ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2010Alkoholabhängigkeit: Wirksame Frühinterventionen

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Alkoholabhängigkeit: Wirksame Frühinterventionen

Dtsch Arztebl 2010; 107(39): A-1840 / B-1616 / C-1592

Bühring, Petra

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Die Bundes­ärzte­kammer und der Fachverband Sucht wollen mehr Alkoholabhängige zu einer Entwöhnungsbehandlung motivieren. Dazu bedarf es der verstärkten Mithilfe der Hausärzte.

Zwischen dem Beginn einer Suchterkrankung und der Aufnahme einer Entwöhnungsbehandlung vergehen durchschnittlich 14 Jahre. Tragische Suchtkarrieren gehen oftmals voraus, bevor in Deutschland ein alkoholkranker Patient eine Einrichtung des Suchthilfesystems erreicht. Im Durchschnitt ist er dann über 40 Jahre alt. Von zwei Millionen missbräuchlich Konsumierenden und 1,3 Millionen Alkoholabhängigen werden nur 182 000 im Jahr erreicht. Und nur circa drei Prozent der Betroffenen werden durch Ärzte und Psychotherapeuten vermittelt.

Foto: iStockphoto
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Dies zu ändern, haben sich die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) und der Fachverband Sucht e.V. vorgenommen, indem sie den Hausarzt bei der Früherkennung von Patienten mit Alkoholproblemen verstärkt einbinden wollen. In einem gemeinsamen Positionspapier, das auf einer Fachtagung am 21. September in Berlin diskutiert wurde, sind die Maßnahmen aufgezeigt, die dazu dienen, die Früherkennung und Frühintervention bei alkoholbezogenen Störungen zu verbessern sowie die Nachsorge nach einer Entwöhnungsbehandlung durch niedergelassene Ärzte zu stärken. Das Positionspapier ist unter Bekanntgaben in diesem Heft dokumentiert.

Bundes­ärzte­kammer und Fachverband Sucht setzen im Wesentlichen auf die Rolle des Hausarztes als wichtige Vertrauensperson für seine Patienten. „Jeder Hausarzt hat drei- bis fünfmal am Tag mit einem Patienten mit Alkoholproblemen zu tun“, betont Dr. Wilfried Kunstmann, Suchtexperte bei der BÄK. Etwa 80 Prozent der Betroffenen könnten über die Arztpraxis erreicht werden. Auch die Teilnahmerate bei einem Früherkennungsscreening sei dort mit 98 Prozent sehr hoch, berichtet Prof. Dr. med. Ulrich John, Universitätsklinikum Greifswald. Um den Arzt zu entlasten, könnten auch Medizinische Fachangestellte in das Screening eingebunden werden – dies sieht auch das Positionspapier vor.

Fragen im Verdachtsfall beim Check-up

Die Politik unterstützt das Engagement der BÄK und des Fachverbandes Sucht. „Seit fast 20 Jahren bestätigen zahlreiche Studien die Wirksamkeit von Frühinterventionen“, erklärt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans, „trotzdem ist wenig geschehen.“

Für pragmatische Lösungen plädiert Dr. med. Christoph von Ascheraden, Hausarzt aus dem Schwarzwald. Ein allgemeines Screening hält er für nicht sinnvoll: „Das stellt das Vertrauensverhältnis infrage.“ Bessere Gelegenheiten, nach dem Alkoholkonsum zu fragen, ergeben sich seiner Ansicht nach beim routinemäßigen medizinischen Check-up, bei der Krebsvorsorge oder bei Sport- und Reiseuntersuchungen. Der erfahrene Landarzt schlägt zudem vor, einen zusätzlichen Check-up für 14- bis 35-Jährige einzuführen. „Diese Altersgruppe geht kaum zum Arzt.“ Im Verdachtsfall könnte der Arzt dann ein Screening durchführen. Die Suchtanamnese gehört für von Ascheraden allerdings „in das Arztzimmer und in die ärztliche Schweigepflicht“ und sollte nicht delegiert werden.

Für mehr Kooperation zwischen Ärzten und den Suchtberatungsstellen plädiert Stefan Bürkle vom Bundesverband Caritas-Suchthilfe e.V.: „Wir haben das Know-how auf unterschiedlichen Ebenen, aber es kommt nicht zusammen.“ Über die Ärztekammern könnten beispielsweise Qualitätszirkel organisiert werden, schlägt er vor, bei denen verbindliche Absprachen im Vordergrund stehen sollten.

Auf den hohen Standard des deutschen Suchthilfesystems wies Dr. med. Monika Vogelgesang, AHG-Klinik Münchwies, Zentrum für Psychosomatische Medizin, Psychotherapie und Suchtmedizin, hin. Dieses vielfältige System sei sehr effektiv und die Wirksamkeit der Entwöhnungsbehandlung vielfach belegt – wenn die Patienten dort ankämen. Vogelgesang appelliert an die Hausärzte, bei Verdacht auf Alkoholabhängigkeit den Kontakt zu einer Fachklinik in ihrer Region zu suchen. „Das entlastet im Praxisalltag sehr.“

Petra Bühring

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