ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2010Uranbergbau: Gift aus der Tiefe

POLITIK

Uranbergbau: Gift aus der Tiefe

Dtsch Arztebl 2010; 107(40): A-1894 / B-1662 / C-1634

Neuber, Harald

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Der Abbau des radioaktiven Urans ruft weltweit Protest hervor. In Basel trafen sich Kritiker am Rande der IPPNW-Weltkonferenz.

Eine der vehementesten Gegnerinnen der australischen Atomindustrie ist eine freundliche Großmutter. Die Aborigine Yvonne Margarula sitzt in einem bunt geblümten Kleid vor der Kamera, um Konferenzgästen im schweizerischen Basel von einem vier Jahrzehnte währenden Kampf zu berichten. 1970 kamen Bergbauunternehmen in den Norden des Landes, um die wenige Jahre zuvor entdeckten Uranvorkommen zu erschließen. Mit ihnen seien Krankheiten und Alkohol gekommen. Und das Gift. Durch die damals errichtete Jabiluka-Mine gelangt nicht nur Uran in die umliegenden Gewässer und den Kakadu-Nationalpark. Auch das frei werdende Radon gefährdet die Gesundheit der Ureinwohner, für die Teile des Gebiets heilig sind. Seit Jahrzehnten kämpfen sie gegen das Urangeschäft. Nach Massenverhaftungen erhielten Margarula und ihre Mitstreiter 1998 die Auszeichnung der Umweltschutzorganisation Friends of the Earth. „Tief in meinem Herzen fühle ich, dass unser Leben ohne diese Mine besser wäre“, schließt Margarula ihre Videonachricht.

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Charmain White Face – sie repräsentierte auf dem IPPNW-Weltkongress eine Sioux-Organisation „Defenders of the Black Hills“. In den USA sind die indigenen Völker besonders von den schädlichen Auswirkungen des Uranabbaus betroffen. Foto: Boris Buchholz/IPPNW
Charmain White Face – sie repräsentierte auf dem IPPNW-Weltkongress eine Sioux-Organisation „Defenders of the Black Hills“. In den USA sind die indigenen Völker besonders von den schädlichen Auswirkungen des Uranabbaus betroffen. Foto: Boris Buchholz/IPPNW

Den Folgen des Uranabbaus für Mensch und Umwelt widmete sich ein Tagesseminar im Vorfeld der diesjährigen Weltkonferenz der Ärzteorganisation IPPNW, die Ende August in Basel stattfand. Circa 50 000 Tonnen des radioaktiven Metalls werden zurzeit jährlich gefördert – bei steigender Nachfrage. Die Folgen werden jedoch oft ausgeblendet. Die Autorin Inge Schmitz-Feuerhake trug 2007 im „Strahlentelex“ Nummer 494–495 einige der belegten Krankheiten zusammen. In einem unmittelbaren Zusammenhang mit Uranbergbau konnten demnach nachgewiesen werden: solide Tumoren, gutartige und unspezifische Tumoren, Bluterkrankungen, Leukämie, Lymphome, multiple Myelome, Magenkrebs, Leberkrebs, Darmkrebs, Krebserkrankungen der Gallenblase und der extrahepatischen Gallenwege, Nierenkrebs, Hautkrebs, psychische Störungen und Geburtsfehler.

Umso verheerender ist es, dass die Bewohner der betroffenen Regionen über die Gefahren nicht aufgeklärt, geschweige denn geschützt werden. Wie in Australien haben sich auch im US-Bundesstaat South Dakota Umweltschutzgruppen gegründet. Dort gibt es circa 1 000 Uranminen, die seit den 1970er Jahren stillgelegt sind. „Anfangs gingen wir von einem Dutzend Förderschächten aus“, sagte Charmain White Face, eine Vertreterin der drei Sioux-Volksgruppen, im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt in Basel: „Erst nach und nach haben wir das gesamte Ausmaß der Minen in unseren Black Hills erfasst.“ White Face spricht vom „geheimen Tschernobyl der USA“. Schließlich betreffe die radioaktive Verseuchung nicht nur die indigene lokale Bevölkerung. Mehr als 10 000 Bohrlöcher seien einst bis zu 240 Meter tief in die Berge getrieben worden. Heute sind sie mit Wasser gefüllt, das zunächst in den Missouri und dann in den Mississippi gelangt. Ähnliche Beispiele wurden auf der Baseler IPPNW-Fachtagung aus Deutschland, Kanada, Brasilien, Indien, Namibia, Niger, Mali und Russland berichtet. Vor allem die indigenen Bevölkerungsgruppen sind in den Ländern des Südens von dem schädlichen Uranabbau bedroht. In Deutschland wurde Uran bis 1990 in Sachsen und Thüringen gefördert, auch hier mit erheblichen Konsequenzen für Mensch und Natur.

Etwa 100 Teilnehmer der Schweizer Konferenz zu Uranabbau, die von Nuclear Free Future Award unterstützt wurde, verabschiedeten am 26. August eine „Baseler Erklärung“. Die Förderung von Uran und des Rohmaterials Triuranoctoxid, so heißt es darin, „gefährdet die Umwelt und alle Lebewesen, stellt eine Verletzung der Menschenrechte dar und bedroht den internationalen Frieden, weil in letzter Konsequenz die atomare Abrüstung unterlaufen wird“.

Harald Neuber

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