ArchivDeutsches Ärzteblatt40/201020 Jahre Einheit: Die Urologen fanden als Erste zusammen

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20 Jahre Einheit: Die Urologen fanden als Erste zusammen

Dtsch Arztebl 2010; 107(40): A-1908 / B-1675 / C-1647

Jachertz, Norbert

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Ulrich Oesingmann, zur „Wendezeit“ KBV-Vorsitzender, heute Präsident des Bundesverbandes der Freien Berufe lobte die mutige Aufbauarbeit der Ärzte in Ostdeutschland für ein ihnen unbekanntes System. Foto: Georg J. Lopata
Ulrich Oesingmann, zur „Wendezeit“ KBV-Vorsitzender, heute Präsident des Bundesverbandes der Freien Berufe lobte die mutige Aufbauarbeit der Ärzte in Ostdeutschland für ein ihnen unbekanntes System. Foto: Georg J. Lopata

Vor 20 Jahren kam es zum partnerschaftlicher Zusammenschluss der Berufsverbände aus Ost und West.

Mit einem Festakt in der Landesvertretung Sachsen-Anhalt in Berlin erinnerte der Berufsverband Deutscher Urologen (BDU) am 14. September an die Gründung des gemeinsamen Berufsverbandes am 27. September 1990. Nach Angaben des Präsidenten des BDU, Dr. med. Martin Bloch, war der ost-westliche Zusammenschluss der Urologen der erste unter den Berufsverbänden. Deren Vereinigung hat eine Vorgeschichte, die typisch auch für andere Berufsorganisationen ist, gingen ihr doch frühe Kontakte zwischen Ost und West, mitunter auch Hilfestellung aus dem Westen für die noch berufspolitisch unerfahrenen Kollegen im Osten voraus.

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Daran erinnerten in Berlin jetzt die beiden Vorsitzenden jener Zeit, Dr. med. Klaus Schalkhäuser (West) und Dr. med. Wolfgang Zacher (Ost). Zacher hatte am 31. Januar 1990 in einem Brief Schalkhäuser um Unterstützung bei einer Verbandsgründung gebeten. Dieser war nicht unvorbereitet, denn im Dezember 1989 hatte sein Verband bereits vorsorglich beraten, wie künftig eine Berufsvertretung in Ostdeutschland aussehen könnte. Am 30. Juni 1990 wurde der Berufsverband Ost im Hörsaal der Chirurgie in Halle gegründet. Als dann am Abend die Einführung der DM bekanntwurde und man spontan die Nationalhymne sang, erlebte Schalkhäuser dies als das bewegendste Zusammentreffen seines Lebens. Man merkte ihm noch heute, am 14. September 2010, die Bewegung an, und sie sprang auf seine Zuhörer über.

Zacher ging beim Berliner Festakt auch auf die medizinische Versorgung vor der Wiedervereinigung ein. Diese sei durch Wartelisten, Versorgungsengpässe und mangelnde Leistungsanreize gekennzeichnet gewesen. Der fachliche Kenntnisstand sei indes hoch gewesen, ein Grund dafür, dass sich die Ärzte im neuen Gesundheitswesen medizinisch schnell zurechtgefunden hätten. Die Gründung des Berufsverbandes Ost sei bereits mit Blick auf die Wiedervereinigung geschehen. Zacher ist immer noch stolz darauf, dass er „einen Teil des Weges zur Einheit mitgestalten konnte“.

Schalkhäusers wie Zachers Berichte beim Berliner Festakt ließen erkennen, dass die Verbände Ost und West partnerschaftlich miteinander umgingen und die Urologen offenbar den fatalen Eindruck vermeiden konnten, Ost werde von West vereinnahmt. Schalkhäuser zollte denn auch zu Beginn seines Berichts den Menschen in Ostdeutschland den gebührenden Respekt: Der Mauerfall sei allein, ganz allein ein Erfolg der DDR-Bürger.

In einem Grußwort erinnerte der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, an die Ausarbeitung der Weiter­bildungs­ordnung, in die ost- wie westdeutsche Erfahrungen eingegangen seien und die bereits beim Deutschen Ärztetag 1992 verabschiedet wurde. Dr. med. Ulrich Oesing-
mann, zur „Wendezeit“ Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und heute Präsident des Bundesverbandes der Freien Berufe ist, lobte die mutige Aufbauarbeit der Ärzte in Ostdeutschland „für ein ihnen unbekanntes System“. Die Einführung der Selbstverwaltung sei aber auch eine Herausforderung für die Anpassungsfähigkeit des Systems und eine Bewährungsprobe für die im Westen entwickelten Strukturen gewesen.

Der frühere evangelische Bischof von Berlin-Brandenburg, Prof. Dr. Wolfgang Huber, beschäftigte sich auf Einladung des Urologenverbandes mit „Solidarität und Eigenverantwortung“ im Gesundheitswesen, für Huber keine Gegensätze, denn: Wer Eigenverantwortung wahrnehme, verstärke auch den Spielraum für Solidarität. Huber äußerte sich skeptisch zum Überhandnehmen der Öko­nomi­sierung des Gesundheitswesens. Das „Diktat der Ökonomie“ und der damit verbundene Zeitdruck ließen zu wenig Zeit für persönliche Zuwendung. Huber plädierte für eine alte Tugend, die aus der Mode komme: die Barmherzigkeit.

Norbert Jachertz

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