ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2010Robert Schumann: Nur Theorien
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Schon der Untertitel des reißerischen Artikels ist eine Farce: Es gibt weder „zahlreiche“ noch überhaupt „neue Quellen“ zu Robert Schumanns Krankheit und Anstaltsaufenthalt. Die feste Grundlage zur Beurteilung der entsprechenden traurigen Tatsachen ist die umfassende Dokumentation von Prof. Dr. Bernhard R. Appel, „Robert Schumann in Endenich. Krankenakten, Briefzeugnisse und zeitgenössische Berichte“, Mainz etc. 2006 (= Schumann-Forschungen, Band 11). An diesem Band hat Uwe Henrik Peters sogar, wenn auch anscheinend ziemlich halbherzig, selbst mitgearbeitet. Doch erst jetzt offenbart er seine angeblichen sensationellen Neuentdeckungen in zwei Büchern mit insgesamt mehr als 900 Seiten, die im Verlag seiner Frau erschienen und entsprechend propagandistisch vermarktet worden sind. Es handelt sich dabei um Theorien, deren Wahrheitsgehalt nicht dadurch erhärtet wird, dass sich verschiedene Publikationsorgane, darunter leider nun auch eine Fachzeitschrift wie das DÄ, dazu hergeben, sie . . . einem arglosen Publikum wie bewiesene Fakten darzubieten.

Der Kernpunkt der Hypothesen ist Schumanns angebliche Alkoholsucht. Diese versuchte schon der spätere Schwiegervater des Komponisten, Friedrich Wieck, vor Gericht zu beweisen und scheiterte damit nicht nur, sondern wurde wegen Verleumdung zu 14 Tagen Gefängnis verurteilt. Der Student Schumann hat nicht selten (zu-)viel getrunken. In den 14 glücklichen Ehejahren Clara und Robert Schumanns findet man jedoch nicht den kleinsten Anhaltspunkt für alkoholische Exzesse – im Gegenteil: Wenn Schumann eine Komposition vollendet hat, wird mal zu zweit eine halbe Flasche Champagner geleert! Für Schumanns Düsseldorfer Gegner, die ihn aus dem Amt zu drängen versuchten, wäre es wahrlich ein gefundenes Fressen gewesen, den gescheiterten Musikdirektor der Trunksucht bezichtigen zu können. Nichts dergleichen fand statt – die gebotene Achtung vor dem großen Künstler, die Herr Peters so sehr vermissen lässt, führte dazu, dass ihm noch viele Monate nach seiner Erkrankung das Dirigentengehalt gezahlt wurde und man lange zögerte, einen Nachfolger zu ernennen. Die Theorie schließlich, dass Schumann von seiner Frau im Verein mit Brahms und im Komplott mit den behandelnden Ärzten (welches Bild seiner damaligen Fachkollegen hegt Peters da eigentlich?) im Irrenhaus interniert wurde, ist allerdings alles andere als neu – das Urheberrecht an ihr kommt vielmehr Eva Weissweiler zu, die in ihrem als „Biographie“ getarnten Kolportageroman über Clara Schumann dergleichen schon vor langem verbreitet hat. Ähnliches versuchte auch bereits H. von Ulmann in seinem Buch „Die veruntreute Handschrift“ von 1981, das schon bald durch neuere Forschungen ad absurdum geführt wurde. Die Wahrheit sieht anders aus, doch birgt sie eben leider keine Sensationen, sondern viel Tristes und Deprimierendes, was der an Schumanns herrlicher Musik – und nur auf die kommt es letztlich an – Interessierte hinzunehmen hat und was die dunkle Folie für ein großartiges Lebenswerk und eine beeindruckende Lebensleistung bietet. Dass U. H. Peters’ Umgang mit den vorhandenen und längst bekannten Dokumenten nach den Maßstäben seriöser historischer und musikhistorischer Forschung nachweislich höchst mangelhaft ist, stellte übrigens auch der namhafte Schumann- und Brahmsforscher Dr. Michael Struck in seiner ausgezeichneten NDR-Kultur-Sendung über Schumanns Spätwerk im Juni fest.

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Dr. phil. Gerd Nauhaus, Musikwissenschaftler und Herausgeber der Tage- und Haushaltsbücher Robert Schumanns, Vorsitzender der Robert-Schumann-Gesellschaft Zwickau e.V., 08058 Zwickau

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