ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2010Wolfgang Mattheuer: Spannungsvolle Reibung zwischen Übereinstimmung und Protest

KULTUR

Wolfgang Mattheuer: Spannungsvolle Reibung zwischen Übereinstimmung und Protest

Dtsch Arztebl 2010; 107(40): A-1937

Jachertz, Norbert

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Der Mitbegründer der „Leipziger Schule“ ist in Ost und West geschätzt, aber auch umstritten. Die Dürener Bürgerstiftung zeigt eine charakteristische Auswahl von Mattheuer-Zeichnungen aus der Sammlung Peter Mathar.

Der Jahrhundertschritt von Wolfgang Mattheuer am Eingang, Zeitgeschichtliches Forum, Leipzig
Der Jahrhundertschritt von Wolfgang Mattheuer am Eingang, Zeitgeschichtliches Forum, Leipzig

Bilder von Wolfgang Mattheuer hängen seit 1999 im Berliner Reichstag. Der Leipziger Maler steuerte aber auch das Gemälde „Guten Tag“ (1975) für die Galerie des Palastes der Republik bei. Ihm wurde der Nationalpreis für Kunst und Literatur der DDR genauso wie das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen. Mattheuer nahm an allen wichtigen Kunstausstellungen der DDR teil, gab 1988 aber, ein Jahr vor der Wende, seine SED-Mitgliedschaft zurück und beteiligte sich 1989 an den Montagsdemonstrationen seiner Heimatstadt – auch künstlerisch, mit dem „Jahrhundertschritt“. Den gibt es überlebensgroß in Bronze wie auch als knappen Linolschnitt. Für den Kunstwissenschaftler Georg Bussmann ist der „Jahrhundertschritt“ gar „zum Wahrzeichen des Jahres 1989 geworden und zum Wahrzeichen des Künstlers Wolfgang Mattheuer“.

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Mattheuer war demnach ein nicht einfach einzuordnender politischer Künstler, weil er sich im jeweiligen politischen Spannungsfeld behaupten konnte, aber auch, weil er im Sinne der sozialkritischen Käthe Kollwitz „in seiner Zeit“ wirken wollte. Und Mattheuer, 1927 in Reichenbach im Vogtland geboren und 2004 in Leipzig gestorben, war heimatverbunden, unbeschadet einiger Reisen, auch in den Westen. In der Heimatverbundenheit ähnelt er Caspar David Friedrich. Wie dieser hatte er einen Blick für die Landschaft, deren Linien er nachzeichnete und deren Fülle und Geheimnis er zu fixieren suchte.

Der Leipziger Künstler Wolfgang Mattheuer steht vor seinem Selbstporträt von 1996 in der Ausstellung seiner Werke im Museum der bildenden Künste in Leipzig. Fotos: ullstein
Der Leipziger Künstler Wolfgang Mattheuer steht vor seinem Selbstporträt von 1996 in der Ausstellung seiner Werke im Museum der bildenden Künste in Leipzig. Fotos: ullstein

Mattheuer zählt zu den Hauptvertretern der „Leipziger Schule“, zu denen unter anderen Bernhard Heisig, Willi Sitte und Werner Tübke zählen. Gemeinsam ist allen der „Realismus“. Weshalb sie in der DDR, die den sozialistischen Realismus propagierte, ihr anerkanntes Auskommen hatten und im Westen als Staatsmaler geschmäht wurden und manchmal werden, zuletzt noch von Georg Baselitz, der künstlerisch und politisch einen anderen Weg ging, mit einem wüsten Angriff im „Cicero“. Fairerweise sollte aber vermerkt werden, dass die Leipziger, jeder auf seine Weise – der eine mehr, der andere weniger –, den platt-pathetischen sozialistischen Realismus zumeist hinter sich ließen. Auswege boten Landschaften, deutsche Geschichte und antike Mythologie oder ironisch bis surreal wiedergegebene Szenen des realsozialistischen Alltags. Gerade auch Mattheuer mit seinem Sinn für die „echten“ Realitäten versuchte, seine Umgebung auf diese Weise wahrheitsgemäß abzubilden, erkennbar etwa an dem bedrückenden Bild „Die Ausgezeichnete“ (1973), einer todmüden Frau am Ende ihres Arbeitslebens; und selbst jenes offiziöse Bild „Guten Tag“ zeugt eher von den Mühen des Aufstiegs als den Wonnen des Sozialismus.

Doch der Betrachter sollte sich selbst ein Bild machen. Ein guter Weg dazu führt über Mattheuers Zeichnungen. Der Zeichner Mattheuer – er soll mehr als 5 000 Zeichnungen hinterlassen haben – wird derzeit wiederentdeckt. Soeben haben die Kunstsammlungen Chemnitz das erstaunliche grafische Werk einschließlich einer Reihe von Zeichnungen präsentiert. Voriges Jahr zeigte das Würzburger Museum am Dom eine Auswahl von Zeichnungen. Jetzt zieht die Bürgerstiftung Düren mit einer umfangreichen Präsentation nach. Weshalb gerade Düren im Rheinland? Hier ist der Unternehmer Peter Mathar zu Hause, der 1987, angeregt durch eine Fernsehsendung, Kontakt mit Mattheuer aufnahm und eine Sammlung der Zeichnungen zusammengetragen hat, die als weltweit größte gilt. Aus Mathars Sammlung wurde die Dürener (wie auch die Würzburger 2009) Ausstellung zusammengestellt.

Mattheuers Zeichnungen sind keineswegs bloße Studien zu den Gemälden, sondern eigenständige Werke. Professor Georg Bussmann, der die Ausstellung in Düren wissenschaftlich begleitet, schreibt: „Die Zeichnungen zeigen Mattheuer als unermüdlichen Arbeiter. Unermüdlich ist dabei mehr als nur ein Wort. Es ist die Offenheit von Mattheuers Wahrnehmung, seine Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, mit Stift und Papier sofort zu reagieren und zu agieren.“ An jedem Ort, an dem er war, habe Mattheuer gezeichnet. „Alles kann ihm Stoff, kann ihm Motiv sein“, resümiert Bussmann.

Zeugen die Landschaften von Harmonie, so lassen figürliche Darstellungen und Szenen, etwa des Kain-und-Abel-Motivs, auch auf Protest schließen. Beides steckt im selben Mattheuer. Der erklärt sich so: „Wenn mir keine Bilder der Harmonie mehr gelingen, dann sind die Problem- und Protestbilder falsch. Die spannungsvolle Reibung zwischen Übereinstimmung und Protest, zwischen Ja und Nein stimuliert und schärft den Blick für die Wahrheit.“

Norbert Jachertz

Informationen

Die Ausstellung „Von der Weite des Himmels und den Mühen der Ebene“ wird vom 10. Oktober bis 28. November in Düren (Rheinland), Schloss Burgau, Von-Aue-Straße 1 gezeigt. Öffnungszeiten mittwochs und samstags 14 bis 18 Uhr, sonntags 11 bis 18 Uhr. Weitere Info über www.buergerstiftung-dueren.de. Die Ursula-Mattheuer-Neustädt-und-Wolfgang-Mattheuer-Stiftung, zu Hause im Leipziger Wohnhaus der Mattheuers, verfügt über circa 50 Zeichnungen. Besuch nach Voranmeldung. Hauptmannstraße 1, 04109 Leipzig. E-Mail: stiftung.umn-wm@t-online.de

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