ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2010Arztrecht: Zahlreiche Ausblicke und Impulse

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Arztrecht: Zahlreiche Ausblicke und Impulse

Dtsch Arztebl 2010; 107(40): A-1933 / B-1694 / C-1666

Hübner, Marlis

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Das Bild des Arztes und vom Arzt hat sich mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und den Entwicklungen in der Medizin vielfach gewandelt. Diesen Wandel beleuchten die Autoren in der von Christian Katzenmeier und Klaus Bergdolt herausgegebenen Schrift zum Medizinrecht aus unterschiedlichen Perspektiven. Der Sammelband, der sich durch die interdisziplinäre und integrative Bearbeitung und Darstellung der Materie auszeichnet, enthält die überarbeiteten Fassungen von Redebeiträgen zum 1. Kölner Symposium zum Medizinrecht.

Den Anfang macht Jörg-Dietrich Hoppe mit der „Arzt-Patient-Beziehung im 21. Jahrhundert“. Die Politik zunehmender implizierter Rationierung belaste die Arzt-Patient-Beziehung und erwecke den Eindruck, „Ärztinnen und Ärzte verordneten zur Schonung oder Aufbesserung des eigenen Honorars minderwertige Arzneimittel“. Eine erhebliche Konsequenz dieser Entwicklungen sei die Einschränkung der Therapiefreiheit, „die zumindest einer Teilentmündigung und auch einer Entindividualisierung der Arzt-Patient-Beziehung gleichkomme“. Trotz der Mittelknappheit bestehe die Verpflichtung, das Notwendige entsprechend dem Stand der medizinischen Wissenschaft zu applizieren, obwohl nur das Finanzierbare vergütet werde.

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Christiane Woopen wendet sich dem „Arzt als Heiler und Manager“ zu. Wesentliche Grundsätze, Aufgaben und Werkzeuge des professionellen Managements würden auf den Arztberuf projiziert und entsprechend angewendet. Ethisch reflektiert diese Entwicklung Giovanni Maio und geht der Frage nach, ob die ärztliche Tätigkeit Dienst am Menschen oder Kunden-Dienst ist. Ausgehend von den Zielen der modernen Medizin analysiert er die Auswirkungen des Marktgedankens in der Medizin und zieht ethische Schlussfolgerungen. Er stellt entscheidende Fragen, zum Beispiel, ob ein Anspruch auf ein Leben ohne Mangel besteht. Die größte Gefahr der modernen Medizin gehe nicht von der Öko­nomi­sierung per se aus, sondern bestehe darin, dass „die heutige Medizin der Ökonomie keine andere – eigene Identität entgegenzusetzen vermag . . . Die Medizin wird gestaltet, sie gestaltet sich aber nicht selbst“. Zudem kritisiert er das verkürzte Gesundheitsverständnis des modernen Menschen auf dem Gesundheitsmarkt.

Eine vergleichbare Perspektive findet man in den Beiträgen von Eckhard Nagel („Der Arzt im Spannungsfeld von Versorgungsgerechtigkeit und Wirtschaftlichkeit“) und Michael Quante („Therapieren oder Optimieren? Herausforderungen des ärztlichen Selbstverständnisses im 21. Jahrhundert“). „Wirtschaftlichkeit und Ethik in der universitären Krankenversorgung“ stehen im Fokus der Ausführungen von Otfried Höffe. Die Quintessenz ist klar herausgearbeitet: Ethik und Wirtschaftlichkeit stehen nicht mehr im Einklang. Diese grundlegende Feststellung ist überzeugend, insbesondere wenn sie mit Aussagen zur „Kultur des Sterbens“ verbunden wird. Bergdolt komplementiert die ethische Sichtweise zum „Kontinuum des Ärztlichen“ vor allem um die historische Dimension. Seine Darlegungen münden in dem Wunsch nach einem gesellschaftlichen Konsens um das ethisch gebotene Sparen.

Einem Hauptthema der Gegenwart stellen sich Horst Dieter Schirmer und Christoph Fuchs: der Rationierung im Gesundheitswesen und den damit verbundenen Wirkungen auf die ärztliche Berufsausübung und die ärztliche Selbstverwaltung. Adolf Laufs stellt „die jüngere Entwicklung des Arztberufs im Spiegel des Rechts“ dar. Er identifiziert einen Paradigmenwechsel in der postmodernen Medizin. Die chronische Unterfinanzierung bedinge stete juristische Regulierungen, ohne eine durchgreifende Abhilfe zu schaffen.

Unter dem Blickwinkel der Verrechtlichung der Medizin analysiert Katzenmeier unter anderem das Verhältnis von Medizin und Recht. Das Recht durchdringe „die Medizin in einer Intensität, die historisch kein Vorbild“ besitze. Längst würden nicht mehr nur die rechtlichen Rahmenbedingungen für die ärztliche Tätigkeit gesetzt, sondern es würde dazu übergegangen, den gesamten ärztlichen Handlungsspielraum mit einem „zunehmend dichter werdenden Geflecht von Rechtsnormen zu durchsetzen, deren Regelungsanspruch sich mittlerweile oft schon auf sachliche Details erstreckt“. Katzenmeier diagnostiziert eine rechtliche Hypertrophie und folgert: „Recht kann schaden, wenn es überdosiert ist.“

Die europäische Dimension eröffnet Hanns Prütting mit den Ausführungen zur „europäischen Arzthaftung im Prozess: Internationale Zuständigkeit und Kollisionsrecht“.

Die in dem Band veröffentlichten Aufsätze vermitteln einen umfassenden Überblick über den Wandel des Arztbildes zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Neben der Bestandsaufnahme enthalten sie zahlreiche Ausblicke und Impulse für die weitere Entwicklung des Arztberufs und des Gesundheitssystems. Marlis Hübner

Christian Katzenmeier, Klaus Bergdolt (Hrsg.): Das Bild des Arztes im 21. Jahrhundert. Springer, Berlin, Heidelberg 2009, 194 Seiten, gebunden, 79,95 Euro

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