ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSPRAXiS 3/2010Telemedizin in Ostwestfalen-Lippe: Potenziale erkennen und nutzen

Supplement: PRAXiS

Telemedizin in Ostwestfalen-Lippe: Potenziale erkennen und nutzen

Dtsch Arztebl 2010; 107(38): [14]

Beckers, Rainer; Reiß, Beatrix; Wewer, Anne

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In einer Modellregion erprobt das Land Nordrhein-Westfalen, wie sich telemedizinische Anwendungen in die Regelversorgung umsetzen lassen.

Foto: MVB – Medizinische Videobeobachtung GmbH
Foto: MVB – Medizinische Videobeobachtung GmbH

Telemedizin hat in einzelne Projekte und Indikationsgebiete sowie in einige Bereiche der ambulanten und stationären Versorgung bereits erfolgreich Einzug gehalten. Ob bei der Unterstützung des Notfallmanagements einer Praxis, bei der Übermittlung und Dokumentation von Vitalparametern (wie etwa Blutdruck, Gewicht) oder bei der Durchführung einer Wundbehandlung – telemedizinische Verfahren unterstützen Ärztinnen und Ärzte bei ihrer täglichen Arbeit in der ambulanten Praxis auf vielfältige Weise. Auch im Rahmen der stationären Versorgung spielt Telemedizin eine Rolle, zum Beispiel bei den vielfältigen Kooperationen innerhalb portalklinischer Arbeitsteilung.

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In der Regel sind zwar für die beteiligten Leistungsanbieter vor allem mit dem Telemonitoring inzwischen extrabudgetäre Vergütungsmöglichkeiten verbunden. Über standardisierte Ziffern sind bislang jedoch erst wenige telemedizinische Leistungen abrechenbar. Nicht zuletzt deshalb ist Telemedizin noch nicht in der Regelversorgung angekommen. Weitere Gründe hierfür liegen unter anderem darin, dass technologisch nur Teilaspekte aus dem Gesundheitswesen herausgegriffen werden (müssen), sich der vollständige Nutzen von Telemedizin aber vor allem mit der Vernetzung aller Versorgungsschritte entfaltet.

Informationsbedarf

Darüber hinaus bestehen sowohl aufseiten der Ärzte als auch bei Erkrankten und deren Angehörigen offene Fragen, beispielsweise in Bezug auf erforderliche Technologien und datenschutzrechtliche Aspekte. Insbesondere Leistungsanbieter benötigen mehr Informationen zu den tatsächlichen medizinischen Effekten, zu den Kosten telemedizinischer Anwendungen sowie zu vorhandenen Geschäfts- und Vergütungsmodellen.

Unter dem Motto „Telemedizin kommt an in OWL“ werden in der Modellregion Strukturen entwickelt und aufgebaut, um eine flächendeckende telemedizinische Versorgung in Ostwestfalen-Lippe (OWL) zu implementieren. Anschließend sollen diese Strukturen und Prozesse landesweit übertragen und genutzt werden. Das Zentrum für Telematik im Gesundheitswesen (ZTG) GmbH übernimmt die Aufgabe, die Modellregion im Auftrag des Strategiezentrums Gesundheit des Gesundheitscampus Nordrhein-Westfalen zu leiten. Unterstützt wird sie von den Mitgliedern der ARGE (Arbeitsgemeinschaft) Modellregion, der unter anderem Krankenkassen, Kliniken und Ärztevertreter der Region, die Kassenärztliche Vereinigung und die Ärztekammer Westfalen-Lippe sowie weitere engagierte Institutionen aus OWL angehören. Das ZIG, Zentrum für Innovation in der Gesundheitswirtschaft, OWL in Bielefeld unterstützt und koordiniert die Aktivitäten in der Region.

Auswahlkriterien

Um ausreichende Fallzahlen erzielen zu können, sollte die ausgewählte Region eine gewisse Größe aufweisen und aufgrund demografischer Kennzahlen (Arztdichte, Bevölkerungsstruktur) und aufgrund ihrer ländlichen/urbanen Struktur, des Versorgungsangebots und der vorhandenen Akteure gute Voraussetzungen für telemedizinische Anwendungen bieten.

Mit mehr als zwei Millionen Einwohnern macht OWL circa elf Prozent der Bevölkerung in Nordrhein-Westfalen (NRW) aus*. In OWL praktizieren 2 561 der 24 148 niedergelassenen Ärzte in NRW. Auf 801 Einwohner kommt ein Arzt. Innerhalb der Modellregion bestehen allerdings starke Unterschiede. In Bielefeld werden einem Niedergelassenen 574,6 Einwohner zugerechnet, wohingegen es im Kreis Gütersloh 905,8 Einwohner sind. In der Facharztversorgung zeigt sich die Diskrepanz deutlicher. So sind im Kreis Höxter 2 104 Einwohner pro Fachärztin/-arzt zu verzeichnen, in Bielefeld sind es 908 (eTabelle). Die Anfahrtswege sind zum Teil entsprechend aufwendig.

Strategisch wird in der Modellregion ein ganzheitlicher Ansatz verfolgt, bei dem alle interessierten Akteure (wie Patientenvertreter, Leistungsanbieter aus dem ambulanten, stationären und rehabilitativen Sektor, Kostenträger und Hersteller) in einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeführt werden, um zu einem gemeinsamen Verständnis zu gelangen, welche Rolle Telemedizin im Versorgungsprozess spielen kann und soll. Wichtig ist, dass alle Beteiligten ihre Ideen zur Ausgestaltung und Optimierung der Modellregion Telemedizin äußern und das weitere Vorgehen gemeinsam entwickeln. Das ZTG fungiert an dieser Stelle als neutrale Plattform und fachkompetente Beraterin, die den Entwicklungs- und Vernetzungsprozess moderiert, die Akteure motiviert und unterstützt.

Dabei folgt die Arbeit der Modellregion folgendem Ansatz: Um die Akzeptanz bei allen am Versorgungsprozess Beteiligten zu erhöhen, werden zunächst die technische und die organisatorische Machbarkeit und Wirtschaftlichkeit im Versorgungsprozess nachgewiesen. Das ZTG erarbeitet dazu derzeit Methoden zur Qualitätssicherung und Anforderungsprofile an tragfähige, pragmatisch angelegte Kosten-Nutzen-Analysen.

Telemedizinregister

Für die externe Qualitätssicherung wird ein ganz neues System erprobt: das Telemedizinregister. Dort sollen klinische sowie sozioökonomische und -demografische Daten standardisiert und systematisch erhoben und dokumentiert werden. Im Telemedizinregister sollen exemplarisch die in der Modellregion OWL aufgetretenen und telemedizinisch behandelten Fälle pseudonymisiert gespeichert werden. Ziel ist es unter anderem, geeignete Zielgruppeneigenschaften zum Einschluss für die weiterführende Forschung zu identifizieren, relevante Studienhypothesen zu formulieren und passgenaue technische und methodische Umsetzungen telemedizinischer Services zu erkennen.

Verfahren, die Qualitätsstandards erfüllen und eine positive Kosten-Nutzen-Relation nachweisen, sollen anschließend in der Modellregion eingeführt werden. Dazu moderiert das ZTG den Verhandlungsprozess mit Kostenträgern, in dem die Möglichkeiten der Finanzierung telemedizinischer Leistungen – etwa im Rahmen einer befristet geltenden Abrechnungsziffer, die in der Modellregion getestet wird – diskutiert werden. Somit wird in OWL ein Modell erprobt, das zur Vorstufe für landes- und bundesweit akzeptierte telemedizinisch gestützte Versorgungsformen werden kann.

Neutrale Beratung

Während der zuletzt genannte Ansatz insbesondere für neue Verfahren gedacht ist, besteht der zentrale Schritt der Modellregion darin, bereits angewandte Verfahren und Konzepte zu unterstützen. Damit die Region konkret von innovativen Entwicklungen profitieren kann, bietet das ZTG Akteuren aus der Modellregion OWL eine neutrale Beratung an. Hierzu gehört zum Beispiel auch die systematische Analyse der Potenziale, die eine Arbeit mit Web 2.0 bietet. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Qualifizierung der Beteiligten im Umgang mit Telemedizinanwendungen.

Die Modellregion OWL stellt somit einen „geschützten“ Raum dar, in dem Telemedizin als eine weitere effiziente Methode der Gesundheitsversorgung etabliert werden soll. Das Konzept zielt unter anderem auf die Unterstützung bestehender Aktivitäten durch die Kompetenz des ZTG ab.

Noch mangelt es an flächendeckenden Weiter- und Fortbildungsangeboten zum Thema „Telemedizin“ für Akteure in der medizinischen Versorgung (Ärzte, Medizinische Fachangestellte, Patienten und deren Angehörigen). Das ZTG arbeitet daher in Abstimmung mit der Ärztekammer Westfalen-Lippe an der Erstellung entsprechender Curriculae und organisiert regionale Veranstaltungen für Ärzte, die eine Schlüsselrolle bei der Verbreitung von Telemedizin einnehmen. Denn für Ärzte besteht zum Beispiel Klärungsbedarf in Bezug auf die medizinischen Aspekte der Telemedizin (Wirksamkeit, Compliance), die Aspekte Datenschutz/-sicherheit und die Vergütungsmöglichkeiten. Geplant ist in diesem Kontext auch die Durchführung allgemeiner Informationsveranstaltungen zu den Potenzialen der Telemedizin, zertifizierte Schulungen zu bestimmten Indikationen (wie etwa Telekardiologie) sowie die Bereitstellung von qualitätsgesichertem Informationsmaterial. Darüber hinaus sollen die Angebote für Medizinische Fachangestellte in OWL erweitert werden.

Weitere Projekte

Zahlreiche weitere Projekte und Konzepte werden in der Modellregion angestoßen und gemeinsam mit Partnern konkretisiert, darunter:

  • die virtuelle Klinik OWL (in Kooperation mit dem Institut für Angewandte Telemedizin [IFAT], Bad Oeynhausen)
  • die Konzipierung eines Studiums eHealth (mit der Fakultät für Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld)
  • ein geriatrisches Assessment (mit dem ZIG OWL in Bielefeld und dem Klinikum Lippe GmbH in Detmold und Lemgo)
  • Teleintensivmonitoring/Portalklinik (mit den MKK-Mühlenkreiskliniken Lübbecke)
  • die Bedarfsanalyse für Teleneurologie in der Schlaganfallversorgung (in Kooperation mit dem ZIG OWL in Bielefeld und dem Klinikum Herford)
  • Qualitätssicherung für Telemedizin am Beispiel Morbus Parkinson (gemeinsam mit der MVB – Medizinische Videobeobachtung GmbH und der Praxis Dr. med. Müller in Herford [Abbildung])
  • das Geschäftsmodell „Ambulante Telerehabilitation in der Kardiologie“ (mit dem Medianklinikum für Rehabilitation, Klinik am Park in Bad Oeynhausen).

Erste Ergebnisse zu den Anforderungen an Kosten-Nutzen-Analysen werden Ende 2010 vorliegen. Bereits zum jetzigen Zeitpunkt zeichnet sich ab, dass für die Akteure eine Plausibilität über vorhandene internationale Studien zur Evidenzlage und pragmatische Methoden zur Kosten-Nutzen-Analyse empirisch ausreichend sind.

Vorteile nutzen

Jeder kann sich aktiv an der Modellregion Telemedizin OWL beteiligen und die Vorteile im Versorgungsalltag nutzen: Ärzte und Krankenhäuser werden durch das ZTG als neutrales Kompetenzzentrum kostenfrei beraten. Die Einbindung in Projekte vor Ort erweitert das Angebot der Leistungserbringer und steigert somit ihre Attraktivität bei Patienten und anderen Kunden. Im Rahmen der ebenfalls kostenfreien Weiter- und Fortbildungsangebote des ZTG für Mediziner und ihre Fachangestellten können Interessierte Spezialwissen erwerben, so etwa hinsichtlich Telemedizin, Datenschutz, Datensicherheit und möglicher Geschäftsmodelle.

Rainer Beckers, Beatrix Reiß, Anne Wewer

Anschrift für die Verfasser:

Rainer Beckers, ZTG Zentrum für Telematik im Gesundheitswesen GmbH, Universitätsstraße 142, 44799 Bochum, www.ztg-nrw.de

@ eTabelle unter www.aerzteblatt.de/1038s14

*Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik NRW 2008


Hintergrund und Ziele

Der Gesundheitscampus Nordrhein-Westfalen entwickelt telemedizinische Strategien und Ressourcen für das Land im Rahmen der Modellregion OWL. Mit Förderung des Strategiezentrums Gesundheit Nordrhein-Westfalen des Gesundheitscampus setzt das ZTG dieses innovative Konzept um: Zahlreiche Akteure sind am Prozess der gesundheitlichen Versorgung beteiligt und stellen unterschiedliche Erwartungen an die medizinische Behandlung und Betreuung. Patienten und deren Angehörige wünschen sich eine medizinisch optimale und möglichst ortsnahe Therapie, die weitestgehend über die Krankenkassen abrechenbar ist. Leistungsanbieter stellen prinzipiell die gleichen Anforderungen und fokussieren zudem ökonomische und arbeitsoptimierende Aspekte. Primäres Ziel der Kostenträger ist eine langfristige Verringerung der Kosten bei zumindest gleichbleibender Qualität. Telemedizin bietet die Möglichkeit, diesen unterschiedlichen Anforderungen zu begegnen und die Erwartungen der Beteiligten angemessen zu erfüllen.

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