ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2010Arzneimittelausgaben: Sparen ist möglich

POLITIK

Arzneimittelausgaben: Sparen ist möglich

Dtsch Arztebl 2010; 107(38): A-1790

Korzilius, Heike

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Dem Arzneiverordnungsreport 2010 zufolge lassen sich im Arzneimittelmarkt knapp 4,1 Milliarden Euro einsparen, ohne dass die Versorgungsqualität leidet.

Die Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung sind 2009 gegenüber dem Vorjahr erneut deutlich gestiegen. Sie beliefen sich auf 32,4 Milliarden Euro (plus 4,8 Prozent). Das geht aus dem Arzneiverordnungsreport (AVR) 2010 hervor, den die Herausgeber, der Pharmakologe Prof. em. Dr. med. Ulrich Schwabe und der Vorstandsvorsitzende der AOK Schleswig-Holstein, Dr. rer. soc. Dieter Paffrath, am 14. September in Berlin vorstellten. Hauptursache dieser Steigerung seien die fortwährend starken Zuwächse bei patentgeschützten innovativen Arzneimitteln, so die Autoren. 80 Prozent des Kostenanstiegs gingen auf das Konto von Angiotensinhemmstoffen (plus 167 Millionen Euro), Antidiabetika (plus 102 Millionen Euro), Schmerzmitteln (plus 120 Millionen Euro), Neuroleptika (plus 153 Millionen Euro), Asthmamitteln (plus 141 Millionen Euro), HIV-Therapeutika (plus 105 Millionen Euro), Immuntherapeutika (plus 490 Millionen Euro) und Tumortherapeutika (plus 177 Millionen Euro).

Im Visier: Analogpräparate

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„Der Arzneiverordnungsreport verdeutlicht, dass immer noch hohe Einsparpotenziale im deutschen Arzneimittelmarkt vorhanden sind“, sagte Mitherausgeber Paffrath. Ohne Einbußen in der Versorgungsqualität könnten seiner Ansicht nach knapp 4,1 Milliarden Euro eingespart werden, wenn konsequent preiswerte Generika verordnet sowie auf teure patentgeschützte Analogpräparate und Arzneimittel mit umstrittener Wirksamkeit verzichtet würde. Allerdings räumte Paffrath auch ein, dass Letztere kaum noch ins Gewicht fielen. Vom gesamten Einsparpotenzial entfielen lediglich 600 Millionen Euro auf diese Präparate. „Deutlich wichtiger ist nach wie vor das Thema Analogpräparate“, erklärte Paffrath. Hier könne die Versorgung um knapp 2,2 Milliarden Euro günstiger ausfallen.

Diese Berechnungen basieren auf den in Deutschland gültigen Preisen. Legt man aber, wie die Autoren das getan haben, das wesentlich niedrigere Preisniveau beispielsweise in Schweden zugrunde, steigt das Sparpotenzial auf 9,4 Milliarden Euro. „Warum muss Deutschland mit seinen 82 Millionen Einwohnern so viel mehr für Arzneimittel als Schweden mit seinen neun Millionen Einwohnern zahlen?“, fragte deshalb Mitherausgeber Schwabe. Denn marktgerechte Preise hingen immer auch von der Höhe des Umsatzvolumens ab. „Preissubventionen von 9,4 Milliarden Euro für die Pharmaindustrie sind also weder ökonomisch noch gesundheitspolitisch vertretbar“, meinte Schwabe. Das geplante Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarkts setze deshalb an der richtigen Stelle an, indem es nach einer kurzfristigen Nutzenbewertung Preisverhandlungen zwischen Kassen und Pharmaindustrie für neue patentgeschützte Arzneimittel vorsehe und damit erstmals in die Preisgestaltung eingreife.

Auf Kritik stieß der AVR bei der Pharmaindustrie. Die Hauptgeschäftsführerin des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller, Cornelia Yzer, bezeichnete den Report als „Schnee von gestern“. Durch die Beschlüsse der Politik stehe gerade der innovative Arzneimittelmarkt vor seiner größten Zäsur. Aktuell stelle sich die Frage, wie man Arzneimittelbewertungen und Erstattungsverträge so gestalten könne, dass die Versorgung der Patienten besser werde.

Heike Korzilius

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