ArchivDeutsches Ärzteblatt39/201020 Jahre Deutsche Einheit: Blick nach vorn

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20 Jahre Deutsche Einheit: Blick nach vorn

Stüwe, Heinz

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Nicht alle reden Klartext, wenn es um die Wiedervereinigung vor 20 Jahren geht, Uwe Tellkamp, aus Dresden stammender Schriftsteller und Arzt, schon. Das Gerede von einer Kolonialisierung der DDR durch den Westen sei „absoluter Unsinn“, sagte er 2009 dem Deutschen Ärzteblatt: „Die SED hat das Land in den Bankrott gefahren.“

Was genau ist damals passiert in der kurzen Zeitspanne zwischen Montagsdemonstrationen, Maueröffnung und dem 3. Oktober 1990? Wie sind die damaligen Entscheidungen aus dem Abstand von 20 Jahren zu bewerten? Wurden in den Aufbaujahren danach die Weichen richtig gestellt? Das Deutsche Ärzteblatt hat darüber mit zahlreichen Akteuren und Zeitzeugen aus Politik, Ärzteschaft und Wissenschaft gesprochen. Das Resultat ist die Artikelserie zur Deutschen Einheit, die im Juni vergangenen Jahres begann und bislang 13 Beiträge umfasst (abrufbar unter www.aerzteblatt.de/einheit).

Darin geht es unter wechselnder Perspektive immer wieder auch um die Frage, ob nicht mehr Elemente und Einrichtungen des DDR-Gesundheitswesens erhaltenswert waren – beispielsweise die Impfpflicht, die Gemeindeschwestern und die Tumorregister. Das Standardbeispiel, um Kritik an der allzu eiligen Übernahme des westdeutschen Systems zu belegen, sind die Polikliniken. Schließlich leben die nun in Gestalt der Medizinischen Versorgungszentren wieder auf. Nicht nur die Politiker der Wendezeit bestätigen, dass unter dem damaligen Zeitdruck konzeptionelle Neuerungen illusorisch waren. Nach dem Ende der eingeschlossenen Gesellschaft – wie sie Tellkamp in seinem Romanbestseller „Der Turm“ beschreibt – wollten gerade auch die Ärzte vor allem eines: Freiheit. Nicht zuletzt deshalb kam es Anfang der Neunzigerjahre zu der beispiellosen Niederlassungswelle in den neuen Ländern.

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In der offiziellen Bilanz der Bundesregierung zum Jahrestag ist zu Recht davon die Rede, dass in den neuen Ländern im Gesundheitswesen eine moderne Infrastruktur geschaffen wurde und die Zahl der Ärzte dort seit 1993 um 23 Prozent auf 45 865 Köpfe gestiegen ist. Sie haben, zusammen mit besseren Umweltbedingungen, vor allem der Reduzierung der Belastung durch Luftschadstoffe, dazu beigetragen, dass sich der Gesundheitszustand der Bevölkerung verbessert hat. Die Mortalitätsrate bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen beispielsweise hat sich im Osten stärker verringert als in Westdeutschland. Die Lebenserwartung lag zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung im Osten bei Frauen um rund zwei Jahre und bei Männern um drei Jahre unter der im Westen. Mittlerweile leben Frauen in Ost wie West nahezu gleich lang. Männer haben mit 76,09 Jahren die Lebenserwartung im Westen von 77,42 Jahren noch nicht ganz erreicht.

Heinz Stüwe, Chefredakteur
Heinz Stüwe, Chefredakteur

Die Ostdeutschen geben der medizinischen Versorgung gute Noten. Mit ihren übrigen Lebensumständen sind sie allerdings unzufriedener als die Westdeutschen, sie lassen darüber hinaus eine größere Distanz zum politischen System erkennen. Liegt die innere Einheit doch noch in weiter Ferne? Wer heute 30 Jahre oder jünger ist, wird sich darüber nicht den Kopf zerbrechen, sondern nach vorn blicken. Diese Generation, die das geteilte Deutschland allenfalls noch aus Kindertagen oder gar nicht mehr kennt, muss in den kommenden Jahrzehnten die Probleme einer an Zahl abnehmenden und zudem alternden Bevölkerung bewältigen, in Ostdeutschland verschärft durch die Abwanderung junger qualifizierter Arbeitskräfte. Daseinsvorsorge unter diesen Bedingungen – die Sicherung einer guten ärztlichen Versorgung des ländlichen Raums zum Beispiel – das ist die Herausforderung des vereinten Deutschlands.

Heinz Stüwe
Chefredakteur

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