ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2010Deutscher Internistentag: „Wir brauchen die Kostenerstattung“

POLITIK

Deutscher Internistentag: „Wir brauchen die Kostenerstattung“

Dtsch Arztebl 2010; 107(38): A-1786 / B-1572 / C-1552

Meißner, Marc; Rieser, Sabine

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Die steigenden Kosten und der Nachwuchsmangel gehörten zu den Schwerpunkten des dritten Deutschen Internistentages. Dabei kritisierten die Internisten vor allem, dass die Politik bisher nur spart und nicht die Strukturen des Systems reformiert.

Die Enttäuschung ist groß“ – dieses Fazit zur schwarz-gelben Gesundheitspolitik zog Dr. med. Wolfgang Wesiack, Präsident des Berufsverbandes Deutscher Internisten (BDI), beim dritten Deutschen Internistentag in Berlin. Die erhoffte Strukturreform sei bisher ausgeblieben, der vorliegende Referentenentwurf zur Finanzreform der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) nur ein Spargesetz. „Strikt begrenzte Ressourcen passen einfach nicht zu einem uneingeschränkten Leistungsversprechen“, kritisierte der BDI-Präsident. „Wir wollen unsere Patienten optimal versorgen, aber wir finden nur zweitklassige Bedingungen vor.“

Zufrieden mit dem Interesse des Nachwuchses am Fach, unzufrieden mit der derzeitigen Gesundheitspolitik: BDI-Präsident Dr. med. Wolfgang Wesiack. Foto: Georg J. Lopata
Zufrieden mit dem Interesse des Nachwuchses am Fach, unzufrieden mit der derzeitigen Gesundheitspolitik: BDI-Präsident Dr. med. Wolfgang Wesiack. Foto: Georg J. Lopata
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Deshalb seien reine Sparmaßnahmen keine Lösung. Sie führten beispielsweise in den Krankenhäusern nur zu einer weiteren Ausdünnung der ärztlichen Präsenz. Den Patienten müssten mehr Entscheidungsfreiheiten wie in anderen Versicherungssystemen eingeräumt werden. „Wir brauchen die Kostenerstattung“, forderte Wesiack. Diese bringe mehr Transparenz ins System, von der Patient und Ärzte profitieren würden.

Im Rahmen einer Podiumsdiskussion plädierte Dr. med. Klaus Bittmann, der ehemalige Vorsitzende des NAV-Virchow-Bundes, ebenfalls für eine stärkere Beteiligung der Patienten an den Kosten. Dabei gehe es nicht nur um ein bessere Bezahlung der Ärzte, sagte Bittmann, sondern auch um Transparenz: „Ich behandle einen Patienten lieber zu einem ermäßigten, aber bekannten Satz, als zu einer undurchsichtigen Mischkalkulation.“

Für Walter Plassmann, stellvertretender Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg, hat die Politik es versäumt, eine öffentliche Diskussion zur Finanzierung der GKV zu führen: „Wir wissen überhaupt nicht, welches Gesundheitssystem die Menschen wollen.“ Uneingeschränkte Leistungen bei eingeschränkten Mitteln seien aber nicht tragbar: „Entweder gibt es mehr Geld oder wir müssen Wahl- und Zusatztarife einführen.“

Das gravierendste Problem der GKV sieht Plassmann jedoch im zunehmenden Wettbewerb, vor allem zwischen den Verbänden und innerhalb der Selbstverwaltung. Zu viele Akteure würden nur noch auf den größtmöglichen Vorteil für ihre Gruppe achten, auch wenn sie damit dem System schadeten: „Seit der Gesundheitsreform sind alle nur noch um ihre Pfründe besorgt. Dabei haben wir die Chance verpasst, mehr für das System zu erreichen.“

Darüber hinaus war der Nachwuchsmangel Thema des Internistentages. „Dass wir einen Ärztemangel haben oder haben werden, ist aus meiner Sicht unstrittig. Es fehlen zurzeit 5 000 Ärzte in den Krankenhäusern – Tendenz steigend“, erklärte der BDI-Präsident. In der ambulanten Versorgung würden bis 2020 voraussichtlich 7 000 Hausarztpraxen nicht mehr wiederbesetzt werden können.

Sein eigenes Fach sieht Wesiack aber vergleichsweise gut aufgestellt. Nach wie vor interessierten sich viele Mediziner für die Innere Medizin, ein Fachgebiet, in dem sich pro Jahr circa 2 000 im Rahmen der Weiterbildung qualifizierten. Dem BDI zufolge arbeiten derzeit circa 40 000 Internistinnen und Internisten in Deutschland. Sie stellen ein Fünftel der hausärztlich tätigen Ärzte. In jedem dritten Krankenhausbett liegt zudem ein Patient mit einer schweren internistischen Erkrankung.

„Wir haben noch nicht zu wenig Ärzte, aber wir werden in absehbarer Zeit zu wenige haben, wenn wir nicht politisch gegensteuern“, betonte der Vizepräsident der Bundes­ärzte­kammer, Dr. med. Frank Ulrich Montgomery. Grund dafür sei nicht nur die demografische Entwicklung, durch die der Behandlungsbedarf steige, auch der medizinische Fortschritt und kürzere Arbeitszeiten führten dazu, dass mehr Ärzte gebraucht würden. Darüber hinaus gebe es immer mehr Ärztinnen, die durch ihre Familienplanung im Durchschnitt weniger arbeiteten.

Dr. med. Wolf von Römer, Vizepräsident des BDI, forderte mehr Engagement der Politik zur Lösung: „Wir müssen sichere Arbeitsplätze, gute Arbeitsbedingungen und eine ausreichende Vergütung schaffen, sonst bricht uns die ärztliche Versorgung weg.“ Doch auch die Ärzteschaft müsse ihren Teil beitragen: „Die jungen Kollegen müssen sich auf die Weiterbilder verlassen können, sie müssen wissen, dass sie ihre Weiterbildung in einer überschaubaren Zeit qualitativ gut durchlaufen können.“

Dr. rer. nat. Marc Meißner, Sabine Rieser

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