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. . . Die Kernaussage des Verfassers Hanjo Lehmann ist: Der Franzose Soulié de Morant, der als Vater der Akupunktur im Westen gilt, sei ein Betrüger, Hochstapler und Scharlatan, seine Akupunktur im Wesentlichen ein Fantasieprodukt.

Nun mag es in den Biografien Soulié de Morants unterschiedliche Aussagen darüber geben, was seine praktischen Fähigkeiten in der Akupunktur betrifft, unzweifelhaft sind seine Kenntnisse der chinesischen Sprache und sein Engagement, die chinesische Kultur dem Westen näher zu bringen. Er schrieb eine Vielzahl von Büchern über die chinesische Geschichte, Literatur und Kunst, erst viel später widmete er sich der chinesischen Akupunktur.

Sein Hauptwerk „L’Acuponcture Chinoise“ verfasste er 1939, später wurde das Buch von Paul Zmiewski auch in englischer Sprache herausgegeben. Über dieses Buch schreibt Joseph Needham, einer der renommiertesten Chinaforscher des 20. Jahrhunderts, es sei bisher von keinem anderen Buch zur Akupunktur übertroffen worden (1980).

Soulié de Morant lebte von 1878 bis 1955 und war fast 30 Jahre in französischen Diplomatenkreisen in China tätig. Seine Liebe zur Medizin und sein Interesse für die chinesische Kultur ließen ihn mit den damaligen Koryphäen der Medizin in China zusammenkommen und intensiv die chinesische Medizin studieren. Seine Bücher über die klassische Akupunktur sind nicht von der heutigen standardisierten TCM gefärbt, sondern reine Quellenstudien.

Seine Bücher bildeten die Grundlage der sogenannten Französischen Schule, deren Anhänger auch die Akupunktur in Deutschland begründeten und Anfang der 50er Jahre diese Form der Nadeltherapie sehr erfolgreich ausübten (Bachmann, Schmidt, Stiefvater, Brodde, Münster etc.).

Soulié de Morants Fokus lag besonders auf der Übersetzung klassischer Texte aus der Ming-Dynastie (1368–1644) wie zum Beispiel das Zhen Jiu Da Cheng (1601), Zhen Jiu Ju Ying (1529) oder das Yi Xue Ru Men (1570). Aus Ermangelung terminologischer Grundlagen versuchte er, durch Vergleiche mit den Begriffen der sich damals gerade entwickelnden westlichen Naturwissenschaften die Akupunktur inhaltlich zu erfassen. Trotz aller Mängel waren die Übersetzungen de Morants neben denen des Sinologen und Arztes Franz Hübotter die einzig verfügbaren zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Nun könnte man die Frage stellen: Warum legt Hanjo Lehmann in seinem Artikel die gesamte bisherige Akupunktur in Europa in die Hände von Soulié de Morant? . . . Mit Soulié de Morant die aktuelle Akupunktur in Deutschland zu diskriminieren, heißt, alle ernsthaften Bemühungen seit 1980 zu leugnen, die chinesische Medizin zu erfassen und für die Praxis nutzbar zu machen. Lapidar gesagt ist es wurscht, ob George Soulié de Morant ein Akupunkturexperte oder ein Scharlatan war. Seine Rolle für die Akupunktur ist heute höchstens noch medizinhistorisch interessant. Die Erfassung und die Wirksamkeit der Nadel- und Moxatherapie ist seither durch eine Vielzahl von Quellenstudien und erfolgreichen Behandlungen legitimiert und etabliert. Es gibt viele Quellentexte der chinesischen Medizin in einer akzeptablen westlichen Übersetzung, schon längst gibt es Bestrebungen für eine Vereinheitlichung ihrer Terminologie . . .

Literatur beim Verfasser

Udo Lorenzen, Medizinhistoriker M.A.,
Heilpraktiker, Dipl.-Sozialpädagoge,
Ausbildungszentrum Nord, 24106 Kiel

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