ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2010Tigecyclingabe mit erhöhtem Sterberisiko assoziiert

AKTUELL: Akut

Tigecyclingabe mit erhöhtem Sterberisiko assoziiert

Dtsch Arztebl 2010; 107(40): A-1886 / B-1658 / C-1630

Meyer, Rüdiger

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Die US-amerikanische Arzneibehörde FDA rät dringend zu einem umsichtigen Einsatz des Reserveantibiotikums Tigecyclin. Anlass ist ein erhöhtes Sterberisiko in klinischen Studien.

Das Glycylglycin-Antibiotikum Tigecyclin wurde als Antwort auf die steigende Zahl von multiresistenten Bakterien entwickelt. Es hemmt die Translation der Proteinbiosynthese, indem es sich an die 30S-Untereinheit der bakteriellen Ribosomen bindet. Zwei wichtige Resistenzmechanismen der Mikroben funktionieren bei Tigecyclin nicht: Bakterien können Tigecyclin nicht mittels Effluxpumpen aus der Zelle heraustransportieren; auch ribosomale Schutzmechanismen greifen nicht.

Das sehr breite Wirkungsspektrum ist vor allem für die Therapie Schwerkranker auf der Intensivstation vorteilhaft und umfasst grampositive Keime inklusive Methicillin-resistentem Staphylococcus aureus. Auch gramnegative Bakterien wie Enterobacter-Spezies oder Stämme von Escherichia coli und Klebsiella pneumoniae, welche die – erst kürzlich entdeckte – NDM(Neu Delhi Metallo-beta-Laktamase)-1-Resistenz aufweisen, können die Tigecyclin-Wirkung nicht zerstören. Für einige Infektionen ist Tigecyclin damit eine der letzten Optionen.

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Doch seine Anwendung könnte mit höheren Risiken assoziiert sein als bisher vermutet. In einer von der FDA durchgeführten gepoolten Analyse von 13 klinischen Studien war die Mortalität in den Tigecyclin-Armen höher als beim Einsatz anderer Antibiotika. Insgesamt starben 150 von 3 788 Patienten (4,0 Prozent) gegenüber 110 von 3 646 Patienten (3,0 Prozent), die mit anderen Antibiotika behandelt wurden. In einer adjustierten Analyse betrug die Risikodifferenz 0,6 Prozent (95-Prozent-Konfidenzintervall 0,1 bis 1,2 Prozent).Die FDA hat die Ergebnisse nach den einzelnen Indikationen aufgeschlüsselt. Besonders riskant ist der Einsatz bei der beatmungsassoziierten Pneumonie (VAP). Hier starben 19,1 Prozent der mit Tigecyclin und 12,3 Prozent der mit anderen Antibiotika behandelten Patienten.

Die FDA weist darauf hin, dass die VAP keine zugelassene Indikation für Tigecyclin ist. Die Zulassung beschränkt sich – auch in Deutschland – auf die Behandlung komplizierter Haut- und Weichgewebsinfektionen und auf komplizierte intraabdominelle Infektionen. Aber auch in diesen Indikationen war das Sterberisiko unter Tigecyclin leicht erhöht. Die FDA rät den Ärzten deshalb, bei Patienten mit schweren Infektionen Alternativen zu Tigecyclin in Erwägung zu ziehen. rme

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