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. . . Geht es vordergründig nur um die Entlarvung eines Scharlatans, der vor 110 Jahren im kolonialen China an der Französischen Botschaft sein Unwesen getrieben haben soll, führt die Darstellung in Wirklichkeit durch redaktionelle Aufmachung und Ausweitung der Thematik auf klinische Fragen zur Diskreditierung einer medizinischen Methode. Richtig ist dagegen, dass die Anwendung der Akupunktur wissenschaftlich fundiert ist. Zuletzt haben die Zeitschriften „Nature“ (Goldman et al. Nat Neurosci. 2010 Jul; 13 (7): 883–8) und das „New England Journal of Medicine“ (Berman et al. N Engl J Med 2010; 363: 454–61) die Akupunktur als wissenschaftlich anerkannte Methode belegt.

Auf der Suche nach dem Scharlatan hat sich der Autor verbissen und konfrontiert nun seinerseits den Leser mit Spekulationen. Zunächst wird hier methodisch unsauber gearbeitet: Werke eines Autors von 1901 werden auf innere Widersprüche abgeklopft und da, wo Angaben fehlen, Vermutungen angestellt. Mit historischer Wissenschaft hat dies nichts zu tun . . .

Lehmann muss sich unter anderem schon fragen lassen, warum er zum Beispiel „kaum glauben“ kann, dass der Autor Soulié de Morant als 22-Jähriger im diplomatischen Dienst das Chinesische beherrscht: Warum eigentlich nicht? Waren die Menschen früher dümmer als heute? . . . Dazu stellt der Autor ohne wissenschaftliche Begründung persönliche Vermutungen zur klinischen Wirksamkeit der Akupunktur an. Dies entspricht nicht dem Standard in einer Fachzeitschrift . . .

Aus der Vielzahl der wirren und unsortiert präsentierten Vorwürfe sollen die krassesten medizinhistorischen Irrtümer und Unterstellungen an die aktuelle Forschung und Lehre hier genannt werden.

1. Organuhr: „Auch die Organuhr geht auf Soulié de Morant zurück“. Falsch! Richtig ist vielmehr: Die Idee eines Qi-Flusses durch die Leitbahnen in Abhängigkeit von Jahreszeit, Tag und Tageszeit ist seit der Song-Zeit als differenziertes System verbreitet und spätestens 1601 kanonisiert . . .

Bildliche Darstellungen der Beziehungen zwischen Zeitabläufen und den Inneren Organen finden sich schon in den Kommentaren zum Nan-Jing. Die Organuhr ist also keineswegs eine Erfindung von Soulié de Morant. Die Grundlagen dazu sind in den alten Lehren zu finden. Der deutsche Begriff wurde wohl im deutschen Sprachraum erst nach 1960 aus didaktischen Gründen geprägt, hat aber heute kaum noch praktische Bedeutung.

2. Meridianbegriff: Dem Autor ist entgangen, dass der Meridianbegriff in den letzten 20 Jahren in Anlehnung an Porkert systematisch durch die bessere Übersetzung Leitbahn ersetzt wurde. Entscheidend ist, dass der Autor nicht weiß, dass der zugrunde liegende Begriff jing im ausgehenden 19. Jahrhundert in China für die neu aus dem Westen eingeführten geografischen Meridiane benutzt wurde, und daher Soulié de Morant aus seiner damaligen Kenntnis Gründe hatte, zunächst einmal den Begriff jing aus dem Chinesischen ins Französische mit „meridien“ zu übersetzen . . .

Es ist ein Leichtes, heute einem Autor eines Werkes von vor 110 Jahren Schwächen in der Übersetzung nachzuweisen – hilfreich für die wissenschaftliche Erkenntnis der richtigen Übersetzung ist das

nicht . . .

3. Leitbahnsehnen: In keinem relevanten Lehrbuch steht etwas davon. Richtig ist aber, dass ähnliche Leitbahnen durchaus zum Kanon der Klassiker gehören und sich zwanglos mit modernen, klinisch erfolgreichen und pathophysiologisch gut belegten Konzepten, beispielsweise der Triggerpunkt-Akupunktur, in Deckung bringen lassen.

4. Tonisierungs- und Sedierungspunkte sind keine Erfindung von Soulié de Morant, sondern von ihm nur – zweifellos unzureichend (Gründe s. o.) – übersetzt. Sie basieren auf dem Konzept der fünf Transportpunkte, das sich schon in Klassikern wie dem Nanjing „Klassiker der schwierigen Probleme (1.–2. Jh. n. Chr.) findet . . .

Es ist schwer vorstellbar, dass man im kommunistischen China von 1980 die Akupunkturbücher nach den Vorgaben eines französischen Kolonialbeamten von 1901 verfasst hätte – hier zeigt sich einmal mehr der ganze Unsinn der Konstrukte von Herrn Lehmann. Was die klinische Bedeutung dieser Punkte angeht, kann man diese seriös weder annehmen noch ablehnen, da sie bis heute nicht im modernen wissenschaftlichen Sinne geprüft wurden.

5. Der Artikel soll suggerieren, Soulié de Morant sei der Vater der Akupunktur im Westen. Richtig ist vielmehr, dass die heute im Westen gelehrte Akupunktur sich auf die Lehrinhalte aus dem China der 1970er und 1990er Jahre bezieht. Den Beweis, dass diese nur „reaktionär“ gebildet wurden, um den Westen zu erfreuen, bleibt Lehmann schuldig und wird ihn aus den angeführten Gründen auch nicht führen können . . .

6. Nadeln: Es gab in China immer Nadeln, meist aus Eisen, teilweise mit Gold beschichtet, Silbernadeln, Bronzenadeln. In Ausgrabungen hat man Nadeln gefunden, von denen nicht klar ist, ob es Akupunkturnadeln oder Nähnadeln sind – allerdings vor 2 000 Jahren! Auch scheint der Autor nicht zu wissen, dass Gold- und Silbernadeln nie eine nennenswerte Verbreitung gefunden haben und seit Jahrzehnten nicht mehr angewandt werden. Stattdessen ergeht er sich in Vermutungen, warum Herr Soulié de Morant diese nicht erwähnt – als ob damit irgendein Erkenntnisgewinn verbunden wäre.

7. Leitbahnumläufe: Die Bewegung des Qi in den Leitbahnen wird ausführlich im Nanjing aus dem 1.–2. Jh. n. Chr. diskutiert. Das Grundkonzept für die Leitbahnumläufe findet sich in der 22. Schwierigkeit und den zugehörigen Kommentaren und bereits im Lingshu, Kapitel 38. Es ist kein Konstrukt der Moderne.

8. Yin und Yang: Der Autor wirft Soulié de Morant vor, er kenne die Yin-Yang-Lehre nur oberflächlich. Das trifft auch auf den Autor zu: Sonst wüsste er, dass in den chinesischen Klassikern es zwar mehrheitlich, aber keineswegs einheitlich eine Zuordnung von Yin und Yang zu rechts und links gegeben hat. Würde der Autor sich die Mühe machen, die heutigen Ausbildungsrichtlinien zu lesen, wüsste er auch, dass dieses Thema ohnehin nur noch historisches Interesse weckt, da es für die Krankheitsbehandlung keine Rolle spielt.

9. Der Autor suggeriert, die Akupunktur sei erst mit Soulié de Morant im Westen aufgetaucht . . . Frühe Berichte stammen aus dem 17. Jahrhundert, im 19. Jahrhundert wurde die Akupunktur in Frankreich und England vielfach von dortigen Ärzten angewandt.

10. Vom Autor inkriminierte Lehrinhalte finden sich in aktuellen,
d. h. nach 1960 verfassten Lehrbüchern der chinesischen Medizin aus China wieder. Es ist schwer zu glauben, dass man dort alle Lehrbücher übereinstimmend so abgefasst hat, um Herrn Soulié de Morant und „dem Westen“ einen Gefallen zu tun. So wie im Westen hat auch in China kaum jemand den Namen je gehört . . .

Die Rezeption der Akupunktur im Westen über die Jahrhunderte ist spannend und vielfältig. Auch wenn naive Gemüter dies gern so hätten: Die TCM gibt es nicht, denn es gibt 14 000 (!) klassische chinesische medizinische Texte, von denen nur etwa 50 in westliche Sprachen übersetzt sind. Es ist Aufgabe und Bestreben der Fachleute und Fachgesellschaften, aus dem Vorhandenen mit textkritischen Analysen philosophische von kulturellen, politische von biologischen Aussagen zu trennen. Nur so können in kritischer Analyse neue Erkenntnisse über die historischen Überlagerungen erfahrungsheilkundlicher Erkenntnisse der alten Ärzte gewonnen werden. Daneben wird mit der Methodik physiologischer und biochemischer Grundlagenforschung und mit klinischen Studien im Westen wie in China die Akupunkturwirkung erforscht und an einem umfassenden Erklärungsmodell gearbeitet. Mit in die Welt gestreuten Vermutungen und Falschaussagen sind diese Fragen nicht zu beantworten . . .

Literatur beim Verfasser

Dr. med. Wolfram Stör, 1. Vorsitzender der
Deutschen Ärztegesellschaft für Akupunktur e.V. (DÄGfA), 81375 München

auch im Namen von:

Deutsche Gesellschaft für Akupunktur und Neuraltherapie e.V. (DGfAN)

Gesellschaft für die Dokumentation von Erfahrungsmaterial der Chinesischen Arzneitherapie (DECA)

Deutsche Akademie für Akupunktur e.V. (DAA)

Deutsche Akupunktur Gesellschaft

Internationale Gesellschaft für Chinesische Medizin e.V. (SMS)

Pro Medico Medizinische Fortbildungsgesellschaft

Forschungsgruppe Akupunktur und TCM

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