ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2010Der medizinhistorische Buchbestand im Stadtarchiv Zeulenroda: Kleines Archiv – große Medizin

KULTUR

Der medizinhistorische Buchbestand im Stadtarchiv Zeulenroda: Kleines Archiv – große Medizin

Dtsch Arztebl 2010; 107(39): A-1871 / B-1643 / C-1617

Krahmer, Katja

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Der Zeulenrodaer Stadtarchivar Christian Sobeck mit dem Highlight der Ausstellung: Paracelsus‘ „Wundtund Arzneybuch“. Foto: Katja Krahmer
Der Zeulenrodaer Stadtarchivar Christian Sobeck mit dem Highlight der Ausstellung: Paracelsus‘ „Wundtund Arzneybuch“. Foto: Katja Krahmer

Der bisher nahezu unbeachtete medizinhistorische Bestand des Stadtarchivs Zeulenroda wird im Spätsommer zum Gegenstand einer sehenswerten Ausstellung.

Unter dem Titel „Kleines Archiv – große Medizin“ zeigt das Städtische Museum der ostthüringischen Kleinstadt circa fünf Monate lang eine eindrucksvolle Sammlung namhafter Autoren des 16. bis 19. Jahrhunderts. Das mehr oder weniger wiedererworbene Wissen um den umfassenden medizinhistorischen Buchbestand des Stadtarchivs Zeulenroda ist einem Anrufer aus Baden-Württemberg zu verdanken. Wenige Wochen, nachdem der neue Stadtarchivar im Frühjahr 2008 seine Stelle antrat, stieß er durch diese gewöhnliche Rechercheanfrage auf die bedeutende Sammlung. So zog die Suche nach „Gazophylacium medico-physicum“ von Johann Jacob Woyt die Wiederentdeckung von 254 Werken nach sich, die den medizinischen Wissensstand über einen Zeitraum von fast vier Jahrhunderten repräsentiert.

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Paracelsus, Johann Christoph Ettner, Heinrich Deventer, Michael Ettmüller, Johann Friedrich Blumenbach, Friedrich Hoffmann und Friedrich Christian Trommsdorff sind wohl die bedeutendsten Autoren der „Fundsache“. Mehr noch, sie bilden ein „Who’s who“ der deutschen Medizingeschichte. Die Idee, die Sammlung nicht nur Archivbenutzern zu präsentieren, schien naheliegend, da das Städtische Museum Zeulenroda nicht nur eng mit dem Stadtarchiv zusammenarbeitet, sondern auch dessen direkter Nachbar ist. Im Atrium des Museums können alle Interessierten den „neuen alten Stolz“ des kleinen Archivs bestaunen. Neben einer Auswahl von 25 bis 30 medizinhistorisch bedeutenden Büchern wird das Karl-Sudhoff-Institut, das älteste medizinhistorische Institut der Welt, diverse ergänzende Exponate aus seiner Asservatenkammer beisteuern.

Nicht nur das älteste, sondern das wohl wertvollste Ausstellungsstück ist die Ausgabe von Paracelcus’ „Wundt- und Arzneybuch“. Vom berühmten Autor abgesehen ist das zeitgenössische Original aus dem Jahr 1562 wegen seiner Handkolorationen sicher auch für die Buchkunde von Interesse.

Über die überregional bedeutenden Exponate hinaus bekommt die Ausstellung mit der Einbeziehung des Wirkens einflussreicher Zeulenrodaer Ärzte eine regionale Note. Und das nicht zu Unrecht: Prof. Dr. Johann Christian Gottlieb Ackermann, 1756 in der Thüringer Stadt geboren und später Lehrstuhlinhaber an der Universität Altdorf bei Nürnberg, hatte seinen wissenschaftlichen Schwerpunkt im Studium historischer medizinischer Schriften. Das Verdienst von Dr. Ferdinand Schröder (1818–1857) liegt dagegen weniger in der Medizin als in der Politik. Der wohl bekannteste Zeulenrodaer Arzt war Abgeordneter des Fürstentums Reuß ältere Linie im Frankfurter Paulskirchenparlament und zeichnete die wohl einflussreichste Karikatur der Revolution von 1848 – den „Kehraus“. Das Original befindet sich mit mehr als 200 weiteren Karikaturen Schröders seit Anfang 1999 wieder im Besitz des Städtischen Museums und wird in der Ausstellung zu sehen sein. Schließlich war auch Dr. Johann Gottlieb Stemler (1788–1856) stärker politisch denn ärztlich aktiv. Er war einer der bedeutendsten Bürgermeister Zeulenrodas und arbeitete an der Verfassung des Fürstentums Reuß ältere Linie, zu dem die Stadt gehörte, mit. Stemler betätigte sich nicht zuletzt als Landeshistoriker und verfasste 1842 die erste Zeulenrodaer Stadtgeschichte. Ihm ist im Übrigen auch die medizinhistorische Sammlung des Stadtarchivs zu verdanken.

Zweifelsohne zählt die Sammlung zu den Leuchttürmen der historischen Buchbestände Zeulenrodas und sticht aus der sonst eher regionalen Bedeutung des dortigen Archivbestands hervor. Wer sich wie Stemler für die Medizin und die Geschichte begeistern kann, für den ist die Ausstellung sehenswert. Wenngleich vergleichsweise räumlich klein, spiegelt sie doch historisch gesehen Großes wider.

Katja Krahmer

Informationen

Die Ausstellung „Kleines Archiv – große Medizin. Medizinhistorische Bücher des Stadtarchivs Zeulenroda“ ist vom 27. August 2010 bis 31. Januar 2011 im Städtischen Museum Zeulenroda, Aumaische Straße 30, 07937 Zeulenroda-Triebes zu sehen. Telefon: 036628 64135. Öffnungszeiten: dienstags bis freitags von 9 bis 16 Uhr, donnerstags 9 bis 18 Uhr, sonntags 13 bis 16 Uhr

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