ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2010Sanitätsdienst: Doch auf Augenhöhe
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. . . Zunächst scheint es, dass sich der Kollege Bschleipfer zwar intensiv mit grundlegenden ethischen Standpunkten und den möglichen Konflikten eines Militärarztes beschäftigt hat, jedoch hat er es leider versäumt, sich über den Umgang mit dieser Problematik innerhalb der Bundeswehr zu informieren. Dies lässt sich bereits aus dem überschaubaren Literaturverzeichnis ablesen, das lediglich eine fundierte Quelle zu diesem Thema enthält (Nr. 1).

Zu den angesprochenen Problemfeldern ist festzustellen, dass die Medizin zwar in gewisser Weise durch das Militär instrumentalisiert wird, was jedoch bei jedem Betriebsarzt in ähnlichem Maß der Fall ist. Dies stellt aber kein Problem dar. Vielmehr leistet sich die Bundeswehr eine höchst effektive und auch sehr teure Einsatzmedizin, um eine Versorgungsqualität der Soldaten zu gewährleisten, die sich auf dem gleichen Niveau wie im Heimatland bewegt. Hierzu wurde in Afghanistan ein Einsatzlazarett aufgebaut, das den Versorgungsumfang eines Kreiskrankenhauses leistet. Der Sanitätsdienst wird vor Ort von einem Arzt im Rang eines Oberst geführt. Dieser untersteht zwar dem Kontingentführer im Rang eines Brigadegenerals, was jedoch auf alle anderen Teilbereiche ebenso zutrifft. Es ist also falsch, dass Medizin und Truppe sich „nicht auf Augenhöhe“ begegnen. Doch wie auch bei jeder großen Firma mit vielen Einzelbereichen muss es auch hier einen Hauptverantwortlichen geben.

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Über die Triage wurde bereits viel diskutiert. Es ist natürlich nicht von der Hand zu weisen, dass die Gefahr eines Massenanfalls von Verletzten in Afghanistan deutlich höher liegt als in Deutschland. Glücklicherweise ist dieses Ereignis selbst im Auslandseinsatz bisher sehr selten aufgetreten. Im Normalfall wird in der Bundeswehr klare Individualmedizin betrieben, was sowohl für die Soldaten als auch für die Zivilbevölkerung gilt. Im Falle eines Großschadensereignisses müssen die zur Verfügung stehenden Ressourcen natürlich mit Verstand und größter Umsicht eingesetzt werden. Wenn deshalb ein schwerstverletzter Patient nicht maximal-medizinisch versorgt werden kann, dann geschieht dies einzig mit dem Ziel, möglichst vielen Patienten die bestmögliche Versorgung zuteil werden zu lassen. Dass sich ähnliche Probleme auch in Deutschland ergeben können (Zugunglücke, Flugzeugabstürze, Naturkatastrophen etc.), muss sicherlich nicht betont werden. Aber selbst im Falle eines Massenanfalls von Verletzten ist die Bundeswehr in der Lage, den Soldaten eine medizinische Versorgung auf hohem Niveau zu garantieren. Neben der unmittelbaren Versorgung im Einsatzland hält die Bundeswehr rund um die Uhr einen Airbus A 310 für den Lufttransport Verwundeter und Erkrankter vor. Mit ihm können binnen 24 bis 48 Stunden 44 Patienten unter intensivmedizinischen Bedingungen nach Deutschland transportiert werden. Bei Bedarf ist es möglich, zusätzlich zwei weitere Airbus A 310 in die sogenannte
AirMedEvac-Konfiguration umzurüsten.

Das Problem der „Doppelloyalität“ wurde im Allgemeinen richtig beschrieben, trifft auf die Bundeswehr allerdings so nicht zu. Gerade der beschriebene Lösungsweg wird nämlich von der Bundeswehr genau so beschritten, wie dort vorgeschlagen wird. Sanitätsoffiziere sind weder Ärzte ohne militärisches Wissen noch militärische Handlanger. Sie werden an zivilen Universitäten und zum Teil auch an zivilen Krankenhäusern medizinisch ausgebildet. Gleichzeitig werden sie aber auch militärisch geschult und auf ihre Aufgabe vorbereitet, um mit ihrem medizinischen Fachwissen gemeinsam mit der militärischen Führung ein Team zu bilden und stets eine vernünftige und ausgewogene Entscheidungsfindung zu garantieren. Eine Beeinflussung von medizinischen Entscheidungen durch nichtärztliche Soldaten findet – zumindest in der Bundeswehr – nicht statt. Genauso wenig würde ein Sanitätsoffizier medizinische Erfordernisse militärischen Interessen unterordnen . . .

Dr. Christian Strobl, 82229 Seefeld

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