ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2010Börsebius: Kollektiver Wucher

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Börsebius: Kollektiver Wucher

Dtsch Arztebl 2010; 107(38): A-1827 / B-1603 / C-1579

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Ein tolles Teil im Schaufenster gesehen und flugs erstanden oder in der Praxis ein dringend benötigtes Gerät auf die Schnelle besorgt, so etwas passiert immer wieder einmal und trotz der Ahnung, dass der eingeräumte Dispo oder die Kontokorrentlinie die Ausgabe eigentlich nicht mehr hergibt.

Umso größer ist dann die Überraschung oder besser gesagt, das Entsetzen, wenn der Kontoauszug schwarz auf weiß dokumentiert, dass sich die Hausbank solche ungenehmigten Überziehungen eines Dispositionsrahmens fürstlich entlohnen lässt. Ist schon die Einräumung einer Kontokorrentlinie mit derzeit (bestenfalls) rund sechs Prozent Dispozinsen nicht gerade günstig – der Schnitt liegt doch eher um die zehn Prozent –, so schlagen die Kreditinstitute bei einem Überschreiten des Rahmens richtig zu. „Gute“ Adressen belassen es bei rund 13 Prozent, aber bei der Targobank sind sogar 16,99 Prozent zu berappen.

Das darf nicht sein, findet – völlig zu Recht – die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen und beabsichtigt die Targobank nebst der Sparda-Bank Münster vor den Kadi zu zerren. Trotz der sehr niedrigen Leitzinsen (richtig!) hätten die Geldhäuser die gesunkenen Refinanzierungskosten nicht an die Kunden weitergegeben. Alles wohl wahr, es hat den Anschein, dass Zwangslagen in völliger Schamfreiheit ausgenutzt werden. Außerdem verpflichtet seit Juli ein Gesetz die Banken, ihre Dispositionszinsen an einen Referenzwert (abhängig vom Leitzins der Europäischen Zentralbank) zu koppeln.

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Sogar unsere Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner warf sich für die bei den Überziehungskosten ordentlich abgebürsteten Leute in die Bresche. Sie hielte Zinsen von bis zu 17 Prozent für „nicht vertretbar“, schon gar nicht angesichts der aktuellen Niedrigzinsphase. Liebe Frau Ministerin, das ist ein hehres Anliegen, aber mit Appellen werden Sie rein gar nichts erreichen. Derlei immer wiederkehrende Aufrufe verantwortlicher Politiker kennt der entmutigte Zeitzeuge schon seit Jahren. Gebracht hat es, wie wir leidvoll erfahren haben, noch nie etwas. Wenn jemand dem kollektiven Wucher Einhalt gebieten kann, dann ist es der Kunde höchstpersönlich.

Für ihn bieten sich als Alternativen die Beleihung einer Lebensversicherung an oder schlichtweg die Suche nach einem besseren Angebot bei einer günstigeren Bank. Der Königsweg bleibt gleichwohl, dem roten Balken auf dem Konto gar keine Chance zu geben.

Börsebius-Telefonberatung „rund ums Geld“

Wie an jedem 1. Samstag des Monats, können Sie auch am 2. Oktober 2010 in der Zeit von 9 bis 13 Uhr Börsebius (Diplom-Ökonom Reinhold Rombach) anrufen (0221 985480-20). Die kostenlose Telefonberatung ist ein spezieller Service des Deutschen Ärzteblattes für seine Leser.

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