ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2010Berufsmonitoring Medizinstudierende: Jederzeit bereit, aber nicht überall

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Berufsmonitoring Medizinstudierende: Jederzeit bereit, aber nicht überall

Dtsch Arztebl 2010; 107(39): A-1837 / B-1613 / C-1589

Richter-Kuhlmann, Eva

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Lieber in der Stadt als auf dem Land, lieber Spezialist statt Generalist: Die Kassenärztliche Bundesvereinigung analysierte gemeinsam mit dem Medizinischen Fakultätentag und der Universität Trier die Wünsche der künftigen Ärztegeneration.

Die Anziehungskraft ist ungebrochen: Vier Abiturienten bewerben sich derzeit auf einen freien Medizinstudienplatz in Deutschland. Für junge Menschen ist der Arztberuf also immer noch erstrebenswert – allerdings nicht in jeder Region. Dies ist das zentrale Ergebnis des Berufsmonitorings der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), des Medizinischen Fakultätentags (MFT) und der Universität Trier. Mehr als 12 000 Medizinstudierende (etwa zwei Drittel davon Frauen) fast aller medizinischen Fakultäten Deutschlands beteiligten sich im Sommer an der bislang größten Online-Befragung. „Die jungen angehenden Ärztinnen und Ärzte wissen, dass ihre Arbeit gefragt ist. Sie haben das Privileg, sich später aussuchen zu können, wo sie arbeiten“, erklärte Dr. med. Carl-Heinz Müller, Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung.

Sorgenkind: Hausärztliche Versorgung auf dem Land

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Eine wesentliche Rolle spielt für die angehenden Ärztinnen und Ärzte der Befragung zufolge der künftige Einsatzort. Dabei zeigen sich viele Nachwuchsmediziner heimatverbunden: 86 Prozent der durchschnittlich 24-Jährigen würden gern in ihrem Heimatbundesland ärztlich tätig werden, wobei jedoch 54 Prozent eine Arbeit in kleinen Kommunen bis 2 000 Einwohner ablehnen. Am beliebtesten sind dagegen Städte mit 100 000 bis 500 000 Einwohnern als möglicher Arbeitsort. 77 Prozent der Studierenden können sich aber auch vorstellen, ihr Heimatbundesland zu verlassen. Am gefragtesten sind dann Tätigkeiten in Hamburg und Berlin, Nordrhein-Westfalen und Süddeutschland (Grafik). Allerdings können sich westdeutsche Studierende meistens nicht vorstellen, in Ostdeutschland zu arbeiten, während sich ostdeutsche Studierende wesentlich flexibler zeigen.

Heiß begehrt: Studierende aus allen Ländern würden gern in Süddeutschland, Nordrhein-Westfalen oder in den großen Städten ärztlich tätig werden.
Heiß begehrt: Studierende aus allen Ländern würden gern in Süddeutschland, Nordrhein-Westfalen oder in den großen Städten ärztlich tätig werden.

Sorgenkind der KBV ist die künftige hausärztliche Versorgung in strukturschwachen ländlichen Gebieten. „Immerhin etwa 38 Prozent der nächsten Medizinergeneration können sich vorstellen, sich als Hausarzt niederzulassen“, berichtet Müller (Tabelle 1). Allerdings sinke diese Bereitschaft im Verlauf des Studiums: Während in der Vorklinik dies noch 41 Prozent der Befragten angäben, seien es in den klinischen Semestern noch 37 und im praktischen Jahr nur noch 35 Prozent (Tabelle 2). Die generelle Bereitschaft zu einer Niederlassung in eigener Praxis als spezialisierter Facharzt ist dagegen unter den Studierenden hoch. 74 Prozent der Befragten gaben unabhängig von Geschlecht und Abschnitt des Studiums an, sich eine solche Niederlassung vorstellen zu können (Tabelle 1 und 2).

Zusammengenommen steht für Müller deshalb fest: „Ohne eine besondere Förderung der Niederlassung in ländlichen Gebieten wird es uns nicht gelingen, genügend Hausärzte für eine flächendeckende Versorgung zu gewinnen.“ Dazu müssten sich die Versorgungsstrukturen verändern. Gemeinschaftspraxen und Medizinische Versorgungszentren (MVZ) stünden dabei weit oben auf der Prioritätenliste. „So lassen sich auch besser eine Teilzeittätigkeit und ein reger fachlicher Austausch mit den Kollegen ermöglichen, den die Studierenden wünschen“, erläutert er. Weitere Möglichkeiten wären Filialpraxen, die Verlagerung des Notdienstes an Krankenhäuser und der Einsatz von qualifizierten Praxisangestellten zu Hausbesuchen.

Ferner möchte die KBV die Mediziner von morgen bereits sehr frühzeitig an die Allgemeinmedizin heranführen und ihnen die Tätigkeit als Hausarzt nahebringen. „Einige Vorschläge dazu haben wir bereits gemacht. Jetzt gilt es, diese konsequent umzusetzen“, betonte Müller. Dazu zählten die generelle Aufwertung der Allgemeinmedizin im Studium, die Etablierung eines Lehrstuhls für Allgemeinmedizin an allen medizinischen Fakultäten, die frühzeitige Kontaktaufnahme von niedergelassenen Hausärzten mit Studierenden sowie Angebote zu hausärztlichen Praktika während des Studiums. „Wichtig ist auch, dass die Förderung der Weiterbildung in der Allgemeinmedizin seit diesem Jahr deutlich verbessert worden ist“, hob Müller hervor.

Aber auch Hindernisse bei der Niederlassung insgesamt müssen der KBV zufolge beseitigt werden. Als solche werden von den Studierenden das hohe finanzielle Risiko (63 Prozent der Befragten), die hohe Bürokratie (58 Prozent), eine niedrige Honorierung (53 Prozent) und die drohenden Regressforderungen (50 Prozent) sowie ein geringer fachlicher Austausch (36 Prozent) angegeben. Gegen eine Tätigkeit im Krankenhaus sprechen nach Ansicht der Studierenden hingegen eine hohe Arbeitsbelastung (63 Prozent), schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf (61 Prozent) sowie starre Hierarchien (53 Prozent). Damit deckt sich das aktuelle Berufsmonitoring mit vorangegangenen Befragungen des Deutschen Ärzteblattes Studieren.de und der Bundesvertretung der Medizinstudierenden Deutschlands (bvmd) von 2007 und 2009 (DÄ, Heft 26/2007 und Heft 43/ 2009). An den Umfragen des DÄ-Titels für den ärztlichen Nachwuchs nahmen 1 500 beziehungsweise 700 Studierende aller medizinischen Fakultäten in Deutschland teil.

Nachwuchsmediziner: Motiviert und engagiert

Die neue Umfrage bestätigt auch die hohe Motivation der Studierenden: Ein Großteil (91 Prozent) würde wieder Medizin studieren. Auch vor kassenärztlichen Bereitschaftsdiensten scheuen sich die Teilnehmer dieser Studie nicht: Lediglich elf Prozent der Studierenden halten das für ein Niederlassungshindernis. Die meisten Befragten wären bereit, zwischen sechs und 15 Bereitschaftsdienste am Wochenende pro Jahr zu leisten. Eine Familie sehen 31 Prozent als Hindernis für eine Niederlassung an. „Mit unseren Forderungen liegen wir also richtig: Bürokratieabbau, eine angemessene Honorierung und die Beseitigung des Regressrisikos sind unabdingbar, um ärztlichen Nachwuchs in die Praxen zu holen“, resümierte Müller.

Doch welche Honorierung halten die Studierenden für angemessen? Auch dieser Frage ging die KBV nach: Ein angestellter Arzt mit fünf Jahren Berufserfahrung sollte etwa 4 350 Euro netto bekommen, ein niedergelassener Arzt in der Stadt 5 450 Euro und ein niedergelassener Arzt auf dem Land etwa 5 390 Euro, meinen die Befragten im Durchschnitt. „Angehende Mediziner haben in der Regel durchaus vernünftige Vorstellungen von ihrem künftigen Verdienst“, konstatierte Müller. Diese würden jedoch mit den heute gezahlten Vergütungen nicht erfüllt. „Die mit der Honorarreform eingeleiteten Verbesserungen in der Vergütung müssen konsequent weitergeführt werden, wenn genügend ärztlicher Nachwuchs für die Patientenversorgung rekrutiert werden soll“, forderte der KBV-Vorstand.

Auch der MFT sieht sich durch die Umfrage bestätigt. „Die Ergebnisse zeigen uns, dass der Nachwuchs hochmotiviert von den Universitäten entlassen wird, aber im niedergelassenen Bereich oftmals die gewünschte Teamarbeit nicht möglich ist“, sagte Dr. Volker Hildebrandt, Generalsekretär des MFT. Im Fächervergleich weise das Medizinstudium die höchste Erfolgsquote und die geringsten Studienabbruchquoten von allen Studiengängen auf. „Die Probleme des Arbeitsmarkts können daher nicht durch weitere Vorschriften für das Medizinstudium korrigiert werden“, meinte Hildebrandt. Jetzt gelte es vielmehr, den Vorstellungen der Studierenden, insbesondere von Frauen, zu den Arbeitsstrukturen besser zu entsprechen. Wie in vorhergehenden Umfragen wünschten 96 Prozent der Studierenden eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. 61 Prozent möchten auf Teilzeitbasis arbeiten können.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Heiß begehrt: Studierende aus allen Ländern würden gern in Süddeutschland, Nordrhein-Westfalen oder in den großen Städten ärztlich tätig werden.
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Heiß begehrt: Studierende aus allen Ländern würden gern in Süddeutschland, Nordrhein-Westfalen oder in den großen Städten ärztlich tätig werden.

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