ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2010Risiken der Strahlentherapie: Mehr Totgeburten nach Bestrahlung junger Mädchen

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Risiken der Strahlentherapie: Mehr Totgeburten nach Bestrahlung junger Mädchen

Dtsch Arztebl 2010; 107(40): A-1927 / B-1689 / C-1661

Siegmund-Schultze, Nicola

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Jeder 450. Jugendliche ist ein Krebsüberlebender. Die Malignominzidenz im Kindesalter beträgt circa 1,5 pro 10 000, die Fünfjahres-überlebensrate etwa 81 %. In der wissenschaftlichen Literatur gibt es Hinweise darauf, dass eine Exposition gegenüber ionisierender Strahlung die Keimzellen schädigen kann. Deshalb haben US-amerikanische Forscher das Risiko für Totgeburten und neonatalen Tod an Eltern untersucht, die eine vor dem 21. Lebensjahr gestellte Krebsdiagnose mindestens fünf Jahre überlebten.

In der Childhood Cancer Survivor Study erfolgte die retrospektive Analyse der Auskünfte über 4 946 lebend oder tot geborene Kinder beziehungsweise Feten und kurz nach der Geburt verstorbene (Eltern: 1 148 Männer, 1 657 Frauen). Insgesamt gab es 93 Totgeburten und neonatale Todesfälle (Reifung mehr als 20 Wochen), davon 60 bei jenen 1 774 Krebsüberlebenden, die bestrahlt worden waren. Die Absolutdosen für Testes, Ovarien, Uterus und Hypophyse wurden geschätzt.

Eine Radiatio männlicher Keimdrüsen (mittlere Dosis 0,53 Gy) und der Hypophyse (beide Geschlechter, mittlere Dosis 10,5 Gy) war nicht mit einem erhöhten Risiko für Totgeburten und neonatalen Tod assoziiert, ebenso wenig die Chemotherapie. Dagegen erhöhte die Bestrahlung von Ovarien und Gebärmutter mit mehr als 10 Gy das Risiko signifikant um den Faktor 9,1. Erfolgte die Bestrahlung vor der Menarche, war schon eine Dosis von 1 bis 2,49 Gy mit einem 4,7-fachen Risiko assoziiert, höhere Dosen mit einem zwölffachen (Tabelle).

Fazit: Für Kinder von Männern, deren Keimdrüsen vor dem 21. Lebensjahr bestrahlt worden sind, gibt es kein erhöhtes Risiko eines intrauterinen oder neonatalen Todes, anders als beim Nachwuchs von Frauen mit Beckenbestrahlung im Kindes- oder Jugendalter. Da Keimzellschädigungen sich vermutlich bei beiden Geschlechtern ausgewirkt und auch die Rate der Fehlgeburten vor der 20. Schwangerschaftswoche erhöht haben, wird es für wahrscheinlich gehalten, dass eine Bestrahlung den Uterus schädigen kann.

„Obwohl einige Details der Studie diskussionswürdig sind, zum Beispiel die Genauigkeit der Schätzung von Organexpositionen, ist für die Praxis ein sehr wichtiges Ergebnis: Die Bestrahlung der Hoden mit niedrigen Dosen bei Jungen unter 21 Jahren beeinflusst das Risiko für eine spätere Fehlgeburt ebenso wenig wie die Bestrahlung der Hypophyse oder die Gabe von alkylierenden Substanzen bei beiden Geschlechtern“, lautet der Kommentar von Prof. Dr. med. Normann Willich, Studienleiter des „Registers zur Erfassung von Spätfolgen nach Strahlentherapie im Kindes- und Jugendalter“, Münster. „Dagegen erhöht eine Beckenbestrahlung bei Mädchen in Abhängigkeit von Alter und Strahlendosis dieses Risiko deutlich.“ In Deutschland würden mehr als 90 Prozent der krebskranken Kinder in Studien der Gesellschaft für pädiatrische Onkologie und Hämatologie behandelt – es sollten möglichst alle Patienten sein. Daten wie die hier vorgelegten würden von den Kommissionen eingehend gewürdigt und in den Protokollen berücksichtigt. Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

Signorello LB et al.: Stillbirth and neonatal death in relation to radiation exposure before conception: a retrospective study. NEJM 2010 doi:10.1016/S0140-6736/10)60572-0.

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