ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2010Vernakalant: Vorhofselektive Kardioversion

PHARMA

Vernakalant: Vorhofselektive Kardioversion

Dtsch Arztebl 2010; 107(37): A-1763

Heinzl, Susanne; Zylka-Menhorn, Vera

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Das neue Antiarrhythmikum ist indiziert bei akutem Vorhofflimmern.

Für die pharmakologische Kardioversion bei Patienten mit Vorhofflimmern stehen bislang vor allem die Wirkstoffe Amiodaron, Flecainid und Propafenon zur Verfügung. Allerdings besitzen die Substanzen eine lange Halbwertzeit, so dass die Patienten längere Zeit überwacht werden müssen. Nach Aussage von Prof. Dr. Christian Torp-Pedersen (Kopenhagen) existieren zu diesen Antiarrhythmika kaum Daten zur Sicherheit. Zudem tritt die Wirkung von Amiodaron mit bis zu acht Stunden nur langsam ein.

Foto: ESC
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Das Verständnis der Mechanismen kardialer Arrhythmien auf molekularer, biophysiologischer und Organebene haben die Grundlage für innovative neue Substanzen gelegt. Mit Vernakalant steht nun das erste Produkt einer neuen Klasse pharmakologischer Wirkstoffe (Atrial repolarization-delaying agents/ARDAs) zur Verfügung, das relativ selektiv die Überleitungsgeschwindigkeit im Vorhof verzögert und die Refraktärzeit verlängert. Seine Halbwertszeit ist mit zwei bis drei Stunden kurz. Die Zulassung von Vernakalant als Brinavess® basiert auf den Ergebnissen von drei randomisierten doppelblinden placebokontrollierten Studien des ACT1-Programms sowie einer Vergleichsstudie zu Amiodaron (AVRO2).

Dauer des Vorhofflimmerns entscheidend für den Erfolg

In ACT I erhielten Patienten mit Vorhofflimmern (Dauer ab drei Stunden bis 45 Tagen) eine Infusion von Vernakalant (3,0 mg/kg) oder Placebo über zehn Minuten. War nach 15 Minuten keine Wirkung eingetreten, erfolgte eine weitere zehnminütige Infusion mit Vernakalant (2,0 mg/kg) oder Placebo. Die Patienten wurden nach der Dauer des Vorhofflimmerns stratifiziert, und zwar in eine Gruppe mit drei Stunden bis sieben Tagen Vorhofflimmern und eine Gruppe mit acht bis 45 Tagen Vorhofflimmern. Vernakalant war zwar bei Patienten mit akutem Vorhofflimmern gut wirksam, in der Gruppe mit länger anhaltendem Vorhofflimmern jedoch nicht signifikant (Circulation 2008; 117: 1518–25).

Ähnliche Wirkungen traten in weiteren Studien des Studienprogramms auf. Die Zeit bis zur Kardioversion betrug im Median in den vier ACT-Studien elf, zwölf, acht und 14 Minuten. Bei 75 bis 82 Prozent der Patienten konnte bereits mit der ersten Dosis eine Kardioversion erreicht werden. Torp-Pedersen zufolge war Vernakalant bei Patienten mit seit mehr als sieben Tagen bestehendem Vorhofflimmern oder bei Patienten mit Kammerflattern Vernakalant wenig wirksam.

Das Antiarrhythmikum wurde gut vertragen, es traten keine relevanten QTc-Verlängerungen oder Torsades de pointes auf. Häufigste Nebenwirkungen waren metallischer Geschmack, vermehrtes Niesen und Übelkeit. In seltenen Fällen kann es zur Hypotonie kommen (Vernakalant 7,6 Prozent im Vergleich zu Placebo 5,1 Prozent). Hypotonie tritt typischerweise frühzeitig und bei Patienten mit Herzstauungsinsuffizienz auf.

In der AVRO-Studie ist Vernakalant im direkten Vergleich mit Amiodaron geprüft worden. Hierfür wurden 232 Patienten, darunter viele mit struktureller Herzerkrankung, einer intravenösen Therapie mit Vernakalant oder Amiodaron zugeteilt worden. Die Amiodaroninfusion wurde über zwei Stunden verabreicht (eine Stunde Aufbaudosis von 5 mg/kg, gefolgt von einer Stunde Erhaltungsinfusion von 50 mg). Wie Prof. Dr. John Camm (London) auf einer vom Unternehmen MSD initiierten Pressekonferenz beim Europäischen Kardiologenkongress in Stockholm berichtete, war auch in dieser Studie die Konversionsrate in den Sinusrhythmus nach 90 Minuten das primäre Erfolgskriterium. Während dieses Ziel 51,7 Prozent der Patienten unter Vernakalant erreicht hatten, waren es in der Amiodaron-Gruppe nur 5,2 Prozent.

Kontraindiziert ist Vernakalant bei Patienten mit schwerer Aortenstenose, systolischem Blutdruck von < 100 mmHg, Herzinsuffizienz (NYHA III, IV), verlängertem QT an der Basislinie (nicht korrigiert, > 440 msek), schwerer Bradykardie, Sinusknotenstörung oder Herzblock zweiten oder dritten Grades ohne Schrittmacher, darüber hinaus bei Patienten, die innerhalb von vier Stunden vor der geplanten Verabreichung von Vernakalant intravenöse Antiarrhythmika (Klasse I und III) erhalten, sowie bei Patienten mit akutem Koronarsyndrom (einschließlich Herzinfarkt) innerhalb der letzten 30 Tage.

Dr. rer. nat. Susanne Heinzl/zyl

Quelle: Symposien und Pressekonferenz von MSD beim Kongress der European Society of Cardiology (ESC) in Stockholm

1ACT = Atrial arrythmia conversion trials
2AVRO = Aktiv kontrollierte multizentrische Studie mit Vernakalantinjektion gegenüber Amiodaron bei Probanden mit kürzlich eingesetztem Vorhofflimmern

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