ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2010Autobiografien auf Bestellung: Ghostwriting für normale Menschen

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Autobiografien auf Bestellung: Ghostwriting für normale Menschen

Dtsch Arztebl 2010; 107(38): A-1829 / B-1605 / C-1581

Rieser, Sabine

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Schwer zu entscheiden, was in der Autobiografie stehen soll – und welcher Einbandentwurf am besten dazu passt.
Schwer zu entscheiden, was in der Autobiografie stehen soll – und welcher Einbandentwurf am besten dazu passt.

Biografen unterstützen Menschen, die ihre Lebensgeschichte aufzeichnen wollen. Ingar Brueggemann, viele Jahre in leitender Funktion bei der Welt­gesund­heits­organi­sation tätig, bringt gerade ihr Leben in Buchform.

Erzähl von früher!“ Wie oft hat Ingar Brueggemann (76) diesen Satz gehört. Jahrelang fuhr sie mit der Familie ihrer Nichte in die Ferien, erzählte abends den Kleinen vom Quatschmachen in ihrer Kindheit und von den Sorgen während des Krieges. Später waren auch ihre Reisen und Projekte für die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) interessant, für die sie viele Jahre in leitender Position arbeitete. Kein Wunder, dass es häufig hieß: „Das musst du alles mal aufschreiben.“

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Daraus wurde nie etwas. „Ich kann verhältnismäßig leicht erzählen, tue mich aber schwer, dieselbe Geschichte aufzuschreiben“, hat Brueggemann festgestellt. „Und wenn beruflich etwas Wichtiges passierte, hatte ich zudem keine Zeit für private Notizen.“ Trotzdem wird es ihr Leben demnächst als Buch geben, Titel: „Von Nordhorn in die Welt“, Auflage: voraussichtlich 400 Exemplare. Denn im Ruhestand entschied sich Brueggemann, ihre Erinnerungen mit professioneller Hilfe zu Papier zu bringen.

Im Herbst 2005 lernte sie zufällig Katrin Rohnstock kennen, Inhaberin des Berliner Unternehmens Rohnstock-Biografien. Deren Mitarbeiter, speziell geschult und von Rohnstock als Autobiografiker bezeichnet, haben mittlerweile mehr als 250 Autobiografien, Familien- und Firmengeschichten aufgeschrieben. Die Bücher sind überwiegend als Privatauflagen erschienen. Nicht jeder möchte seine Erinnerungen öffentlich machen. Für alle anderen kooperiert Rohnstock mit Verlagen. Zuletzt erschien auf dem Buchmarkt „Der letzte Neubeginn: Senioren erzählen vom Umzug in ihr Altersdomizil“.

„Ghostwriting für Nichtpromis“ nennt die Firmenchefin ihre Arbeit ein wenig flapsig. Die ist allerdings häufig eine ernste Angelegenheit. Nicht von ungefähr ist Rohnstock gerade dabei, ein Netzwerk unterschiedlicher Professionen zu gründen, die sich mit der Generation der Kriegskinder befassen.

In Deutschland gibt es zahlreiche weitere Anbieter und seit kurzem auch eine Vereinigung deutschsprachiger Biografinnen und Biografen (www.biographiezentrum.de). Darin haben sich nach eigenen Angaben circa 70 Fachleute organisiert. Die Vereinigung bietet Autorenworkshops an, verweist auf Ansprechpartner und stellt Informationen rund um das biografische Schreiben auf ihre Homepage.

Bei Rohnstock-Biografien vergehen in der Regel ein- bis eineinhalb Jahre bis zum fertigen Buch. „Die Basis sind zwei bis zehn Sitzungen hintereinander, möglichst innerhalb von 14 Tagen. Wie lange sie dauern, hängt von der Kondition des Erzählers ab“, sagt Katrin Rohnstock. „Insgesamt kann man nicht von vornherein einschätzen, wie lange der Prozess dauern wird. Es gibt immer wieder Überraschungen.“

Deshalb wird kein Fixpreis festgelegt, sondern nach Aufwand bezahlt. Bei Rohnstock ist es üblich, eine grobe Struktur für ein Buch zu entwickeln und ein Probekapitel fertigzustellen. Danach lässt sich der Kostenaufwand einschätzen. Mit 10 000 Euro sollte man mindestens rechnen, erläutert Rohnstock. Je nach Umfang und Ausstattung kann die eigene Biografie auch sehr viel teurer werden.

Eigentlich gebe es nur zwei Motive, eine Biografie in Auftrag zu geben, meint Rohnstock: „Die eigene Lebensgeschichte zu verarbeiten und sie für die Nachkommen zu erzählen.“ Doch der Weg vom Erzählen zum Buch ist unwegsam. Nicht umsonst heiße es, sich zu erinnern sei Hölle und Paradies zugleich, weiß sie. Ihre Auftraggeber sind meist zwischen 70 und Mitte 80, sie tragen belastende Erinnerungen an Krieg, Flucht, Verlust mit sich, verarbeiten zudem erzählend Berufsjahre sowie manche Familientragödie.

Ingar Brueggemann hat selbst festgestellt, wie vielschichtig die Arbeit an einem Buch über das eigene Leben ist. „Am Anfang war da eher der Impuls, über mein Berufsleben zu berichten“, erinnert sie sich. 1966 ging Brueggemann nach Studienjahren in Deutschland und Großbritannien zur Welt­gesund­heits­organi­sation nach Genf, entwickelte Konzepte für eine primäre Gesundheitsversorgung in Entwicklungsländern und machte Karriere. Von 1989 an arbeitete sie als Repräsentantin des WHO-Generaldirektors bei den Vereinten Nationen in New York.

„Aber meine Fixierung auf den Beruf nahm ab. Ich wollte schließlich keine Geschichte der WHO schreiben“, sagt sie rückblickend. „Das zu klären, dazu brauchte ich Zeit.“ Am Anfang des Buchprojekts war ihr das Berufsleben noch sehr nahe. Nach und nach entwickelte sie Distanz, in mehrfacher Hinsicht: „Die Kritik an der Entwicklungshilfe hat zugenommen. Man fragt sich dann rückblickend schon, was der eigene Einsatz gebracht hat und ob man etwas hätte anders machen sollen.“

Allmählich sei „das Persönliche wichtiger geworden“, meint sie. Wer und was hat einen geprägt? Was schien festgelegt, was hat sich ergeben? Welche Menschen waren wichtig? Brueggemann wurde 1933 im niedersächsischen Nordhorn, nahe der niederländischen Grenze, geboren; ihr Vater war Zahnarzt. Sie selbst wäre gern Ärztin geworden, doch der Vater fand sie zu zart. So studierte sie Germanistik, Anglistik und Sozialwissenschaften. Bei der WHO sei es kein Nachteil gewesen, keine Ärztin zu sein, findet sie: „Ich konnte unbefangener Fragen stellen als Nichtärztin. Und im Bereich der Prävention war für verschiedene Professionen Platz.“

Mit anderen biografischen Aspekten hat sie sich schwerer getan. Wie sich die eigene Familie während der Zeit des Nationalsozialismus positionierte, interessierte das Kind Ingar nicht. Anders die erwachsene Ingar: „Dann spielt das Politische eine Rolle. Man klammert sich an erinnerte Belege, dass es in der Familie keine Erznazis gab, und muss das kritisch prüfen.“

Erlebt es Katrin Rohnstock häufig, dass Auftraggeber die eigene Lebens- und Familiengeschichte schönen, auch was politische Hintergründe betrifft? „Man kann sein Leben nur so erzählen, dass man es aushalten kann“, antwortet sie diplomatisch. Und ergänzt: „Meine Auftraggeber wollen in der Regel, dass Kinder und Enkel das Buch lesen. Das ist ein Korrektiv für Beschönigungen. Denn die Familie ist in der Regel ein wahnsinnig strenger Zensor – gerade die eigenen Kinder.“

Und wie reagiert sie selbst, wenn ihr Unstimmigkeiten, Beschönigungen, Löcher im Erzählten auffallen? „Wir sind zunächst aufmerksame Zuhörer. Wir sorgen dafür, dass unsere Auftraggeber erst einmal das erzählen können, was ihnen wichtig ist. Jedes Leben kennt Tabus. Die akzeptieren wir. Aber eine Geschichte muss dennoch in sich stimmig und glaubwürdig sein.“

Brueggemann findet im Nachhinein, dass Rohnstock und ihre Mitarbeiter ihr die richtigen Fragen gestellt hätten: „Es gab natürlich Löcher, also Themen, über die ich nicht gern sprach, beispielsweise die frühe Trennung von meinem Mann.“ Brueggemann erklärt sich das unter anderem damit, dass ihre Generation noch damit aufgewachsen ist, über manches nicht zu sprechen, aber: „Das hat sich im Verlauf des Projekts gelockert.“ Nun ist sie wie alle Autoren gespannt auf die Reaktionen der Leser: „Ich hoffe, dass mein Buch nicht nur ein Zeugnis von Eitelkeit ist, sondern auch interessant zu lesen.“

Sabine Rieser

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