ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2010Hospiz: Einfachen Dingen mehr Bedeutung schenken

KULTUR

Hospiz: Einfachen Dingen mehr Bedeutung schenken

Dtsch Arztebl 2010; 107(38): A-1822 / C-1576

Gehring, Svante

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„Wenn dem Leben schon keine Tage mehr geschenkt werden können, dann wenigstens den Tagen mehr Leben geben!“ Dies ist das Leitbild des Hospizes Leuchtfeuer in Hamburg-St. Pauli und wird täglich vom Koch Ruprecht Schmidt neu zum Leben erweckt. Ärzte und professionelle Helfer dürfen sich dann zu Tisch begeben, um sich dem Thema Sterben einmal auf eine ganz andere Art und Weise zu nähern. Sie dürfen dem Hospizkoch über die Schultern schauen und dabei seinen Menü- und Gedankengängen folgen. Er wird ihnen keine abschließenden Antworten geben oder die Ängste nehmen, aber sie werden berührt. Sie erleben, wie aus Patienten Gäste werden, die angehalten werden, ihre individuellen Wünsche zu äußern. Sei es dann ein kulinarisches Gericht oder einfache Hausmannskost, „Essen heißt, ich lebe noch!“ Essen heißt auch, sich zu erinnern, an ein schönes Gericht oder Mahl, an glückliche Tage aus der Kindheit, Jugend oder dem späteren Leben. Diese Momente und Erinnerungen noch einmal zu durchleben, geradezu genussvoll auf dem Gaumen zergehen lassen.

Doch der Koch betört nicht nur die Sinne, sondern gibt durch seine Zuwendung den Hospizbewohnern Mut und Lebensfreude. In dieser Weise bekocht zu werden, heißt, beachtet und geachtet zu werden – nicht abgeschoben und aussortiert. Was ist der Gesellschaft ein würdevoller Tod wert? Das Hospiz jedenfalls lebt nicht ohne Spenden, dabei wäre allen doch am Ende des Lebens ein Koch wie Ruprecht Schmidt gewünscht. Das Buch kommt bescheiden daher, dabei liefert die Autorin ihr Meisterstück ab, feinfühlig, genau beobachtet, nie manipulativ. Dem Leser wird nicht „nur“ das Thema Tod und Sterben behutsam näher gebracht, Schipper gelingt es, dass man innehält und über das eigene Leben nachzudenken beginnt. Wie kann man einfachen Dingen wieder mehr Bedeutung beimessen? Vielleicht ein Gericht von der Speisekarte von Ruprecht Schmidt einmal nachkochen und es genießen? Wie kann man mit den Mitmenschen und Angehörigen umgehen, damit am Ende des Lebens keine Gewissensbisse plagen und man ohne Ballast in Ruhe und Würde einschlafen darf.

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Vielleicht gibt das Buch dem einen oder anderen auch die Erkenntnis, auf eine professionelle Hilfe im Hospiz an seinem Lebensende nicht verzichten zu wollen, um Zeit für sich und für einander zu gewinnen.

Svante Gehring

Dörte Schipper: Den Tagen mehr Leben geben. Über Ruprecht Schmidt, den Koch, und seine Gäste. Lübbe, Köln 2010, 256 Seiten, gebunden, 19,99 Euro

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