ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2010Berufskrankheit Perfektionismus: Fluch oder Segen?

BERUF

Berufskrankheit Perfektionismus: Fluch oder Segen?

Dtsch Arztebl 2010; 107(39): [94]

Jürgens, Ute

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Wir setzen uns oft unter Stress, weil wir perfektes Handeln von uns erwarten. Es ist jedoch möglich, sich von dieser „Sucht“ zu entwöhnen.

Der Umgang mit den Patienten, Bestellungen, die Kommunikation mit den Angestellten, Hygieneaspekte und die Ordnung in den Räumen – der Arbeitsplatz Praxis bietet jede Menge Felder, in denen man sich perfekt oder „fehlerhaft“ betätigen kann. In den letzten Jahren sind wir darüber hinaus gezwungen, uns von heute auf morgen auf ungeliebte und oft überflüssige Änderungen, teilweise als Restriktionen empfundene gesetzliche Verordnungen einzustellen. Wir machen den Druck von außen automatisch zu unserem eigenen und erwarten, dass auch hier alles fehlerlos funktioniert. Dadurch entsteht noch mehr Stress, als wenn man sich freiwillig bemüht – Perfektionismus kann zum Fluch werden.

Fehler- statt erfolgsorientiert

Anzeige

Man unterscheidet den introvertierten Typ, der unerbittlich gegen sich selbst ist, sich Fehler nicht vergeben kann, sich selbst abwertet und unter sich leidet, vom extrovertierten Typ. Dieser sieht Fehler und Schwächen vorwiegend bei anderen, kritisiert die Unvollkommenheit anderer Menschen, kann sich selbst leichter verzeihen, hat ständig Schwierigkeiten mit anderen und leidet unter ihnen. Man läuft absoluten Forderungen hinterher und erreicht sie nicht, so entsteht erneuter Grund zum Nörgeln und Unglücklichsein, man ist fehler- statt erfolgsorientiert. Aus Angst vor Fehlern werden Aufgaben nicht angepackt, die Leistungsfähigkeit ist von Anfang an gebremst, es besteht Kontrollzwang.

Aus grundsätzlichen Denkfehlern entstehen Schuldgefühle: Wir verlangen von uns im Nachhinein, wir hätten vorhersehen müssen, was wir mit unserem Verhalten anrichten. Bei Misserfolgen verurteilen wir nicht unser Verhalten, sondern uns als Menschen. Außerdem machen wir uns für Dinge verantwortlich, über die wir nur bedingt Kontrolle haben.

Gegen Schuldgefühle helfen folgende Fragen: Entsprechen meine Bewertung und meine Schlussfolgerung den Tatsachen? Helfen mir die Beurteilung und meine Folgerung, mich so zu fühlen und zu verhalten, wie ich es möchte?

Um den negativen Folgen des Perfektionismuswahns zu begegnen, kann man sich mit dem 80:20-Prinzip beschäftigen. Es stammt von Vilfredo Pareto, einem Ökonomen aus dem 19. Jahrhundert. Auch andere Ökonomen und Soziologen haben immer wieder das Verhältnis 80 : 20 in verschiedenen Lebensbereichen gefunden. Worum geht es? In vielen Systemen gibt es einige wenige Punkte, die einen überproportional großen Einfluss auf das Gesamtsystem haben. 20 Prozent der Kunden eines Unternehmens machen zum Beispiel 80 Prozent des Umsatzes aus. Übertragen auf unsere Leistungen bedeutet das Prinzip: 20 Prozent der eigenen Anstrengungen sind für 80 Prozent unseres Erfolgs verantwortlich. Folgen wir diesem Gedanken, erscheint es nützlich, uns mit unseren Handlungen vorrangig auf die 20 Prozent zu konzentrieren, die den größten Erfolg bringen, anstatt uns überall das Optimum abzuverlangen und dadurch einen Großteil unserer Kraft für ein geringes Mehr an Effektivität zu verlieren. Setzt man diesen Gedanken um, heißt das: Die erfolgversprechendsten Tätigkeiten sind immer zuerst zu erledigen.

Ärzte, die das 80:20-Prinzip in der Praxis getestet haben, bestätigen, dass es funktioniert. Bei eingeschränkten Arbeitszeiten erzielten sie ohne Hetze den gleichen Umsatz. Auch das Praxisteam sollte wissen, wo die Präferenzen liegen. Die Beobachtung, welche Arbeiten erst einmal überflüssig sind, weil sie nur sehr wenig zum großen Ganzen beitragen, zeigt den Weg zu weiterem Zeit- und Kraftsparen und eventuellem Delegieren. Auch wenn es mal danebengeht, ist es besser zu handeln statt in Angst vor Fehlern tatenlos zu verharren. Rückschläge sind Zeichen des Vorwärtskommens. Hat man es schon einmal geschafft, nicht mehr zu leisten, schafft man es auch ein zweites Mal. Zum Erlernen einer neuen Fähigkeit ist eine gewisse Fehlerquote notwendig. Schaut man sein Entsetzen vor Fehlern an, findet man heraus, ob man davor heute wirklich noch Angst haben muss oder will.

Auf die Freizeit bezogen, bedeutet Nichtperfektionismus, nichts mit nach Hause zu nehmen, was in die Praxis gehört. Gedanklich abschalten fällt leichter, wenn man sich Übergangsrituale schafft: Von der Arbeit zu Hause angekommen, wird erst geduscht oder man geht mit dem Hund spazieren, bevor man sich der Familie widmet.

Kleine Erfolge feiern

Typischerweise erwarten Perfektionisten von sich, dass sie in allem, was sie neu beginnen, auch fehlerlos sind. Bis zum perfekten Nichtperfektionisten ist es jedoch in der Regel ein etwas längerer Weg. Kleine Erfolge unterwegs dürfen gefeiert, im Tagebuch vermerkt und nahestehenden Menschen mitgeteilt werden. Keine Angst: Insgesamt bleiben genug Dinge übrig, bei denen der gewohnte Perfektionismus sinnvoll ist und lustvoll ausgelebt werden darf.

Ute Jürgens
Internet: www.kommed-coaching.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema