ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2010Medizinstudium: Selbstreflexion als Ausbildungsziel

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Medizinstudium: Selbstreflexion als Ausbildungsziel

Dtsch Arztebl 2010; 107(39): A-1879 / B-1651 / C-1623

Berberat, Pascal O.

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Blick auf sich selbst: „Je mehr wir uns bereits im Studium mit unseren eigenen Problemen auseinandersetzen, umso geringer ist das Risiko, dass und diese Probleme in der Arzt- Patient-Beziehung im Weg stehen.“ Foto: Fotolia [m]
Blick auf sich selbst: „Je mehr wir uns bereits im Studium mit unseren eigenen Problemen auseinandersetzen, umso geringer ist das Risiko, dass und diese Probleme in der Arzt- Patient-Beziehung im Weg stehen.“ Foto: Fotolia [m]

Die Medizinische Fakultät der Technischen Universität München bieten den freiwilligen Kurs „Humanität in der Medizin“ an. Die ersten Erfahrungen damit sind positiv.

Die Medizin ist eine Naturwissenschaft. Aber das Arzttum ist keine Naturwissenschaft, sondern das Arzttum ist das Letzte und Schönste und Größte an Beziehungen von Mensch zu Mensch.“ (Prof. Sauerbruch, 1875–1951)

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„Ein guter Arzt ist für mich einer, der den Patienten nicht nur als Kunden wahrnimmt, sondern auch den Menschen und dessen Bedürfnisse und Belange erkennt.“ (Passant in München)

Ob ein großer Chirurg am Anfang des letzten Jahrhunderts oder ein zufällig gewählter Mensch der heutigen Zeit – alle scheinen sich einig darüber zu sein, dass man den Arzt nicht auf seine Rolle als medizinischer Experte reduzieren kann. Ist doch die bloße Zweckorientierung der ärztlichen Kompetenz für das komplexe Handlungssystem der Medizin nicht ausreichend. So ist die Ärztin, der Arzt auch Mensch, eine Ärztin auch Ehefrau, ein Arzt auch Vater und der Patient nicht nur Kranker, sondern auch Mensch, Berufstätiger et cetera.

In der Öffentlichkeit und den Medien wird immer wieder eine „Entmenschlichung der Medizin“ thematisiert. Diverse Studien zeigen, dass im Verlauf der beruflichen Sozialisierung von Medizinstudierenden und jungen Ärzten ein Wertezerfall erfolgt. Und daher stimmt auch das folgende Zitat einer Medizinstudentin nachdenklich: „Wünschenswert (hoffentlich nicht illusorisch?) wäre es, aus den anfänglichen Idealen – die natürlich in Ermangelung von Einsicht und Erfahrung mehr oder weniger verklärt sind – das Beste zu bewahren, zum Beispiel: ein guter, warmer, helfender, zugewandter Arzt zu sein und aus dem Medizinstudium mit abgeklärten, entzerrten, bereicherten, gestärkten und optimistischen Idealen herauszugehen – anstatt ernüchtert, zermürbt, angstvoll, pessimistisch, zynisch, verloren und orientierungslos.“

Dieser offensichtliche Mangel in der medizinischen Ausbildung war Anlass zu einer neuen Initiative an der Fakultät für Medizin der Technischen Universität (TU) München. Unter dem Titel „Humanität in der Medizin“ wurde ein neuer fakultativer Kurs ins Leben gerufen. Ziel des Pilotprojekts war es, dass sich die Studenten während der klinischen Studienjahre aktiv reflektierend mit Wertvorstellungen und Sinnerklärungen im Zusammenhang mit ihrem ärztlichen Alltag und den von ihnen ausgeübten Tätigkeiten auseinandersetzen. Alltägliche menschliche Konflikte, denen Ärztinnen und Ärzte ausgesetzt sind, sollten erkannt, analysiert und schließlich mögliche Lösungsansätze diskutiert werden.

Im Vorfeld wurden in Fokusgruppen mit Studierenden und Patienten wesentliche Themen in Bezug auf „Humanität in der Medizin“ identifiziert. Daraus entwickelten sich die folgenden sechs Themen:

  • Mein Weg – Privatleben, Beruf und Karriere
  • Der Patient – eine leibhaftige Person
  • Mein Alltag – von Leiden und Tod
  • Das Gespräch – zwischen Arztrolle und Menschsein
  • Die Angst – zwischen Verantwortung und Unsicherheit
  • Die Arbeit – zwischen Hierarchie und Team

Mit jeweils zwei Doppelstunden je Thema wurden diese Seminare im Verlauf des letzten Jahres erstmalig für eine Gruppe von Studenten durchgeführt. Das jeweilige Thema wurde interdisziplinär durch einen praktisch tätigen Mediziner und einen Geisteswissenschaftler gestaltet und geleitet. In jedem Seminar wurde versucht, den in der Medizin eher atypischen induktiven Weg der Erkenntnisgewinnung zu beschreiten: Die Studenten wurden aufgefordert, angenommene Denkgewohnheiten und Perspektiven zu hinterfragen, zu erweitern und gegebenenfalls zu verändern. Ausgangspunkt war die persönliche Erfahrungswelt, angereichert durch Fallbeispiele und fiktionale Auseinandersetzungen mit den Themen, in Reflexion und Diskussion.

Diese neue Seminarreihe war sowohl für die Studenten als auch für die vielen beteiligten Dozenten eine intensive und ungewohnte Erfahrung. Die Möglichkeit, menschliche Grundfragen mit anderen Studenten, erfahrenen Ärzten und Wissenschaftlern diskutieren zu können, hinterließ eine nachhaltige Wirkung bei allen Beteiligten.

Das folgende Zitat aus der öffentlichen Abschlussveranstaltung der Studenten fasst alles Wesentliche zusammen: „. . . wir sind der Meinung: Je stärker wir aus unserem Studium hervorgehen, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir auch für unsere Patienten stark sein können. Je mehr wir uns bereits im Studium mit unseren eigenen Problemen, Sorgen und Ängsten auseinandergesetzt haben, umso geringer ist das Risiko, dass uns diese Probleme in der Arzt-Patienten-Beziehung, im Team oder sonst wo hinderlich im Weg stehen. . . . (das Seminar) ist ein geeignetes Forum und ein geschützter Rahmen, um unser Selbstverständnis zu erweitern und wichtige Erfahrungen in Bezug auf unsere ärztliche Zukunft zu sammeln.“

Die Fakultät wird im kommenden Studienjahr die Initiative fortsetzen und ausbauen. Es ist sicher schwierig, den direkten Nutzen einer solchen aktiven Auseinandersetzung mit der „Humanität in der Medizin“ während der Ausbildung für das spätere Arztsein zu belegen. Trotzdem waren sich alle Beteiligten darüber einig, dass sie diese Initiative bereichert hat und dass der Dialog im Spannungsfeld zwischen Naturwissenschaft und Humanität fortgesetzt werden sollte.

Priv.-Doz. Dr. med. Pascal O. Berberat
E-Mail: berberat@chir.med.tu-muenchen.de

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