ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2010Medizin in Papua-Neuguinea: Zwischen Korallenriff und Vulkan

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Medizin in Papua-Neuguinea: Zwischen Korallenriff und Vulkan

Dtsch Arztebl 2010; 107(40): A-1945 / B-1701 / C-1673

Ihle, Tanja

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An zwei Krankenhäusern der lutherischen Kirche in Papua-Neuguinea arbeiten insgesamt vier deutsche Ärztinnen und Ärzte.

Verzaubert von der Freundlichkeit der Menschen: Die Krankenpflegeschüler des Gaubin Hospitals und einige Kinder haben sich für einen traditionellen Tanz geschmückt. Fotos: Tanja Ihle
Verzaubert von der Freundlichkeit der Menschen: Die Krankenpflegeschüler des Gaubin Hospitals und einige Kinder haben sich für einen traditionellen Tanz geschmückt. Fotos: Tanja Ihle

Nach der Arbeit die Schwimmsachen holen, 200 Meter zum Strand schlendern und durch das Korallenriff schnorcheln. Oder sich auf den Rücken drehen und im warmen Wasser des Pazifiks treiben lassen: vor mir die Insel, die sich wie ein Kegel aus dem Meer erhebt, überbordend von tropischer Vegetation; hinter mir, am Horizont, das Festland von Papua-Neuguinea. Genau so habe ich es mir vorgestellt, Ärztin auf einer Südseeinsel zu sein. In dem Moment taucht die bekannte Gestalt eines Pflegers am Strand auf, um mich zu einem Notfall zu holen. Ein junger Mann mit einem rheumatischen Aortenvitium ist kardial dekompensiert. Es gelingt uns, ihn zu stabilisieren. Seine Erkrankung hat in diesem Land allerdings keine gute Prognose.

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Das Krankenhaus, über das ich berichte, ist das lutherische Gaubin Hospital auf der Pazifikinsel Karkar. Die Insel gehört zu Papua-Neuguinea, hat etwa 65 000 Einwohner und einen aktiven Vulkan. Zum Einzugsgebiet gehört auch die Nachbarinsel Bagabag mit etwa 15 000 Einwohnern.

Der lutherische Gesundheitsdienst (LHS) Papua-Neuguineas betreibt medizinische Einrichtungen vor allem in ländlichen Regionen. Die vier Krankenhäuser des LHS leisten eine fächerübergreifende Grundversorgung für einen Einzugsbereich von jeweils bis zu 100 000 Menschen. Dazu verfügen die Häuser über 70 bis 180 stationäre Betten sowie Ambulanz, Kreißsaal und OP. Primary-Health-CareProgramme der Krankenhäuser tragen Präventionsmaßnahmen in das oft schwer zugängliche Hinterland. Pro Krankenhaus arbeiten ein bis drei Ärztinnen und Ärzte in einem Team mit einheimischen Pflegekräften und Hebammen. Wegen des Ärztemangels in Papua-Neuguinea beschäftigt der LHS gegenwärtig vier deutsche Ärzte an zwei Krankenhäusern. Entsendet werden die Mediziner von Mission Eine Welt, dem Missionswerk der evangelisch-lutherischen Kirche Bayerns, und vom nordelbischen Missionszentrum. Beide Einrichtungen unterhalten traditionsreiche Beziehungen mit der lutherischen Kirche Papua-Neuguineas.

Zurück zum Arbeitsalltag auf Karkar. Die Herausforderung besteht vor allem darin, mit begrenzten Mitteln die gesamte Bandbreite des medizinischen Spektrums abzudecken. Von der Placenta praevia bis zum Ulcus der Cornea, von der HIV-Infektion bis zum Hämatopneumothorax, von der exazerbierten COPD bis zur Neugeborenen-sepsis, von der Unterschenkelfraktur bis zur zerebralen Malaria. In vielen Fällen lässt sich dabei mehr erreichen, als man angesichts der kargen Ausstattung erwartet.

Die chirurgische Tätigkeit umfasst alle Subdisziplinen – da muss auch mal nach Buch operiert werden. Häufig sind im abdominalchirurgischen Bereich Appendizitiden, traumatische Milzrupturen und Hernien. Aus dem gynäkologischen und geburtshilflichen Spektrum führen wir vor allem Kaiserschnitte, Salpingektomien bei Extrauteringravidität, Tubenligaturen, Kürettagen und Hysterektomien durch. Die Unfallchirurgie muss ohne interne Osteosynthese auskommen. Es wird mit Gips, Traktion und Fixateur externe gearbeitet. Wegen vieler Unfälle bei der Gartenarbeit und eines hohen Maßes an häuslicher Gewalt ist Traumatologie einer unserer Arbeitsschwerpunkte. Klassisch für eine Südseeinsel ist das Schädel-Hirn-Trauma durch eine herabfallende Kokosnuss. Da wird dann auch einmal die Schädeltrepanation zur Entlastung einer epiduralen Blutung nötig.

Spenden für das Gaubin Hospital auf Karkar Island: Mission Eine Welt, Konto 10 11 111 bei der Evangelischen Kreditgenossenschaft eG (BLZ: 520 604 10), Verwendungszweck: Gaubin – medizinischer Bedarf
Spenden für das Gaubin Hospital auf Karkar Island: Mission Eine Welt, Konto 10 11 111 bei der Evangelischen Kreditgenossenschaft eG (BLZ: 520 604 10), Verwendungszweck: Gaubin – medizinischer Bedarf

Ein anderes klassisches Krankheitsbild ist der Schlangenbiss. Die auf Karkar vorkommenden giftigen Arten führen vor allem zur Atemlähmung. Meist kann die Vergiftung durch die Gabe von Antiserum beherrscht werden.

Papua-Neuguinea ist weltweit eines der Länder mit der höchsten Müttersterblichkeit. Eine von 25 Frauen stirbt an den Folgen von Schwangerschaft und Geburt. Zugleich leidet das Land unter einer Bevölkerungsexplosion – die Einwohnerzahl verdoppelt sich alle 25 Jahre. Land zum Anbau von Nahrungsmitteln beginnt knapp zu werden. Geburtshilfe und Familienplanung nehmen in unserer Arbeit deshalb einen wichtigen Raum ein.

In der Pädiatrie sehen wir vor allem Pneumonien, Malaria, Gastroenteritiden. Unbehandelt sind diese Infektionen für die hohe Kindersterblichkeit von 98 pro 1 000 Kindern unter fünf Jahren verantwortlich. Mit unseren basalen Mitteln lassen sie sich meist gut therapieren. Auch in der Inneren Medizin stehen Infektionskrankheiten im Vordergrund. Tuberkulose ist im ganzen Land sehr verbreitet. Neben Lungen- und Lymphknotentuberkulose sehen wir auch seltenere Formen wie Knochentuberkulose, tuberkulöse Perikarditiden und Meningitiden. Das Krankenhaus hat ein eigenes Tuberkuloseprogramm, in dem wir mit 24 Freiwilligen aus den Dörfern der Insel zusammenarbeiten. HIV ist auf dem Vormarsch. In ländlichen Regionen liegt die Prävalenz um ein Prozent, in den Städten bei fünf bis zehn Prozent. Unser HIV-Team führt Aufklärung, Beratung und HIV-Tests durch. Seit neuestem verfügen wir auch über die antiretrovirale Therapie. Die größte Herausforderung in der HIV-Arbeit ist es, das gesellschaftliche Stigma und die Diskriminierung der positiven Patienten zu überwinden.

Sehr viele Menschen glauben an bösen Zauber. Jede schwere Erkrankung, vor allem wenn sie mit Ödemen oder Lymphknotenschwellungen einhergeht, wird verdächtigt, das Ergebnis von Zauberei zu sein. Mehr als 90 Prozent der Neuguineer gehören christlichen Kirchen an, der Glaube an Zauberei lebt jedoch parallel fort. Stirbt ein Patient, so erhält die Familie eine ärztliche Bescheinigung, dass es sich nicht um einen Tod durch Zauberei handelt – das Krankenhaus besitzt zu diesem Zweck eigens ein Formular.

Noch häufiger als Zauberei werden Familienstreitigkeiten als Krankheitsursache angenommen. Die Bereinigung von Familienkonflikten trägt zur Heilung bei. Es ist üblich, dass Patienten mitten in der Behandlung für ein paar Tage nach Hause entlassen werden, damit sie Streitigkeiten beilegen können. Ist die Einigkeit in der Familie wiederhergestellt, kehren die Patienten mit neuen Kräften ins Krankenhaus zurück.

Insgesamt fühlen wir uns durch die Tätigkeit in Papua-Neuguinea um viele berufliche und persönliche Erfahrungen bereichert. Wir sind verzaubert von der Freundlichkeit der Menschen, erschüttert über das Maß an alltäglicher Gewalt untereinander, fasziniert von ihrer Fähigkeit, das Leben zu nehmen, wie es kommt, und entnervt von der Langsamkeit. Im Krankenhaus wechselt der Spaß an der Improvisation und daran, aus geringen Ressourcen die bestmögliche Medizin zu machen, mit der Frustration über die mangelhafte Ausstattung und Organisation des Gesundheitswesens ab. Immer wieder motiviert werden wir durch die Einheimischen, die hervorragende Arbeit leisten. Wer sich für eine ärztliche Tätigkeit bei der Mission Eine Welt in Papua-Neuguinea interessiert, kann sich an Pfarrer Dr. Traugott Farnbacher wenden; E-Mail: Traugott.Farnbacher @mission-einewelt.de.

Dr. med. Tanja Ihle
E-Mail: Tanja_Ihle@yahoo.de

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