26 Jahren Professorin wurde. Gleichzeitig hatte sie aber noch eine unbezahlte Assistentenstelle am Hygienischen Institut von Robert Koch erhalten, wo sie in den Semesterferien den Wissenschaftler Walter Kempner kennenlernte. Sie heirateten 1898 auf einem internationalen medizinischen Kongress in Madrid, was so außergewöhnlich war, dass verschiedene Zeitungen darüber berichteten. Das Ehepaar hatte drei Kinder.

Seit 1903 arbeitete Rabinowitsch-Kempner am Pathologischen Institut der Berliner Universität. Bereits ein Jahr später wies sie nach, dass Tuberkelbazillen durch infizierte Kuhmilch übertragen werden können. Das veranlasste nach einigem Zögern die „Milchverwertungsfabrik“ von Carl Bolle, mit ihr ein Pasteurisierungsverfahren zu entwickeln, mit dem die Milch keimfrei gemacht werden konnte, was sie zu einer anerkannten Wissenschaftlerin machte.

Doch erst im Jahr 1920 erhielt Rabinowitsch-Kempner die Direktorenstelle des Bakteriologischen Instituts am Städtischen Krankenhaus Moabit. Im Jahr 1934 wurde sie zwangspensioniert. „Als eines Tages die ersten Hakenkreuzfahnen in den Straßen erschienen, fing sie im Auto neben mir furchtbar zu weinen an. Ich fragte: ,Mutter, was ist denn los?‘ Da hob sie ihre Hand, deutete auf die Fahnen und sagte: ,Jetzt wird hier der Pogrom anfangen‘“, schrieb ihr Sohn Robert. Sie ermöglichte ihren Kindern die Emigration, blieb aber selbst in Berlin, wo sie am 3. August 1935 starb.

Gisela Klinkhammer

1.
Vogt A: Der „Milch-Skandal“ machte sie berühmt. Berlinische Monatsschrift 1997; 7: 32–6.

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