ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2010Von schräg unten: Gesellschaft

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Gesellschaft

Dtsch Arztebl 2010; 107(39): [96]

Böhmeke, Thomas

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Wir haben Besuch. Nachdem wir diverse Kulinarien, trockenen Rotwein und die Auswirkungen von Afghanistan auf die Stimmung im Allgemeinen und auf die Persistenz von Ministerposten im Besonderen abgearbeitet haben, breitet sich diese gefürchtete Wortlosigkeit aus, die in Arztpraxen zur Pflege der Doppeldiagnostik führt, daheim aber zu weit Schlimmeren: Gesellschaftsspiele. Weil ich gerade mit der Entsorgung gebrauchter Getränke anderen Ortes beschäftigt war, konnte ich keine Kontraindikation gegen das geplante Vorhaben, Begriffe zur allgemeinen Erheiterung zu erraten, in Stellung bringen, sondern war auch als Erster dran: Wie heißen die Menschen, die losgelöst von der Erde Experimente durchführen, deren Sinn für kaum jemanden begreifbar ist, aber Milliarden kosten? Ich muss lange überlegen, denn das ist in der Tat eine schwierige Frage. Schließlich komme ich aber doch noch darauf: Politiker! Die Gesellschaft ist nicht mit mir einer Meinung, ich bekomme eine zweite Chance. In welchen Land werden die meisten Rohstoffe ausgebeutet? Das finde ich wiederum einfach. Es kann sich nur um Deutschland und seine Ärzte in Ausbildung handeln. Die Gesellschaft ist nicht amüsiert, ich muss mich weiteren bohrenden Fragen aussetzen.

Wahrscheinlich, um mich als Gastgeber nicht zu kompromittieren, formuliert man eine Frage, die meinem Horizont entgegenkommt: Welche Erkrankung führt in Schüben zur schleichenden Auszehrung, bleibt aber lokal begrenzt, ist noch nie als Pandemie aufgetreten? Ich werde nervös, die Stimmung kippt, ich muss jetzt alles richtig machen. Was mag das für eine rätselhafte Erkrankung sein? Hektisch versuche ich, längst Vergessenes aus Epidemiologie und Infektiologie zu reanimieren, da kommt mir der Geistesblitz: Klar, es kann sich nur um das Regelleistungsvolumen handeln! Die Gesellschaft ist angewidert, fängt an zu tuscheln. Eine allerletzte Chance wird mir gewährt: Aus welcher Perspektive sollte man als einfacher Bürger unseren Abgeordneten, Ministern und der Kanzlerin in Berlin im Reichstagsgebäude bei ihrer Tätigkeit auf die Finger schauen? Mir bricht der Schweiß aus. Ich war zwar schon in Berlin, kenne den Ku’damm und das KaDeWe, aber eben nicht dieses Reichsvertagsgebäude, von dem die Rede ist. Ich weiß die Antwort nicht, ich muss raten. Mit zittriger Stimme meine ich: Von schräg unten?

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Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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